Ex-Feuerwehrmann Rich Roeill im RTL-Interview

Nach dem 11. September 2001: Die 2. Welle - todkrank durch den giftigen Staub

08. September 2021 - 12:31 Uhr

Krebs nach 9/11: Experten warnen vor "dritter Krankheitswelle"

Am 11. September 2001 stand Rich Roeill im Stau auf einer Brücke und sah mit eigenen Augen, wie um 9:03 Uhr Ortszeit das zweite Flugzeug in den südlichen Tower des World Trade Centers (WTC) einschlug. Nach dem Kollaps der Gebäude stand der Feuerwehrmann am Ground Zero und half, schuftete monatelang – und zahlt dafür nun einen hohen Preis. Rauch und giftiger Staub haben ihn unheilbar krank gemacht. So wie Zehntausende andere auch. Viele starben an den Folgen. Im Video erzählt der 57-jährige Familienvater seine Geschichte – und wie er und andere 9/11-Helden jahrelang vom Staat im Stich gelassen worden sind.

Umweltschutzbehörde versicherte: Luft am Ground Zero ist sicher

11.09.2001, USA, New York: Feuerwehrleute klettern über die Trümmer des Marriott-Hotels und des in sich zusaamengefallenen zweiten Turms nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. (zu dpa «20 Jahre 9/11: Terroranschläge in den USA») Foto: Ra
Feuerwehrleute klettern am 11. September 2001 über die Trümmer des Marriott-Hotels und des in sich zusammengefallenen World Trade Centers - einer mit nur notdürftig angelegter Maske, der andere oben.
© dpa, Randy Taylor, mark avery - batch jai

Rich ist 57 Jahre alt, Vater von zwei Töchtern und lebt in Long Island (New York City). Vor der Katastrophe war er Feuerwehrmann, hatte sich als professioneller Taucher auf Seenotrettung spezialisiert. Er spielte Dudelsack in einer Band, sei nie krank gewesen, habe keinen einzigen Tag gefehlt. Das war früher, vor 9/11. Bevor giftiger Staub und Rauch am Ground Zero seine Atemwege irreparabel schädigten. Besonders Ersthelfer (sogenante "First Responder") sind in der Folge schwer erkrankt oder gestorben, denn viele arbeiteten, schliefen und aßen ohne Schutzausrüstung in den Trümmern der Twin Towers, waren hohen Konzentrationen von giftigen Dämpfen und Chemikalien ausgesetzt, ehe Regenfälle und Winde die Luft reinigten, sich die toxische Staubwolke allmählich verzog. Das US-Zentrum für Seuchenschutz geht davon aus, dass bis zu 400.000 Ersthelfer und andere Menschen die Gifte inhalierten, etwa Benzoldämpfe, die durch den brennenden Flugzeug-Treibstoff freigesetzt worden waren.

"Als ich dort ankam, kamen die Menschen zu mir und flehten mich an: 'Bitte, finde meinen Bruder, finde meine Mutter!'", erzählt Rich. Bei der Erinnerung steigen Tränen in ihm auf. Auch 20 Jahre nach dem Anschlag sind die Bilder noch ganz nah. Der Geruch, die Geräusche. Beim Durchsuchen der Trümmer atmete der Feuerwehrmann Rauch und Staub ein. Damals habe er sofort angefangen zu husten, erinnert er sich im RTL-Interview. Nach wenigen Tagen habe er einen weißen, dicken Schleim von der Konsistenz von Hühnereiweiß ausgehustet. Dabei hatte Christine Todd Whitman, die damalige Leiterin der US-Umweltschutzbehörde unter dem seinerzeit amtierenden Präsident George W. Bush zwei Tage nach dem Anschlag noch im CNN-Interview behauptet, die Schadstoffwerte in der Luft würden keinen Grund zur Sorge geben, die Regierung habe sie getestet. Nichtsdestotrotz sollten Retter vor Ort am Ground Zero Atemschutzmasken tragen, "weil die Konzentrationen dort höher sind".

Zehntausende Helfer und Anwohner an Krebs erkrankt - besorgniserregende Zahlen

ARCHIV - 11.09.2001, USA, New York: Passanten spülen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center mit Wasser Staub aus dem Gesicht eines Mannes. (zu dpa «20 Jahre 9/11: Terroranschläge in den USA») Foto: Randy Taylor/ZUMA Press Wire Service/dpa
Passanten spülen nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center mit Wasser Staub aus dem Gesicht eines Mannes. Die feinen Partikel kleben überall - in der Nase, dem Mund, den Augen, der Lunge.
© dpa, Randy Taylor, mark avery - batch jai

20 Jahre nach 9/11 ist die Zahl der Krebsfälle durchaus besorgniserregend. Infolge der Anschläge erkrankten nach offiziellen Angaben, die die "New York Post" zitiert, 23.710 Helfer, Anwohner und andere Personen, die dort arbeiteten oder zur Schule gingen, an Krebs. 1.510 Menschen starben an den Folgen. Aktuelle Studien des "Cancer Treatment Centers of America" zeigen zudem ein Aufflammen von Schilddrüsen-, Prostata- oder Blutkrebserkrankungen bei denjenigen, die damals hohen Giftdosen ausgesetzt gewesen sind. Experten warnen deshalb vor einer "dritten Krankheitswelle". Der "New York Post" sagte der medizinische Leiter des klinischen WTC-Zentrums am Mount Sinai Medical Center: "Es ist ein Warnsignal, in Zukunft ist mit einem signifikanten Anstieg anderer Krebsformen zu rechnen. Wir müssen wachsam bleiben."

Das "WTC Gesundheitsprogramm" hat 112.042 Helfer und Überlebende identifiziert, von denen (Stand 30. Juni 2021) 65.037 an Krankheiten leiden, die direkt auf den 11. September 2001 und die Wochen und Monate danach zurückzuführen sind. 4.627 von ihnen seien verstorben. Die Todesursache tracke das Programm jedoch nicht, so die "New York Post".

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Mutiger 9/11-Held Roeill: "Wir können die Krankheit nicht aufhalten"

Pulmologe Dr. Rajeev Patel, der den Ex-Feuerwehrmann Rich Roeill seit nunmehr sechs Jahren betreut.
Pulmologe Dr. Rajeev Patel (rechts), der den Ex-Feuerwehrmann Rich Roeill (links im Bild) seit nunmehr sechs Jahren betreut.
© RTL

Auch Rich Roeills Gesundheitszustand hat sich in den letzten fünf Jahren drastisch verschlechtert. Heute ist er arbeitsunfähig, unheilbar krank, das Lachen ist ihm eine Qual. Tauchen, Feuerwehrmann sein, Musik machen – all das ist für ihn undenkbar. 16 verschreibungspflichtige Medikamente muss er pro Tag nehmen, die monatlich mehrere tausend US-Dollar kosten. Der 57-Jährige ist rund um die Uhr an ein Sauerstoffgerät angeschlossen, schläft mit einer speziellen Maschine, die Alarm schlägt, sobald der Sauerstoffgehalt im Blut zu niedrig wird. Der Held vom Ground Zero hat mehrere Operationen hinter sich, bei denen Knötchen aus den Nebenhöhlen und der Lunge entfernt werden mussten – bislang war das Gewebe gutartig, kein Krebs. Immerhin.

"Es geht nur noch darum, ihm das Leben zu erleichtern", sagt Pulmologe Dr. Rajeev Patel, der Rich seit nunmehr sechs Jahren betreut. Inzwischen drei Mal pro Woche. "Wir können die Krankheit nicht aufhalten."

Kranke 9/11-Helden mussten für Staatshilfe kämpfen

Rich Roeill nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York,  im Einsatz als Feuerwehrmann am Ground Zero.
Rich Roeill nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in New York, im Einsatz als Feuerwehrmann am Ground Zero. Die schützende Maske am Kinn.
© privat

So viele Kranke, und dennoch erhalten sie und Rich erst seit drei Jahren finanzielle Unterstützung vom Staat. Betroffene mussten vor dem US-Kongress hart für das Geld kämpfen. Sogar prominente Gesichter wie Jon Stewart machten sich für sie stark. "Sie haben ihre Arbeit mit Tapferkeit, Anmut, Ausdauer, Menschlichkeit und Demut gemacht", sagte der sichtlich berührte Comedian. "Jetzt, 18 Jahre später, macht ihr euren Job!", forderte er die Politik mit Nachdruck auf.

Nun fließt das Geld, Rich kann die teuren Medikamente und Arztbesuche bezahlen. Was bleibt, sind die traumatischen Erinnerungen. "Manchmal wache ich mitten in der Nacht aus einem Traum auf und habe wieder diesen Geruch in der Nase, den Geschmack im Mund", sagt Roeill. "Früher war ich nicht so emotional wie jetzt. Da unten war ich Superman." Als Held sieht er sich aber nicht. "Ich habe gemacht, was richtig war, was meine Aufgabe war." (cwa)