RTL-Medizinexperte schätzt ein

Neue Doppel-Mutation breitet sich in Indien aus - was das für uns bedeutet

Muss uns die indische Coronavirus-Variante auch in Deutschland Sorgen bereiten?
Muss uns die indische Coronavirus-Variante auch in Deutschland Sorgen bereiten?
© iStockphoto, CROCOTHERY

30. März 2021 - 11:20 Uhr

Ansteckender und resistent gegen Impfstoffe?

Das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land Indien steuert nach Einschätzung von Experten gerade auf eine neue Corona-Welle zu. Sorge bereitet vor allem eine neue Doppel-Mutation des Coronavirus. Diese scheint ersten Einschätzungen nach ansteckender zu sein als der Urtyp. Experten befürchten, sie könnte resistent gegen die meisten vorhandenen Impfstoffe sein. Wie wahrscheinlich ist es, dass die Variante ihren Weg nach Deutschland findet? Müssen wir uns Sorgen machen? Das haben wir Dr. Christoph Specht gefragt.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Wie gefährlich sind Doppel-Mutationen? Mediziner Dr. Specht schätzt ein

Zwei Mutationen am Virus klingen besonders bedrohlich. Aber geht von Doppel-Mutationen automatisch eine höhere Gefahr aus? "Generell kann man das nicht sagen." Es komme eher darauf an, welche Eigenschaften die jeweiligen Mutationen haben, sagt RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht. Gefährlicher werde es, wenn das Virus durch die Mutationen infektiöser wird und unserer Immunantwort leichter auszuweichen kann. "Das ist hier der Fall", erklärt der Mediziner mit Blick auf die indische Variante.

Wieso die indische Doppel-Mutation besonders gefährlich sein könnte

Die neue Corona-Variante aus Indien weist gleich zwei Mutationen auf: in den Spike-Proteinen E484Q und L452R. Durch diese Mutationen kann das Virus besser an die menschliche Zelle andocken. Die E484Q-Mutation sei der E484K-Mutation sehr ähnlich, erklärt der Virologe Dr. Jeremy Kamil von der US-amerikanischen Louisiana State University gegenüber "BBC". Letztere tauche auch bei den südafrikanischen und brasilianischen Corona-Varianten auf, die ebenfalls als besorgniserregend gelten. Die L452R-Mutation sei Wissenschaftlern zudem von der sogenannten"kalifornischen Variante" bekannt.

Diese Virus-Mutationen werden mit einer größeren Ansteckungsgefahr in Verbindung gebracht und versetzen das Virus möglicherweise in die Lage, die menschliche Immunantwort zu umgehen.

Lese-Tipp: Virologe zur Brasilien-Mutante: Wie sehr sind wir in Deutschland davon bedroht?

RTL.de empfiehlt

Anzeigen:

Wird die Doppel-Mutation ihren Weg nach Deutschland finden?

RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht
RTL-Medizinexperte Dr. Christoph Specht
© rtl.de

Von der britischen Corona-Variante haben wir gelernt: Mutationen, die im Ausland entdeckt werden, können ihren Weg recht schnell nach Deutschland finden. Müssen wir uns Sorgen machen, dass uns das auch mit der indischen Doppel-Mutation droht? "Das ist hochwahrscheinlich", glaubt Dr. Specht. "Wenn irgendwo auf der Welt eine Variante entsteht und diese einen großen Selektionsvorteil hat und sich dadurch gut vermehren kann, dann kommt sie irgendwann auch zu uns." Selbst wenn die Mutation es nicht schaffe, über Infektionsketten nach Deutschland zu gelangen, so der Experte weiter, gebe es immer noch die Möglichkeit, dass eine solche Mutation des Virus auch in Deutschland entsteht. "Mutationen entstehen immer dann, wenn das Virus oft die Gelegenheit hat, sich zu vermehren - also wenn die Infektionszahlen hochgehen", so Dr. Specht.

Wie schnell könnten Impfstoffe angepasst werden?

Wenn die indische Doppel-Mutation nun tatsächlich eine Resistenz gegen die bisherigen Corona-Mutationen aufweist, müssten die Impfstoffe angepasst werden, um ihre Verbreitung aufzuhalten. Doch wie schnell geht das überhaupt? Im Bezug auf die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna ist Dr. Specht optimistisch. "Das geht relativ schnell. Beim mRNA-Impfstoff braucht man für die Anpassung etwa sechs Wochen.", schätzt der Mediziner. "Dann braucht man natürlich noch etwas Zeit für die Produktion. Da wird man sicherlich noch mal vier bis sechs Wochen rechnen müssen - und dann könnte es schon losgehen." Bei den Vektor-Impfstoffen – dazu zählt das Vakzin von AstraZeneca – müsse man jedoch mehr Zeit einrechnen, bis die Anpassung umgesetzt werden könne.

Ein großer zeitlicher Vorteil sei, dass angepasste Impfstoffe keine neue Zulassung brauchen, so Dr. Specht. Positiv sei zudem, dass man davon ausgehen könne, dass auch die aktuellen Impfstoffe immer noch eine Wirkung gegen die bisherigen Corona-Mutationen zeigen, auch wenn diese Wirkung vielleicht geringer sei.

Lese-Tipp: Biontech, Moderna, AstraZeneca und Johnson & Johnson: Corona-Impfstoffe im Vergleich

Indien vor erneutem Lockdown?

Frau in Indien bekommt Corona-Test
Eine Corona-Doppel-Mutation verbreitet sich rasant in Indien.
© imago images, Hindustan Times

Vor einigen Wochen wurden in Indien teils weniger als 10.000 Corona-Infektionen pro Tag erfasst. Seitdem hat sich die Lage im Land drastisch verschlechtert. Zuletzt wurden mehr als 50.000 tägliche Neuinfektionen gemeldet. Experten befürchten, dies könne auch mit der neuen Corona-Mutation zusammenhängen.

Laut Angaben des indischen Gesundheitsministeriums macht der Anteil der Doppel-Mutation bereits 15 bis 20 Prozent aller Fälle in Maharashtra aus. Der indische Bundesstaat ist von der neuen Corona-Welle besonders stark betroffen.

Corona-Experten, wie Dr. Vinod Paul von der indischen Planungskommission NITI Aayog, glauben, dass nur ein erneuter Lockdown die starke Verbreitung des Coronavirus in Indien bremsen kann: "Wir müssen diese zweite Welle der Pandemie gemeinsam bekämpfen, die wir sehen, und dafür müssen wir zu den gleichen Maßnahmen zurückkehren, die uns schon einmal geholfen haben, die Pandemie einzudämmen", so Paul. "Und jetzt haben wir auch noch die Impfungen als Werkzeug."

Quelle: RTL, dpa, AP

Auch interessant