Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft

Mein Brieffreund, der Mörder: Morgen soll Quintin Jones hingerichtet werden

18. Mai 2021 - 15:02 Uhr

Quintin Phillippe Jones soll in Texas per Giftspritze sterben

Ein Tag noch, dann soll eine Giftspritze das Leben von Quintin Phillippe Jones beenden. Seit über 21 Jahren sitzt der verurteilte Mörder im Todestrakt des Hochsicherheitsgefängnisses "Polunsky Unit" in Texas ein, für den 19. Mai ist die Hinrichtung angesetzt. Viele wollen das verhindern – unter ihnen auch Sonja Kiechle aus dem Allgäu. Sie pflegt seit sieben Jahren eine Brieffreundschaft mit Jones, sagt, er habe sich verändert und bereue seine Tat zutiefst. Die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft, das exklusive Interview – im Video.

Seit 2014 sind Sonja Kiechle und Quintin Jones Brieffreunde

Sonja Kiechle bewahrt alle Briefe in einer grünen Box auf. 126 Stück an der Zahl sind es mittlerweile. Vor sieben Jahren hatte sie auf der Plattform "Initiative gegen die Todesstrafe" gelesen, dass sich Quintin Jones über eine Brieffreundschaft freuen würde – und setzte sich direkt hin, um Kontakt aufzunehmen. Zu ihrer Überraschung erhielt sie Antwort. Einen mehrseitigen Brief aus dem 9.000 Kilometer entfernten Polk County im US-amerikanischen Bundesstaat Texas. Hier, südlich von Livingston, liegt das Staatsgefängnis "Allan B. Polunsky Unit", in dessen Todestrakt der 41-jährige Quintin Jones seiner Exekution entgegen sieht.

Zehntausende fordern: Lebenslang statt Todesstrafe für Quintin Phillippe Jones

Quintin Jones und seine Großtante Berthena Bryant standen sich sehr nah. Dass er sie getötet hat, kann sich der verurteilte Mörder nicht verzeihen.
Quintin Jones und seine Großtante Berthena Bryant standen sich sehr nah. Dass er sie getötet hat, kann sich der verurteilte Mörder nicht verzeihen.
© privat

Am 11. September 1999 hatte er seine Großtante Berthena Bryant (83) mit einem Baseballschläger erschlagen – wegen 30 US-Dollar für die er Drogen kaufen wollte. Ein Jahr später wanderte er in die Todeszelle. Nun dauert es nur noch einen Tag, bis die Giftspritze Jones' Dasein auslöschen soll.

Dabei wollen selbst die Angehörigen des Mordopfers nicht, dass Quintin Jones seine Tat mit dem Leben bezahlen muss. Sie und rund 145.000 weitere Menschen (Stand 17.05.21, 10:30 Uhr) haben eine Petition auf Change.org unterschrieben, die fordert, die Todesstrafe in eine lebenslange Freiheitsstrafe umzuwandeln. Eine Entscheidung, die nun in Händen des Gouverneurs von Texas liegt. In seiner Amtszeit vom 20. Januar 2015 bis heute hat der Republikaner Greg Abbott jedoch erst einen einzigen Menschen im Todestrakt verschont.

"Ich habe ihm vergeben und ich liebe ihn sehr", sagt Jones' Großtante Mattie Long. Sie ist die Schwester der getöteten Berthena. "Der Gouverneur sollte ihn begnadigen, weil er sich verändert hat und heute ein ganz anderer Mensch ist." Quintin hat Brieffreunde auf der ganzen Welt, kürzlich nahm er mithilfe der "New York Times" ein Video auf, in dem er den Gouverneur direkt anspricht: "Ich weiß, Sie kennen mich nicht. Ich schreibe diesen Brief, um Sie zu bitten, wenn Sie es in Ihrem Herzen fühlen, meinem Gnadengesuch stattzugeben, damit ich am 19. Mai nicht hingerichtet werde." Bei den letzten Worten bricht seine Stimme.

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Todeskandidat Quintin Jones: "Ich habe aus meiner Geschichte gelernt"

Als Jones gefragt wird, wie er heute im Vergleich zu der Person ist, die vor 21 Jahren ins Gefängnis kam, stockt er kurz, sein Blick geht gen Himmel. "Nachdenklicher", sagt er dann. "Und ich liebe mich selbst mehr." Seine Augen schwimmen in Tränen. "Ich bin noch nicht bereit zu sterben. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass es doch passieren wird, ist hoch. Um mental nicht zusammenzubrechen, musste ich das vor vielen Jahren akzeptieren. Am Ende des Tages will ich nicht der Grund für den Schmerz, die Verletzung und die Trauer eines anderen sein, deshalb trage ich das mit mir selbst aus."

Dass seine Großtante Mattie zu ihm steht, ihn trotz allem liebt, habe ihm die Kraft gegeben, durchzuhalten, sich zu verändern. Im "Death Row", der Todeszelle, sei er jeden Tag mit der Vergänglichkeit konfrontiert. "Ich habe über 300 Hinrichtungen erlebt. Ich fühle mich nicht wohl bei dem Gedanken an den Tod, aber ich lebe mit ihm." Er habe akzeptiert, dass er nie frei sein wird, doch wenn er weiterleben darf, weggeschlossen hinter Gittern, könne er seinen Weg immerhin fortsetzen, ein besserer Mensch werden. "Wenn man nicht aus der Geschichte lernt, tendiert man dazu, sie zu wiederholen. Ich habe daraus gelernt. Ich hatte 22 Jahre der Qual, um aus meinen Fehlern zu lernen."

Schwere Kindheit "entschuldigt nicht, was er getan hat"

Als Sohn einer drogensüchtigen Mutter am 15. Juli 1979 geboren, wuchs Quintin Jones in bitterer Armut auf, wurde misshandelt, mit sieben Jahren von Geschwistern sexuell missbraucht, nahm im Alter von acht Jahren zum ersten Mal Drogen, mit 13 dealte er, konsumierte später Crack und Heroin, rutschte immer weiter ab. "Er hatte eine unvorstellbar schwierige Kindheit, die von Missbrauch, Gewalt, Sucht und Vernachlässigung geprägt war", sagt Suleika Jaouad, die seit 10 Jahren mit Jones befreundet ist. "Aber er sagte mir, dass seine Kindheit nicht entschuldigt, was er getan hat."

Und ob der Tod die angemessene Konsequenz ist, darüber streiten Experten, Gegner und Befürworter der Strafe seit Jahren. Dem "Death Penalty Information Center" zufolge kostet ein Todeskandidat den Steuerzahler in Texas durchschnittlich 2,3 Millionen Dollar – und damit drei Mal so viel wie ein Häftling, der 40 Jahre auf höchster Sicherheitsstufe in einer Einzelzelle absitzt. Einer "Gallup"-Umfrage von 2019 zufolge wählten nur 36 Prozent aller US-Amerikaner die Todesstrafe als "bessere Strafe für einen Mord". (cwa)