Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden!

Expertin warnt: Erwachsene können an traumatischer Kindheit "zerbrechen"

Harald Glööckler vergießt im Dschungelcamp Tränen.
Harald Glööckler erzählt im Dschungelcamp von seiner schweren Kindheit.
RTL

Das Leben von Harald Glööckler scheint von außen betrachtet so pompöös zu sein wie seine Mode. Doch im Dschungelcamp lässt der Designer tief in seine Seele blicken: "Meine Kindheit war eigentlich ein einziges Trauma." Vor allem die Gewaltausbrüche seines Vaters gegenüber seiner Mutter gehen Glööckler nicht aus dem Kopf. Wie eine solch traumatische Erfahrung Erwachsene prägen kann, weiß Familienberaterin Ruth Marquardt.

1. Was macht es mit Erwachsenen, wenn sie als Kinder in einem gewaltsamen Umfeld aufwachsen?

Ruth Marquardt: „Viele Menschen, die mit solchen oder ähnlichen Traumata aufgewachsen sind, zerbrechen an dem Erlebten. Ein Kind, das zusehen muss, wie der Vater gegenüber der Mutter gewalttätig ist, fühlt sich nicht nur in seiner Welt bedroht, es erleidet selbst Todesängste. Oft wollen Kinder ihren bedrohten Elternteil beschützen, fühlen sich ohnmächtig, weil sie zu klein sind und geben sich im Nachhinein auch als Erwachsene noch Jahrzehntelang die Schuld: Ich hätte sie retten müssen.“

2. Wie wirkt sich eine solche Erfahrung das auf das weitere Leben aus?

Ruth Marquardt:Das alte Sprichwort ‘Die Zeit heilt alle Wunden’ stimmt leider nicht. Harald Glööckler beschreibt es auf so wundervolle Weise: Wir wollen den Deckel draufmachen, die alten Dämonen verbannen, das Geschehene vergessen. Aber unsere Seele kennt keine Zeit. Der Schreck, das lähmende Gefühl von Ohnmacht, die Angst um das Leben der Mutter und schließlich der Tod - all das sind Ereignisse, die unser Körpergedächtnis speichert. Unsere Zellen erinnern sich. Es ist aus traumatherapeutischer Sicht so viel mehr als nur eine traurige Erinnerung an unsere Kindheit. Daher befassen sich moderne Traumatherapien nicht nur mit der Psyche, der Erinnerung, sondern auch mit dem Körper, der Seele und dem Geist.

Die Auswirkungen schlimmer Erfahrungen zeigen sich bei jedem Menschen ganz individuell. Manche flüchten sich in Süchte, haben Angst, tiefe Bindungen einzugehen. Andere werden selbst gewalttätig. Wieder andere nehmen sich das Leben.*

Der Schmerz selbst sitzt nach solchen Erfahrungen tief. Er kann unsere Fähigkeit zu unbeschwerter Freude trüben oder ganz ersticken. Er kann zu Depressionen führen. Zu körperlichen Symptomen wie Schlafstörungen, Bluthochdruck aber auch zu sogenannten unerklärlichen Krankheitsbildern, sogenannten Autoimmunkrankheiten.“

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Ruth Marquardt ist Systemische Therapeutin, NLP-Trainerin und Hypnotherapeutin
Ruth Marquardt ist Systemische Therapeutin, NLP-Trainerin und Hypnotherapeutin.
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3. Wie kann ich als Erwachsener lernen damit umzugehen?

Ruth Marquardt: „Das Wunderbare ist: Wenn wir uns unseren Dämonen stellen, wenn wir uns trauen, der Vergangenheit wie einem Gespenst mit der Taschenlampe ins Gesicht zu blicken, indem wir darüber sprechen und Verständnis und Unterstützung erfahren - ist dies ein erster so wichtiger Schritt in Richtung Heilung. So wie es Harald Glööckler gerade tut. Mutig und aufrichtig. Das ist nicht für jeden Menschen zu empfehlen. Je nach Trauma, je nach eigenen Ressourcen, kann es für manche Menschen auch bedeuten, dass sie Gefahr laufen, retraumatisiert zu werden – hier kommt es darauf an, sehr gut auf sich zu achten und seinem Gefühl zu folgen.

Heilung bedeutet im übrigen nicht, dass wir immer über das Erlebte sprechen müssen. In wunderbar einfühlsamen Traumatherapien wie beispielsweise der Methode des ‘Somatic Experiencing’ können Menschen lernen, ihre Gefühle von Trauer, Schmerz, Ohnmacht, Schuld und vielem mehr aufzulösen, ohne auch nur einen Satz über das Erlebte verlieren zu müssen. Es geht darum, die aufgestauten Gefühle Schritt für Schritt fühlen zu lernen, die Gefühle auszuhalten, zu lernen: Ich kann als Erwachsene all das steuern. Ich werde nicht mehr davon überrollt, sondern ich sitze am Steuer meines Lebens.

Alles, was nicht gelöst wird, behält Macht über uns.

Wichtig ist auch, dass wir verstehen: Gefühle sind keine Krankheit. Im Gegenteil: Sie sind alle - positive wie negative - Ausdruck unseres Menschseins. Menschsein bedeutet verletzt zu werden und Schmerz zu erfahren. Aber auch Freude und Glück zu erleben. Schneide ich das eine ab, schneide ich mir auch einen Teil meiner Lebensfreude ab. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Unsere Gefühle sind unsere natürlichen und wundervollen Begleiter. Sie sind das Salz in der Suppe des Lebens. Gefühle kommen in allen bunten Facetten daher – ob wir wollen oder nicht. Sie wollen gefühlt werden, auch, damit wir heilen können, damit unsere Seele, unser inneres verletztes Kind wieder genesen kann.

Auch aus eigener Erfahrung kann ich das unterstreichen, was viele große Lehrer vermitteln: Gerade dann, wenn die Nacht am tiefsten erscheint, der Schmerz am größten, sind wir uns selbst so nah, fühlen wir uns so eng mit uns verbunden, wie sonst nur selten in unserem hektischen geschäftigen Leben. Wir begegnen uns selbst - ECHT! Schmerz kann die größte Intimität im Sinne von Nähe und Verbundenheit mit dem Menschen, der wir tief in uns wirklich sind, bedeuten. Mit dem Wissen und der Lebenserfahrung eines Erwachsenen, mit dem Anerkennen der eigenen Größe, verbunden mit dem Verstehen darum, was in uns passiert, wenn wir traumatisiert wurden, wenn wir Leid erfahren haben, können wir Schritt für Schritt in ein reiches, glückliches und freies Leben hinein wachsen.“

4. Was lerne ich in einer guten Therapie?

Ruth Marquardt: „Ich lerne, meine negativen Gefühle zu halten und mich nicht wegschwemmen zu lassen. Ich lerne, mir selbst zu vergeben. Es kann sein, dass Gefühle wie Wut aufkommen und es ist ok, diese zu fühlen, ohne sie auszuagieren. Meine Haltung dazu: Gefühlskompetenz ist etwas, das wir alles schon im Kindergartenalter und in jedem Alter lernen und immer wieder üben sollten. Ich lerne, freundlich und mitfühlend mit mir selbst zu sein, mit dem kindlichen Anteil, der all das ertragen hat und der all das überlebt hat. Ich werde mir selbst der beste Freund oder die beste Freundin. Ich höre auf, mich zu verurteilen, denn das schwächt mich. Stattdessen stärke ich das, was mich stärkt.

Das ist das Erstaunliche: Wir verfügen auch als Kinder über unglaubliche Heldenkräfte. Wir können immens viel aushalten. Wir können nur nicht alles verstehen. Und wir sind als Kinder in unserem Überleben abhängig von den Erwachsenen, die uns eigentlich schützen sollten. Haben wir nun aber überlebt, können wir endlich als Erwachsene die Verantwortung für unser Leben und unsere Heilung übernehmen. Weg von der Schuld, hin zur eigenen Freiheit in Liebe und Selbstliebe.

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Das ist gerade in diesen Zeiten so immens wichtig, denn wir alle sind auch immer Vorbilder für andere, ob uns das bewusst ist oder nicht: Für unsere eigenen Kinder, die Menschen, die uns lieben, unsere Freunde und Familie, die TV-Zuschauer, die uns zuschauen. Die Menschen, die uns bewundern, uns lieben und an uns glauben.

Harald Glööckler ist für mich ein Herzensmensch, der keine Angst davor hat, sich mit dem zu zeigen, was ist. Seine Tränen - sind auch Schmelzwasser seiner verletzen Kinder-Seele. Das ist nichts, wofür wir uns schämen müssen. Und mich freut riesig, dass er genau das auch nicht tut. Ein Löwenherz, dieser Glööckler.“

5. Werde ich mich jemals komplett von der Vergangenheit lösen können?

Ruth Marquardt: „Oh ja - lösen, im Sinne von akzeptieren, dass es ein Teil meines Lebens ist. Was immer ich ertragen und erfahren habe, macht mich zu der großartigen Person, die ich heute bin. Wäre es nicht wunderbar, nicht nur heilsam, für uns alle, wenn wir uns vor den Spiegel stellen könnten und aus tiefster Seele sagen: Ich liebe dich. Du bist wundervoll. Mit all deinen Narben. Mit all dem Schmutz und Schmerz.

Dann sind wir frei. Genau dann können wir uns von den Fesseln unserer Vergangenheit lösen und zugleich mit ihr verbunden bleiben, ohne dass sie noch Macht über uns hat. Wir erkennen sie als einen Teil von uns an. Wir wertschätzen, was war. Wir erkennen vielleicht sogar einen höheren Sinn in dem, was wir Abscheuliches durchlitten haben. Wofür war das gut? Was hat es aus mir gemacht? Welch einzigartiger Mensch bin ich geworden - gerade dadurch?

In der Psychologie sprechen wir hier von posttraumatischem Wachstum, also von Stärken die wir als Folge von Trauma entwickeln. Das kann alles sein: Kreativität, eine besondere Feinfühligkeit oder Liebesfähigkeit, weil wir gerade das Erlebte anderen nicht antun wollen. Dieser Frieden, den wir in uns selbst finden können, wenn wir alte Traumata heilen, die oft transgenerational sind - also über Generationen weiter gegeben wurden, heilt auch künftige Generationen.

Und zu guter Letzt: Nach Wut, Verstehen, oder vielen anderen Gefühlen mehr - können wir verzeihen oder zumindest anerkennen: Auch die Eltern von Harald Glöökler werden etwas erlebt haben, was sie zu dem gemacht hat, was sie waren. Das ist keine Entschuldigung. Jedoch ein wichtiger Hinweis zum Nachdenken. Es möge erklären, wie wichtig es ist, dass wir alle unsere Narben heilen dürfen und müssen, damit wir alte Verletzungen nicht unbewusst an die nächste Generation weiter geben.

Wenn ich selbst Frieden und Liebe in mir fühle, Glück und Zufriedenheit - was werde ich dann wohl in die Welt ausstrahlen? Das wäre eine schöne Pandemie!“ (vdü/lra)

Hilfe bei Suizidgedanken

Haben Sie suizidale Gedanken oder haben Sie diese bei einem Angehörigen/Bekannten festgestellt? Hilfe bietet die Telefonseelsorge: Anonyme Beratung erhält man rund um die Uhr unter den kostenlosen Nummern 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222. Auch eine Beratung über das Internet ist möglich unter http://www.telefonseelsorge.de.