14 Jahre Haft für Haupttäter Adrian V.

Missbrauch von Münster: Beim Verlesen des Urteils versagt dem Richter die Stimme

07. Juli 2021 - 8:32 Uhr

Richter wird bei Urteilsverkündung so emotional, dass er nicht weitersprechen kann

Es passiert nicht oft, dass einem Richter am Landgericht bei der Urteilsverkündung die Stimme versagt. Am Dienstag kam es dazu: Der Vorsitzende Richter Matthias Pheiler kann plötzlich nicht mehr weitersprechen. Im zentralen Prozess um den Kindesmissbrauchskomplex von Münster werden der Hauptangeklagte Adrian V. und seine Komplizen zu zehn bis 14 Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Immer wieder ringen die Richter sicherlich erschüttert um Fassung. Der Prozess gewährt einen Einblick in die emotionale Belastung, der Ermittler bei derartigen Fällen ausgesetzt sind.

Urteile im Prozess um Kindesmissbrauchskomplex Münster
Dem Vorsitzenden Richter Matthias Pheiler versagte bei der Urteilsverkündung in Münster die Stimme.
© dpa, Guido Kirchner, gki cul

Richter am Landgericht Münster gibt Gesprächsfetzen wieder: "Bedient euch"

Nach knapp acht Monaten und mehr als 50 Verhandlungstagen zählt der Vorsitzende Richter bei der Urteilsverkündung noch einmal auf, welche Grausamkeiten die missbrauchten Kinder erleiden mussten. Die vier Angeklagten dokumentierten die Vergewaltigungen nicht nur haarklein. Die Aufnahmen zeigen auch, mit welcher Gleichgültigkeit die Täter den Kindern begegneten. Pheiler nennt es "absolut verstörend", wie die Männer grausamste Gewalttaten "ohne jeden Skrupel" verübten. Insbesondere die lückenlose Videoaufzeichnung dokumentiere, wie "rücksichtslos und mitleidslos" sie vorgegangen seien.

So verbrachten die vier Männer im März 2020 ein gemeinsames Wochenende in der Gartenlaube der 46-jährigen Mutter von V., um anlässlich seines 27. Geburtstages zwei Kinder zu missbrauchen. Über drei Tage hinweg wurden hier der Ziehsohn von Adrian V. sowie der damals fünf Jahre alte Sohn eines der Männer auf brutale Art und Weise wiederholt und über Stunden vergewaltigt. Zwischendrin habe man sie außerdem betäubt - mit einem toxischen Lösungsmittel, das die Gefahr von Herz- oder Atemstillständen mit sich bringe, so der Richter.

Die Gesprächsfetzen aus dem Video, die er ausschnitthaft wiedergibt, verstärken den Eindruck, dass die Täter sich enthemmt und ohne ersichtliches Schuldbewusstsein an den Kindern vergingen. "Bedient euch", sagt einer. "Das Buffet ist eröffnet", entgegnet der andere. Am Ende der knapp zweistündigen Urteilsverkündung wird es dem Richter zu viel. Er ist emotional so erfasst, dass seine Stimme versagt.

Adrian V.
Adrian V., der Hauptangeklagte im Missbrauchskomplex Münster.
© RTL

Adrian V. vernichtete Existenzen - und grinst

Der Prozess wird für fünf Minuten unterbrochen, doch auch das ändert nichts daran, dass Pheiler das Urteil nicht zu Ende sprechen kann. Schließlich übernimmt der Beisitzer. Es ist auch das wiederkehrende Grinsen im Gesicht von Adrian V., das die Richter um Fassung ringen lässt. "Im Grunde dürfen Sie nie mehr raus", sagt der Beisitzer zu dem 28-Jährigen, der vor ihm auf der Anklagebank sitzt.

Der Mann, der als Schlüsselfigur in dem Tatkomplex ausgehend vom westfälischen Münster gilt, habe Existenzen vernichtet, die seiner Opfer und solche aus seinem Umfeld. Wären er und die drei weiteren angeklagten Männer nicht vor gut einem Jahr verhaftet worden, sie hätten weiter Kindern schwerste Gewalt angetan, ist er überzeugt. All das, nehme er "einfach grinsend zur Kenntnis", hält ihm der Beisitzende Richter sichtlich erschüttert vor. "Es ist unfassbar", wiederholt er immer wieder.

Was im Prozess, der zum Schutz der Opfer in weiten Teilen unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, zu Tage kam, sprengte selbst für Berufsrichter die "Grenzen des Vorstellbaren bei weitem", sagt der Vorsitzende im Gerichtssaal. Dabei sei auch offen gelegt worden, wie pädophile Täter agierten. "Sie täuschen, sie lügen, sie manipulieren". Und im Fall der nun verurteilten Deutschen handelten sie mit einer abgebrühten Selbstverständlichkeit, die erschaudern lässt.

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Sexueller Missbrauch war "der traurige Alltag dieser Kinder"

Besonders schockierend auch für die Richter: "Es hat den Anschein, als sei schwerer sexueller Missbrauch der traurige Alltag dieser Kinder gewesen." Insbesondere im Frühjahr 2020, als sie wegen des coronabedingten Lockdowns nicht in die Schule konnten, habe die Handlungsdichte nochmal zugenommen.

Die im Prozess angeklagten Einzeltaten in der Laube und an zahlreichen anderen Tatorten sind nach Einschätzung des Gerichts "nur die Spitze des Eisbergs", insbesondere in Bezug auf den 28-Jährigen. Ausgehend von den Ermittlungen gegen ihn gibt es inzwischen mehr als 50 Tatverdächtige in Deutschland und dem angrenzenden Ausland, mehr als 30 sitzen in Haft.

Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig - ein Verteidiger sagte nach dem Prozess, man denke darüber nach, gegen die Sicherungsverwahrung in Revision zu gehen. (mst, dpa)