Verurteilter Ulvi Kulac spricht im Interview über seine zweite Chance: "Ich habe Peggy nicht umgebracht"

14. Juli 2016 - 8:55 Uhr

Prozess wird im April neu aufgerollt

Es ist einer der mysteriösesten Kriminalfälle in Deutschland - in drei Wochen wird er vor Gericht neu verhandelt. Der geistig behinderte Ulvi Kulac bekommt seine zweite Chance. Er war für den Mord an der 9-jährigen Peggy Knobloch aus Franken verurteilt worden, die seit Mai 2001 spurlos verschwunden ist, doch inzwischen gilt er für viele als unschuldiges Justiz-Opfer. RTL-Nachtjournal-Reporterin Stefanie Albrecht, die sich schon lange mit dem Fall beschäftigt, durfte ihn auf einem seiner ersten Freigänge begleiten – und gibt einen Ausblick auf den Prozess im April.

Prozess wird im April neu aufgerollt
Peggy Knobloch ist seit 2001 verschwunden.

Ulvi kam ins Visier der Ermittler, weil er sich zuvor vor Kindern entblößt hatte. An seiner Täterschaft gab es aber schon früh erhebliche Zweifel. Der inzwischen 36-Jährige ist raus aus der Psychiatrie - zumindest für zwei Stunden darf er seit kurzem zusammen mit seiner Betreuerin zwei Mal in der Woche das Bezirksklinikum verlassen.

RTL-Reporterin Albrecht begleitet ihn in die Fußgängerzone von Bayreuth. Ulvi geht gerne einkaufen und unter Menschen. Zu allen, denen er begegnet, ist er ausgesprochen höflich. Er freut sich über Kleinigkeiten wie einen Eiskaffee und genießt seine Ausflüge in die Freiheit. "Es fühlt sich gut an, dass man rausgehen kann und vor der Tür das alles hinter sich lassen kann", sagt er. "Ich kann meinen eigenen Weg gehen – da mache ich zehn Kreuze."

"Ich habe sie nicht entführt und nicht umgebracht"

Seit mehr als zwölf Jahren ist der geistig Behinderte in der Psychiatrie untergebracht. Er weiß, dass sein Fall bald neu vor Gericht verhandelt wird und hofft, dass er dann irgendwann ganz frei kommt: "Darauf freue ich mich, weil ich da sagen kann, dass ich sie nicht entführt habe und nicht umgebracht habe – und das andere lasse ich dann meinen Anwalt machen."

Dass Ulvi Kulac die kleine Peggy umgebracht haben soll, daran gibt es erhebliche Zweifel. Beweise gab es ohnehin nie. Nur ein Geständnis, das er auf Druck der Kriminalbeamten abgegeben und später wiederrufen hat. Ulvi selbst schildert seine Erlebnisse heute so: "Die ersten Kriminalbeamten waren nicht so nett. Der eine hat mich an den Schultern so gedrückt, dass ich Schmerzen gehabt habe – ich solle es endlich zugeben, dass ich sie entführt und umgebracht habe."

Diese Vorkommnisse will auch Ulvis Anwalt Michael Euler in den Mittelpunkt stellen. "Die Verteidigung legt ein Hauptaugenmerk im Prozess auch darauf, wie es dazu kommen konnte, dass hier ein geistig Behinderter einen Mord gesteht, den er nicht begangen hat", so Euler. "Auch gilt es, die ganzen Versäumnisse der Polizei aufzuklären."

Die soll Ulvi Kulac nicht nur beeinflusst und zum Geständnis gedrängt haben, sondern auch einen Mitinsassen beauftragt haben, ihn auszuhorchen. Dafür wollte man sich dann erkenntlich zeigen. Peter H., der Ulvi damals stark belastete, gab später zu, dass alles gelogen war.

Weil Ulvis Unterstützer durch jahrelange Nachforschungen das alles dem Gericht darlegen konnten, muss der Fall jetzt wiederaufgerollt werden. Gudrun Rödel vom 'Unterstützerkreis Ulvi' ist optimistisch: "Voller Spannung sehe ich dem Prozess entgegen und hoffe, dass er vor allem auch der Wahrheitsfindung dient und dass man dort feststellt, dass Ulvi tatsächlich freizusprechen ist, weil er diesen Mord nicht begangen hat."

Auch der Anwalt ist sich sicher, dass das Gericht Ulvi diesmal freisprechen muss. Meinem Mandanten kann nach derzeitigem Stand der Ermittlungen ein Tötungsdelikt gegenüber Peggy nicht mehr nachgewiesen werden", so Euler. "Er hat zu dem fraglichen Tatzeitraum, den er damals in seinem Geständnis angegeben hat, ein Alibi."

Bleibt die Frage, wenn es Ulvi nicht war, was ist dann mit Peggy passiert? Auch da erhofft sich Anwalt Euler durch den Prozess neue Erkenntnisse. "In dem Verfahren wird insbesondere das familiäre Umfeld von Peggy Knobloch zu hinterfragen sein", so der Verteidiger. "Es gibt dort einige Besonderheiten, zumal schon die Polizei damals nicht ausschließen konnte, dass Peggy Knobloch möglicherweise in die Türkei entführt worden sein könnte."

Ob der Fall jemals aufgeklärt werden kann? Ulvi Kulac kann die Zusammenhänge, was da alles passiert ist, nicht verstehen. Er weiß aber, dass ihm Unrecht widerfahren ist und was er sich wünschen würde: "Freispruch. Raus hier zu meinen Eltern, mit ihnen verreisen", sagt Ulvi. "Und, dass die Staatsanwaltschaft Hof und die Kripo zur Rechenschaft gezogen werden."

Am 10. April beginnt der Prozess vor dem Landgericht in Bayreuth. Wie viele der noch offenen Fragen, dann eine Antwort finden, bleibt spannend.