Vor 20 Jahren verschwand die Neunjährige und wurde ermordet

Vater von getöteter Peggy Knobloch: "Bleibt nur noch, dem Täter alles Schlechte zu wünschen"

Peggy Knobloch verschwand vor 20 Jahren - ihr Mörder läuft noch immer frei herum
Peggy Knobloch verschwand vor 20 Jahren - ihr Mörder läuft noch immer frei herum
© deutsche presse agentur, RTLi, unbekannt

08. Mai 2021 - 15:59 Uhr

Fall Peggy wird zum "Cold Case"

Wie schafft man es, als Eltern weiterzuleben, wenn das eigene Kind ermordet wird? Vor 20 Jahren verschwand Peggy Knobloch im Alter von neun Jahren. Fünfzehn Jahre später wurden ihre sterblichen Überreste gefunden – doch der Täter läuft noch immer frei herum. Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft in Bayreuth die Akten offiziell geschlossen. Für Peggys Eltern unerträglich. Sie haben gehofft, gebangt und sind schließlich emotional zerbrochen.

Was geschah am 7. Mai in Lichtenberg?

Der Fall Peggy ist bis heute ungeklärt
Der Fall Peggy ist bis heute ungeklärt

Gut 6.400 Spuren wurden ausgewertet, 250 Gutachten erstellt, 3.600 Vernehmungen geführt (eine Chronik zum Fall lesen Sie hier). Doch was genau an jenem 7. Mai 2001 im Städtchen Lichtenberg in Oberfranken geschehen ist, weiß nur der Mörder. Um wen es sich handelt, wissen die Ermittler nicht. Oder zumindest haben sie nicht genug Beweise, um ihn zu überführen. Es ist ein Fall mit teils irren Wendungen, einer der spektakulärsten Kriminalfälle in Deutschland.

Es gab einen verurteilten Täter, der im Zuge eines Wiederaufnahmeverfahrens wieder freikam. Eine DNA-Spur am Leichenfundort rückte den Fall sogar zeitweise mit den Verbrechen der rechtsextremen Terrorzelle NSU zusammen, was sich dann aber als Panne der Kriminaltechnik herausstellte. Die DNA des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt war durch einen verunreinigten Zollstock an Peggys Fundort gelangt. Immer, wenn man im Fall Peggy glaubte, es ist schon verworren genug, kam es noch schlimmer.

Peggys Mutter spricht von Demütigungen und Hexenjagd

Foto von Peggy an einer Pinnwand bei der Polizei
Bei einem Verhör im Oktober 2002 gesteht Ulvi K., Peggy missbraucht und wenige Tage später getötet zu haben. Doch das Geständnis wird widerrufen.
© picture-alliance / dpa, Marcus Führer

"Dieses Wechselbad der Gefühle für Familie, Nachbarn und Freunde ist kaum zu toppen", sagt der renommierte Kriminologe und Psychologe Rudolf Egg. Seit vergangenen Herbst sind die Akten geschlossen; der Fall Peggy ist ein "Cold Case", ein ungeklärter Fall. "Es ist sehr traurig, dass der Fall Peggy nun zu den vielen ungeklärten Fällen gehören wird", sagt ihr Vater Mario Schwenk gegenüber RTL. "Das Konzept bei kriminalpolizeilichen Ermittlungen scheint nicht aufzugehen.

So geht die letzte Hoffnung dahin – bleibt nur noch, dem Täter alles Schlechte zu wünschen und Peggy weiter zu ehren und nie zu vergessen." Peggys Mutter Susanne Knobloch hatte im Oktober bestürzt auf die Entscheidung der Staatsanwaltschaft reagiert, das Verfahren einzustellen: "Ich habe 19 Jahre Hölle, Hexenjagd und Demütigungen ertragen. Soll das nun alles umsonst gewesen sein?", sagte die Altenpflegerin der "Bild".

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Das sagt Peggys kleine Schwester

Auch Peggys kleinere Schwester Jasmin hat sich mittlerweile zu Wort gemeldet. Sie war drei Jahre alt, als Peggy ermordet wurde. Im Oktober sagte sie im "Bunte"-Interview: "Ich denke jeden Tag an Peggy. Als sie nach 15 Jahren endlich gefunden wurde, war die einzige Erleichterung für uns als Familie, dass wir nun Gewissheit hatten, was mit ihr passiert war – und dass wir sicher waren: Peggy muss nicht mehr leiden." Und ihre Mutter ergänzte: "Es wird irgendwann ein bisschen erträglicher. Aber der Schmerz geht niemals weg."

Auch wenn der Fall geschlossen ist, ist es nicht aussichtslos, dass der Täter noch überführt wird. Die Einstellung der Ermittlungen sei vorläufig, denn Mord verjähre nicht, sagt Egg. Es gebe also noch Hoffnung, dass derjenige, der verantwortlich für den Tod des Mädchens ist, noch ermittelt wird: "Wenn auch noch so viele Jahre vergehen: Mord bleibt Mord." Er habe in seiner beruflichen Laufbahn immer wieder erlebt, dass es den Hinterbliebenen in den so genannten "Cold Cases" nicht um Rache oder Genugtuung gehe, wenn der Fall nach Jahren doch noch aufgeklärt wird. Aber man wisse, wer verantwortlich ist. Das bedeute keinen Schlussstrich, aber eine neue Form der Trauer.

Täter dürfte nach so vielen Jahren eigene Sicht auf die Tat haben

dpatopbilder - Der als Peggys Mörder verurteilte Ulvi K. (r) sitzt am 10.04.2014 vor Beginn des Wiederaufnahmeverfahrens vor dem Landgericht Bayreuth (Bayern) neben seinem Rechtsanwalt Michael Euler. 2004 wurde Ulvi K. in einem Indizienprozess wegen
Fall Peggy - Prozess um Ulvi K.
© dpa, David Ebener

Nach Eggs Erfahrung ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich in einem Altfall ein Täter selbst nach vielen Jahren meldet und gesteht. Es komme eher vor, dass Zeugen oder Mitwisser ein schlechtes Gewissen bekommen. Der Täter entwickle dagegen oft "eine eigene Sicht der Dinge", um das Verbrechen weniger schlimm erscheinen zu lassen. "Damit lässt sich eher leben. Er hat seine eigene Story, seine eigene Sicht auf die Tat. Dann drückt das Gewissen nicht so sehr."

Wie es ist, als Verdächtiger in einem Verfahren zu gelten, weiß Manuel S., der zwischendurch in den Fokus der Ermittler gerückt war. "Nachdem mein Mandant ohne einen einzigen Beweis gegen ihn zu haben, auf unsägliche Weise von den Ermittlern öffentlich bloßgestellt wurde, wird sein Leben und das seiner Familie nie mehr wie vorher sein. Er wird solange stigmatisiert bleiben, bis der wahre Mörder von Peggy gefunden wird", sagt sein Anwalt, Jörg Meringer, RTL. Manuel S. hatte gestanden, Peggys Leiche mit seinem Auto in den Wald gebracht und dort verscharrt zu haben. Er bestritt aber, das Kind getötet zu haben. Dieses Geständnis widerrief der Verdächtige später wieder. Daraufhin musste die Polizei ihn wieder laufen lassen.

Einzig der unschuldig verurteilte Ulvi K. kann nach Aussage seiner Betreuerin mittlerweile "ein ganz normales Leben führen". Der heute 43-Jährige lebt in einer Behinderten-Einrichtung, geht gern zur Arbeit und ist inzwischen sogar verlobt.

Den ganzen Fall von Peggy Knobloch und warum die Journalistin Ina Jung davon überzeugt ist, dass Peggy noch bis 19 Uhr gelebt haben könnte, schlüsseln wir in unserem True Crime Format #crimetuesday auf Instagram auf. Mehr Infos rund um True Crime finden Sie auch in unserer True Crime Gruppe auf Facebook.

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