"Das ist völlig unverständlich!"

Trotz Corona volle Kitas in Hamburg: "Wir arbeiten im Regelbetrieb"

16. Januar 2021 - 18:01 Uhr

Kita-Situation sorgt für Ärger

Eigentlich sollen alle Menschen, die derzeit zuhause bleiben können, auch wirklich zuhause bleiben – auch die Kleinsten. Doch das klappt nicht immer. In Hamburger Kitas ist der Notbetrieb teilweise kaum vom normalen Betrieb zu unterscheiden: Viele Erzieherinnen und Erzieher sind mit der Situation nicht einverstanden – und drücken ihr Leid in offenen Briefen an den Bürgermeister aus. Warum Eltern oft keine andere Möglichkeit haben, ihre Kinder in die Kita zu bringen, erzählen sie im Video.

Kita-Team fordert klare Maßnahmen

In dem vertraulichen Brief eines Kita-Teams* an den Betriebsrat, die Sozialsenatorin und den Bürgermeister erklären die Erzieher, dass viele Eltern vor schwierige Situationen gestellt würden, weil sie durch ihre eigene Arbeit gezwungen seien, ihre Kinder in der Kita betreuen zu lassen. Und: "Viele Eltern bemühen sich um anderweitige Betreuungsmöglichkeiten für ihre Kinder, dennoch sind einige Eltern "corona-müde" und bringen ihre Kinder in die Kita, obwohl sie andere Betreuungsressourcen hätten."

In der Kita würden über 50 Prozent der Kinder betreut, das seien mehr als in der Woche zuvor. Begrenzte Öffnungszeiten würden nicht helfen, weil sich das Virus nicht für Uhrzeiten interessiere. "Die Realität ist, dass wir im Regelbetrieb arbeiten, obwohl es im Vergleich zum ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ungleich höhere Infektionszahlen in Hamburg gibt. Das ist völlig unverständlich!", heißt es weiter. Das Kita-Team fordert klare Maßnahmen, zeitnahe Impfmöglichkeiten und dass Senat und Bundesregierung ein größeres Augenmerk auf die Kita-Beschäftigten legen.

Eine einzelne Erzieherin hat ebenfalls einen Brandbrief verfasst, der dem Hamburger Abendblatt vorliegt. Darin findet sie ebenfalls deutliche Worte für ihre Situation.

(*Das Team möchte unerkannt bleiben)

Betriebsrätin: Wir brauchen eine Notbetreuung!

"Es ist dramatisch. Die Sorge der Kolleginnen wächst und wächst", fasst auch Marina Jachenholz, die Betriebsratsvorsitzende der Elbkinder Kitas, zusammen. Eine 50%-ige Auslastung der Einrichtungen bedeute, dass 70% Personal vor Ort sein müsse, um die Hygieneregeln einhalten zu können. "Dann kann man natürlich bei uns in den Kitas nicht mehr von irgendeinem Lockdown reden." Sie erzählt von zahlreichen Emails, Beschwerden und "Notrufen". Eine große Sorge der Beschäftigten sei, sich selbst anzustecken, ein richtiger Schutz vor Ansteckungen sei kaum möglich. "Wir fordern die Politik auf, eine reine Notbetreuung jetzt endlich umzusetzen… Es geht uns nicht darum, keine Kinder betreuen zu wollen…Ich glaube auch wirklich fest, wir kommen um eine Notbetreuung nicht mehr herum. Wir haben einen enormen Krankenstand und ich wage vorauszusagen, dass sich der noch steigern wird."

Experte: Erzieher und Erzieherinnen stark betroffen

Das wissenschaftliche Institut der AOK (WidO) hat die Fehlzeiten von 13,2 Millionen AOK-Erwerbstätigen ausgewertet – und kommt zu einem deutlichen Ergebnis: "Wir sehen im Vergleich im Ranking der Erkranktenraten, die wir beobachten, dass die Erzieherinnen hier deutlich den Spitzplatz belegen, der fast doppelt so hoch ist als der Durchschnitt aller AOK-versicherten Beschäftigen", erklärt der stellvertretende Geschäftsführer, Helmut Schröder, im RTL Nord-Interview.

Während in der ersten Welle vor allem Pflegekräfte betroffen gewesen seien, wären es in der zweiten Welle eben Erzieherinnen und Erzieher. Man wisse allerdings nicht, wo sich die Beschäftigten angesteckt hätten, also auf dem Weg zur Arbeit, bei Kollegen oder auch bei Kindern. "Das, was wir auf jeden Fall sehen, [ist,] dass Covid-19 offensichtlich unter den Erzieherinnen deutlich stärker zutrifft oder vorhanden ist als bei anderen Berufsgruppen, die möglicherweise geschützt, beispielsweise im Home Office, arbeiten können."

Die Politik sei gefordert, eine entsprechende Entscheidung zu treffen, so Schröder. Die Wissenschaft könne dazu die entsprechenden Fakten liefern.

Sozialbehörde: Gezielt Eltern ansprechen

Martin Helfrich, Sprecher der Sozialbehörde, kann das Anliegen der Erzieherinnen und Erzieher grundsätzlich verstehen. "Allerdings: Manche Gruppen kommen ja auch nicht ganz so sehr zu Wort. Viele Eltern sind ganz fürchterlich dankbar und sind zum Teil auch schlicht darauf angewiesen, dass es eine Betreuungsmöglichkeit gibt." Die Kita-Auslastung sei stadtweit unterschiedlich, teilweise liege sie auch unter 50%. "Unser Weg wäre es, jetzt erstmal da zu schauen, wo die Auslastung besonders hoch ist, gezielt nochmal Eltern anzusprechen, ob sie denn wirklich in der Tat auf diese Betreuung angewiesen sind oder nicht doch darauf verzichten können." Die Lage müsse ständig und häufig neu bewertet werden. Gegenwärtig sei man eh schon in einem eingeschränkten Regelbetrieb, ein Notbetrieb mit weiteren Einschränkungen sei im Moment noch nicht beschlossen. "Ob das erforderlich sein wird, hängt sicherlich mit den weiteren Entwicklungen beim Infektionsgeschehen zusammen."