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Landgericht Mönchengladbach stellt besondere Schwere der Schuld fest

Mord an Greta (†3) aus Viersen: Erzieherin Sandra M. zu lebenslanger Haft verurteilt

08. März 2021 - 10:46 Uhr

Erzieherin Sandra M. beteuerte bis zuletzt ihre Unschuld

Die Mörderin der kleinen Greta muss lebenslang ins Gefängnis. Die Tat sei als besonders verwerflich anzusehen, so das Landgericht Mönchengladbach, das zudem die besondere Schwere der Schuld feststellte, weil die Angeklagte ihre Taten in einem besonders geschützten Raum begangen hat. Sandra M. hatte dem zweijährigen Kind während des Mittagsschlafes den Brustkorb zusammengedrückt, sodass es nicht mehr atmen konnte. Greta starb zwei Wochen später im Krankenhaus, einen Tag nach ihrem dritten Geburtstag.

Richter wirft Sandra M. „bizarre Erziehungsmethoden“ vor

Der Vorsitzende Richter Lothar Beckers sagte, das Gericht sei fest davon überzeugt, dass sich die Tat exakt so zugetragen habe, wie die Staatsanwaltschaft in der Anklage gesagt hatte, so der Vorsitzende Richter Lothar Beckers.

Es war ein Indizienprozess, das Urteil keine Überraschung. Der Richter führte drei Gründe an: Es gab keine medizinische Erklärung für Gretas plötzlichen Tod. Außerdem habe es immer wieder Taten in ähnlichen Situationen (Wickel- und Schlafsituationen) gegeben. Stets hatte die Angeklagte Dienst und alleinigen Zugang zu Kindern. Sandra M. habe immer wieder zu groben, "bizarren Erziehungsmethoden" gegriffen, sie sei keine Autoritätsperson gewesen.

Der Vorsitzende Richter Lothar Beckers.
Der Vorsitzende Richter Lothar Beckers.
© dpa, Rolf Vennenbernd, ve

Niemand sonst hatte Zugriff zu Greta, medizinische Ursachen scheiden aus, so Beckers. Er lobte die schnelle rechtsmedizinische Untersuchung und betonte, dass auch Gretas Hausarzt darauf hingewiesen hatte, dass die Kleine gesund gewesen sei. Die Mörderin nahm das Urteil stöhnend zur Kenntnis, während der Richter sprach, weinte sie.

Die kleine Greta starb im April 2020 in Viersen. Schnell geriet die Erzieherin Sandra M. aus Gretas Kita unter Mordverdacht – die 25-Jährige soll insgesamt in vier Kindertagesstätten Kinder misshandelt haben.

Mutter: „Wir existieren nur noch, wir leben nicht mehr“

Gretas Mutter weinte nach der Urteilsverkündung. "Wir existieren nur noch, wir leben nicht mehr", hatte sie im Prozess gesagt. Greta sei am Tattag im April wegen der Corona-Pandemie zum ersten Mal seit Wochen wieder in die Kita gegangen und habe sich sehr gefreut. Sie sei kerngesund gewesen.

Der Mord an dem kleinen Mädchen hatte große Anteilnahme ausgelöst.
Der Mord an dem kleinen Mädchen hatte große Anteilnahme ausgelöst.
© dpa, Bernd Thissen, bt blo mhe lop

Doch Sandra M. hat dem zweijährigen Kind während des Mittagsschlafes den Brustkorb zusammengedrückt, so dass es nicht mehr atmen konnte. Das Mädchen starb zwei Wochen später - einen Tag nach seinem dritten Geburtstag - im Krankenhaus.

Sandra M. wies alle Vorwürfe zurück

Sandra M. im Gerichtssaal des Landgerichts Mönchengladbach.
Sandra M. im Gerichtssaal des Landgerichts Mönchengladbach.
© dpa, Rolf Vennenbernd, ve cul

Sandra M. beteuerte im Prozess ihre Unschuld – ein Geständnis gab es nicht. Sie habe ein großes Herz für Kinder und leide unter den grausamen Vorwürfen, sagte die Erzieherin unter Tränen in ihrem letzten Wort: "Ich habe weder ihr, noch einem anderen Kind jemals etwas zuleide getan und weise alle Vorwürfe zurück."

Aussagen ihrer Kollegen und Chefin belasteten die Erzieherin schwer

Doch Aussagen von ihren Kollegen, weitere Ermittlungen und auch mehrere Gutachten belasteten sie schwer. Die Leiterin der Viersener Kita sagte im Prozess, Sandra M. sei sehr zurückhaltend gewesen, habe nicht ins Team gepasst. "Erzieher müssen Kinder gut beobachten und entscheiden, wann sie eingreifen", erklärte Heike B. vor Gericht. Sandra M. habe im Alltag aber vieles offenbar nicht deuten können, sei überfordert gewesen.

Vielen Situationen stand Sandra M. offenbar völlig ohnmächtig gegenüber. Sie fand nach Schilderungen ihrer Chefin kein Maß für eine angemessene Reaktion, konnte die Kinder nicht trösten, aufbauen oder in ihre Freude mit einstimmen.

Anklage auch wegen Misshandlung von Kindern in acht weiteren Fällen

Auch an ihren früheren Arbeitsstellen wurde die Erzieherin von Kolleginnen und Vorgesetzten als emotionslos und ungeeignet beschrieben. Außerdem häuften sich seltsame Vorfälle, wo Sandra M. auftauchte: Schon in anderen Kitas soll sie Kindern den Brustkorb zusammengepresst und sie damit in Lebensgefahr gebracht haben.

Immer soll die Angeklagte mit den Kindern allein gewesen sein, als es zu den Vorfällen kam. Acht Fälle dieser Art wurden ebenfalls im Prozess verhandelt. In zweien davon wurde sie wegen "Misshandlung von Schutzbefohlenen" verurteilt. In den anderen bleibt Sandra M. zwar tatverdächtig, allerdings konnten ihr keine Vergehen nachgewiesen werden.

Fremdeinwirkung im Fall Greta wahrscheinlich

Im Fall Greta belastete auch ein Gutachten der Rechtsmedizin die Erzieherin. Bei der Obduktion wurden sogenannte Petechien im Augenbereich des Kindes festgestellt – punktartige kleine Blutungen. Diese treten laut der Expertin vor Gericht üblicherweise auf, wenn es einen so starken Blutstau im Kopf gibt, dass kleine Gefäße platzen.

Die Petechien seien vermutlich wegen Sauerstoffmangels aufgetreten – und ein Fremdeinwirken somit wahrscheinlich, sagte die Rechtsmedizinerin im Prozess aus. Einen plötzlichen Kindstod hielt die Rechtsmedizinerin für "sehr unwahrscheinlich". Üblicherweise trete der bei Babys vor dem vierten Lebensmonat abrupt auf.

Staatsanwaltschaft vermutete, dass Sandra M. sich als Retterin aufspielen wollte

Eine psychiatrische Gutachterin hatte die Erzieherin als voll schuldfähig eingestuft. Der Staatsanwalt vermutete, dass die Frau die Kinder in Gefahr brachte, um sich als Retterin zu profilieren. Sie hatte jeweils selbst Alarm geschlagen, wenn die Kinder Atemnot hatten oder gar nicht mehr atmeten. Die Staatsanwaltschaft hatte deshalb lebenslange Haft für die junge Frau beantragt, außerdem die Feststellung der besonderen Schwere ihrer Schuld und die Verhängung eines Berufsverbotes als Erzieherin. Letzterem folgte das Gericht nicht.

Die Verteidiger von Sandra M. dagegen hatten einen Freispruch gefordert, weil es keinen Tatnachweis gebe und die Todesursache nicht eindeutig geklärt sei.

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