Auswirkungen auf die Impfstoffe

Corona-Mutationen: Wie gefährlich ist die Südafrika-Mutante?

FOTOMONTAGE, Mutierender Coronavirus, Symbolfoto Virus-Mutation
FOTOMONTAGE, Mutierender Coronavirus, Symbolfoto Virus-Mutation
© imago images/Christian Ohde, Christian Ohde via www.imago-images.de, www.imago-images.de

15. Februar 2021 - 11:04 Uhr

Unterschiede der Corona-Mutanten

Neben der Sars-CoV-2-Variante B.1.1.7 verbreitet sich in Deutschland auch die zuerst in Südafrika aufgetretene Mutante B.1.351. Wie der britische Ableger ist sie infektiöser als das ursprüngliche Virus. Sorgen bereitet aber vor allem, dass Impfstoffe gegen B.351 weniger wirksam sein könnten. Die Details erklären wir hier.

+++ Alle aktuellen Informationen zum Coronavirus finden Sie in unserem Live-Ticker auf RTL.de +++

Mutationen verbreiten sich schnell weiter

Aktuell ist in Deutschland vor allem die Ausbreitung des britischen Coronavirus-Ablegers B.1.1.7 in den Schlagzeilen, da er wesentlich infektiöser als das ursprüngliche Virus ist. Doch mit der Variante B.1.351 ist eine weitere Mutante auf dem Vormarsch, die möglicherweise noch gefährlicher ist. Denn erste Studien deuten darauf hin, dass sie nicht nur ähnlich ansteckend ist wie B.1.1.7, sondern auch weniger angreifbar durch Antikörper ist.

Dem US-amerikanischen Centers for Desease Control and Prevention (CDC) zufolge wurde B.1.351 zum ersten Mal im vergangenen Oktober in Nelson Mandela Bay in Südafrika entdeckt. Seitdem hat sich die Mutante in dem Land sehr schnell ausgebreitet. Laut Richard Lessells vom KwaZulu-Natal Research and Innovation Sequencing Platform (KRISP) ist die Variante dort inzwischen schon für mehr als 90 Prozent der Covid-19-Infektionen verantwortlich. "Es ist erstaunlich und erschreckend, wie schnell sie sich durchgesetzt hat", sagte er der "Washington Post", "und es fühlt sich so an, als ob wir gerade dabei sind, zu beobachten, wie diese und die anderen neuen Varianten weltweit immer dominanter werden."

Tatsächlich ist die südafrikanische Variante PANGO Lineages zufolge bereits in 32 Ländern nachgewiesen worden, zu denen auch Deutschland gehört. Das Forschungsprojekt bezieht sich dabei auf den bisher größten bekannten Ausbruch von B.1.351 in der Bundesrepublik, der sich Ende Januar in einem Kölner Flüchtlingsheim ereignet hat. 41 der 108 Bewohner wurden positiv auf Covid-19 getestet, in 31 Proben wurde die südafrikanische Variante nachgewiesen.

B.1.351 weist im Vergleich zum ursprünglichen Virus acht Mutationen auf. Eine von ihnen (501) befindet sich im Stachelprotein (Spike-Protein), mit dem das Virus an menschlichen Zellen andockt. Es ist vermutlich verantwortlich für die erhöhte Infektiosität der Variante. KRISP-Forscher schätzen laut ZDF, dass sie sich um 50 bis 60 Prozent schneller ausbreitet. Damit besteht wie bei B.1.1.7 die Gefahr, dass die Eindämmung der Pandemie schwerer wird, wenn die südafrikanische Mutante zur dominanten Variante wird.

Mutationen haben Auswirkungen auf die Virus-Verbreitung

Erschwerend kommt hinzu, dass B.1.351 eine weitere Mutation am Stachelprotein aufweist, die die Wirkung von Antikörpern abschwächt. Sie wurde kürzlich auch erstmals bei der britischen Variante nachgewiesen. Das bedeutet wahrscheinlich nicht nur, dass sich zuvor bereits Infizierte leichter erneut anstecken können. Die Mutation E484K schwächt offenbar auch die Wirksamkeit von Impfstoffen ab. Darauf deuten unter anderem eine Vorab-Studie der University of Seattle und ein Preprint der Columbia University in New York hin. Wissenschaftler befürchten außerdem, dass auf künstlichen (monoklonalen) Antikörpern basierende Medikamente das Virus schlechter neutralisieren können.

Die Mutation trägt ihre Bezeichnung, weil sie sich in der betreffenden Stelle des Virus-Genoms befindet. Und dort hätten Mutationen den größten Effekt auf die Antikörper-Bindung und Neutralisation, schreibt Allison Greaney, die das Forschungsprojekt der University of Seattle leitet. In ihren Versuchen mit Blutseren genesener Covid-19-Patienten verringerte die E484K-Mutation die Wirkung der Antikörper um das Zehnfache.

Das bedeutet, Sars-CoV-2 hat eine sogenannte Escape-Mutation entwickelt. Sie entsteht, wenn ein sehr hohes Infektionsgeschehen oder eine entsprechende Impfquote zu der sogenannten Herdenimmunität führt. Dabei setzt sich eine Mutation durch, die es ermöglicht, der Antwort der Antikörper-Reaktion des Immunsystems zu entkommen. Die Varianten mit der entsprechenden Veränderung verdrängen dann diejenigen ohne diese spezielle Mutation.

Impfstoffe wirken, aber...

Dies bedeute aber nicht, dass Impfstoffe oder eine natürliche Immunantwort wie im Versuch auf das Virus nun zehnmal weniger wirksam sind, heißt es in der Studie. Denn die meisten Menschen produzierten Antikörper nicht nur gegen eine Stelle des viralen Proteins, sondern gegen mehrere verschiedene. So habe es Proben gegeben, die von der E484-Mutation kaum beeinträchtigt gewesen seien.

Und auf die Abwehr durch T-Zellen, die befallene Zellen töten, dürfte die Mutation überhaupt keine Auswirkung haben. Folgeuntersuchungen von Probanden nach einer Studie des Universitätsklinikums Tübingen hatten ergeben, dass auch sechs Monate nach einer Infektion diese weißen Blutkörperchen noch stark auf Sars-CoV-2 antworteten.

Das Ausmaß der Abschwächung der Antikörper-Abwehr bei den unterschiedlichen Impfstoffen scheint verschieden stark auszufallen. Am besten sind offenbar mRNA-Vakzine gegen die E484K-Mutation gefeit. Biontech und Pfizer haben ihren Impfstoff im Labor mit künstlich erzeugten Viren untersucht. Dabei habe sich herausgestellt, dass die Neutralisierung des Virus mit der Mutation E484K zwar "etwas geringer" sei, heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung der beiden Unternehmen. Dies führe aber "vermutlich nicht zu einer signifikant verringerten Wirksamkeit des Impfstoffs".

Zweite Impfstoff-Dosis sehr wichtig

Das Ergebnis wurde kürzlich von einer Vorab-Studie der University of Texas bestätigt. Ein Preprint der Icahn School of Medicine at Mount Sinai kam zu ähnlichem Resultaten bei Versuchen mit Blutproben geimpfter Personen. Die Forscher vermuten aber, dass ein ausreichend starker Schutz erst nach der zweiten Dosis erreicht wird und raten daher von Überlegungen ab, die Impfungen aus Mangel auf eine Dosis zu reduzieren.

Auch beim Impfstoff von Moderna führt die E-484K-Mutation dazu, dass er gegen die Variante B.1.351 nicht so stark wirkt wie gegen das ursprüngliche Virus - laut einer Vorab-Studie des Herstellers sechsmal schwächer. In einer Stellungnahme schreibt Moderna, man erwarte, dass der Antikörper-Wert (Titer) trotzdem hoch genug sei, um auch Schutz vor der neuen Variante zu bieten. Es könne allerdings sein, dass eine Immunität früher nachlasse.

Große Fragezeichen hinter Astrazeneca-Impfung

Kritischer sieht die Situation beim Vektor-Impfstoff von Oxford-Astrazeneca aus. Weil eine Vorab-Studie der Johannesburger Wits Vaccines and Infectious Diseases Analytics (VIDA) zu dem vorläufigen Ergebnis kam, dass die Schutzwirkung gegen die Sars-CoV-2-Variante B.1.351 "minimal" ist, setzte die südafrikanische Regierung den Einsatz des Impfstoffs aus.

WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus zeigt sich deswegen besorgt, will den Impfstoff aber noch nicht abschreiben. Er weist auf offensichtliche Mängel der Studie hin. Er kritisiert vor allem das mittlere Alter der rund 2000 Studienteilnehmer von 31 Jahren. In dieser Gruppe gäbe es zu selten schwere Verläufe der Krankheit, um Aussagen über eine diesbezügliche Wirkung des Impfstoffs zu treffen, schreibt er.

Schutz vor schweren Verläufen auch gut

Laut der "Ärztezeitung" weist Sabri Mahdi von der Universität Witwatersrand in Südafrika auf Studien des Herstellers Johnson & Johnson hin, bei dem es sich ebenfalls um ein vektorbasiertes Vakzin handle. Auch dieser Wirkstoff sei bei moderaten Verläufen weniger wirksam gewesen, habe aber vor Hospitalisierungen und tödlichen Verläufen geschützt. Es sei daher möglich, dass beide Impfstoffe eine ähnliche Immunantwort induzierten.

Eine weitere, umfassendere Studie soll jetzt in Südafrika Aufschluss darüber geben, wie gut das Vakzin tatsächlich vor der Mutante B.1.351 schützt. Das spielt auch für Deutschland eine Rolle, wo vorerst neben den mRNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna nur der Oxford-Astrazeneca-Wirkstoff zum Einsatz kommt.

Quelle: ntv.de

TVNOW-Dokus: Corona und die Folgen

Das Corona-Virus hält die Welt seit Monaten in Atem. Auf TVNOW finden Sie jetzt spannende Dokumentation zur Entstehung, Verbreitung und den Folgen der Pandemie.

Auch interessant