Mutter appelliert, sich Hilfe zu holen

Nach Abgabe in der Babyklappe: Bianca (39) holte ihren Sohn Leon wieder nachhause

11. September 2020 - 10:51 Uhr

Erstmals seit 13 Jahren: Kleiner Junge in Babyklappe abgeben

Im Juli löste erstmalig seit dem 13-jährigen Bestehen der Babyklappe in Satrup bei Flensburg der Alarm aus: Ein Baby war in das Wärmebettchen hinter der Klappe gelegt und die Klappe geschlossen worden. Mitarbeiter vom Verein Sternipark kümmerten sich sofort um das Baby. Seitdem ist das Baby in der Obhut des zuständigen Jugendamtes. Jetzt suchen die Helfer von Sternipark den Kontakt zur Mutter, weil sie davon überzeugt sind, dass sie Unterstützung braucht. Bianca (39) glaubt zu wissen, was in der Frau vorgeht. Denn im Januar 2020 legte sie ihren Sohn Leon, ihr siebtes Kind, in die Babyklappe. Im Video schildert sie ihre damalige Situation und richtet einen Appell an die Frauen, die schwanger und in einer schwierigen Lebenssituation sind.

Mutter Bianca kann nachvollziehen, wie sich die Mutter fühlt

Nach regelmäßigen Besuchen bei Sternipark und der Behandlung einer nicht erkannten Schilddrüsenerkrankung holte Bianca ihren Leon wieder ab. Seitdem lebt Leon wieder in der Familie. Bianca hat immer noch regelmäßig Kontakt zu Sternipark und kann nachvollziehen, wie sich die Mutter fühlt, die im Juli ihre Kind in die Klappe legte und verschwand.

Leon im Alter von 8 Monaten. Mutter Bianca hat auch heute noch Kontakt zu den Mitarbeitern des Familienzentrums vom Sternipark.
Leon ist jetzt 8 Monaten alte - Mutter Bianca hat auch heute noch Kontakt zu den Mitarbeitern des Familienzentrums Sternipark.
© TV News Kontor

Cirka 100 Babyklappen gibt es in Deutschland

Babyklappen gibt es in Deutschland erst wieder seit zwei Jahrzehnten. Doch eine Erfindung der Neuzeit sind sie nicht. Es gibt sie bereits seit dem 12. Jahrhundert. Die wahrscheinlich älteste Babyklappe befindet sich in Rom, am Hospital Santo Spirito  – sie ist allerdings nicht mehr in Betrieb, sondern kann nur noch von Touristen bestaunt werden. In Deutschland wurden die ersten modernen Babyklappen 2000 in Hamburg und Lübeck eingerichtet. Seitdem hat ihre Zahl stetig zugenommen. Aber eine offizielle Statistik, wie viele Babyklappen es in Deutschland gibt, existiert nicht. Der Jugendhilfe-Träger Sternipark schätzt die Anzahl auf über 100. Auch zur Zahl der Kinder, die in solche Klappen gelegt wurden, gibt es nur ungefähre Angaben.

Mutter kann sich unerkannt zurückziehen

Das Konzept der Babyklappen ist einfach: Mütter können ihre Säuglinge in die Klappe legen, dort wartet ein stets auf 37 Grad temperiertes Nest auf die Kinder. Ist die Klappe geschlossen, wird zeitverzögert ein Alarm ausgelöst. Die Mutter hat Zeit, sich unerkannt von der Klappe zu entfernen. Der Säugling wird dann untersucht und bleibt in der Pflegeeinrichtung und in der Obhut des Jugendamtes. Acht Wochen lang hat die Mutter Zeit, sich bei dem Träger der Babyklappe zu melden.Tut sie das nicht, kommen die Kindern meist zuerst zu Pflegeeltern und werden später zur Adoption freigegeben.

Kritiker: Jedes Kind hat ein Recht darauf zu wissen, wer seine Eltern sind

Das Konzept der Babyklappen ist sehr umstritten. Die Befürworter dieser Einrichtungen argumentieren: Mit diesen Angeboten kann die Tötung von Neugeborenen verhindert werden. Mittlerweile gebe es aber eine Reihe von Argumenten und Untersuchungen, die Zweifel an dieser Behauptung aufkommen lasse, argumentiert dagegen die Hilfsorganisation "terre des hommes". "Es gibt keine öffentlichen Zahlen, aber wir können nicht erkennen, dass die Zahl der Kindstötungen abgenommen hat", sagte Michael Heuer, Pressereferent von Terre des Hommes, im April gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Auch sei die Babyklappe juristisch schwierig, weil jedes Kind ein Recht darauf habe, zu erfahren, wer seine Eltern sind. Der Ethikrat erklärte bereits 2009 in einer Stellungnahme, dass Babyklappen ihren Zweck Leben zu retten nicht erfüllt hätten, da die Zahl tot aufgefundener Babys seit Jahren stagnieren würde. Babyklappen würden sogar eher die Abgabe von Kindern fördern, hieß es.

Nicht wenige Mütter stammen aus der Mitte der Gesellschaft

Die Kritiker sagen zudem, dass die Babyklappen gar nicht das anvisierte Klientel finden: Drogenabhängige, Illegale, Prostituierte, oder Frauen, die so verzweifelt sind, dass sie ihr Kind möglicherweise töten würden. Stattdessen, so zeige es auch eine Studie des Familienministeriumsaus dem Jahr 2018, seien die Nutzerinnen sehr verschieden. Es gebe große Unterschiede zwischen den Müttern, etwa, was die finanzielle Lage oder die Bildung angeht. Nicht wenige stammten direkt aus der Mitte der Gesellschaft. Offenbar geplagt von der merkwürdigen Panik und Angst, nicht für ihr Baby sorgen zu können, die für Außenstehende nur schwer fassbar ist.

Anonyme und vertrauliche Geburt sind die Alternativen

Die Organisation "terre des hommes" favorisiert deswegen bei ungewollten Schwangerschaften die "vertrauliche Geburt", die es seit 2014 in Deutschland gibt. Die vertrauliche Geburt sieht vor, dass die Mutter mithilfe eines Pseudonyms zwar offiziell anonym in einem Krankenhaus entbinden kann. Jedoch muss sie sich zumindest einmal gegenüber einer zuständigen Person einer Schwangerschaftskonfliktberatungsstelle ausweisen.

Dadurch ist es möglich, einen Herkunftsnachweis mit Namen, Geburtsdatum und aktueller Anschrift der Mutter zu erstellen, das beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln hinterlegt wird. Das Kind hat dann die Chance nach 16 Jahren zu erfahren, wer seine Mutter ist. Anders ist das bei der anonymen Geburt, die wie die Babyklappen ebenfalls rechtlich umstritten ist: Name und Personenstand der schwangeren Frau werden hier nicht erfasst.