Er war in einer Sammelzelle untergebrachtKurz vor Prozessstart! Angeklagter „White Tiger” in U-Haft verprügelt

von Sebastian von Hacht und Dominik Strothotte

Faustschläge gegen mutmaßlichen Pädokriminellen!
Mehr als 200 Straftaten werden dem Deutsch-Iraner, im Internet besser bekannt als „White Tiger“, vorgeworfen. Darunter versuchter und vollendeter Mord. Er soll für den Tod eines 13-Jährigen verantwortlich sein. Vor Prozessbeginn verkündet seine Verteidigerin: Ihr Mandat wurde in einer Sammelzelle von mehreren Mithäftlingen zusammengeschlagen!

Öffentliches Interesse bei Prozessauftakt riesig

In regem Schneetreiben startet der Prozess gegen den 21-jährigen „White Tiger” am Freitag (9. Januar) in Hamburg eine halbe Stunde später als geplant - unter Ausschluss der Öffentlichkeit und im Beisein seiner Eltern. „Hintergrund ist, dass im Jugendrecht allein der Erziehungsgedanke im Vordergrund steht”, erklärt Marayke Frantzen, Sprecherin am Oberlandesgericht Hamburg vor der Verhandlung. Da komme auch das öffentliche Interesse nicht gegen an.

Genau dieses Interesse soll auch der Grund für den Angriff auf den jugendlichen Angeklagten sein – so die Verteidigung. „Er wurde als Monster, als Kindermörder bezeichnet, (...) das sind eben die Auswüchse, wenn man eine Unschuldsvermutung nicht ernst nimmt”, sagt die Verteidigerin des Deutsch-Iraners, Christiane Yüksel, vor Prozessbeginn im RTL-Interview.

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Mit Faustschlägen attackiert

Es sei es ein Fehler gewesen, den 21-Jährigen mit anderen Inhaftierten in eine Sammelzelle zu sperren: „Die haben ihn gleich angegriffen mit Faustschlägen.” Christiane Yüksel ergänzt: „Ich weiß nicht, ob das jetzt ein Augenblicksversagen der Beamten war oder sogar gezielt, um ihn anderen auszusetzen.” Nach dem Angriff sei eine Gesichtshälfte geschwollen gewesen und ihr Mandat habe geröntgt werden müssen.

Rechtsanwältin Christiane Yüksel steht zu Prozessauftakt vor dem Sitzungssaal.
Christiane Yüksel, Verteidigerin des Angeklagten, ist der Ansicht, dass der Angeklagte bereits in der ersten Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft falsch dargestellt worden sei.
Marcus Brandt/dpa

In einer Pressemitteilung bezeichnet die Verteidigung zudem die zugespitzte Anklageschrift als eine „Farce”. Sie ist der Meinung, dass die Mordvorwürfe nicht haltbar seien. Die Verteidigung schreibt in einem Erklärung unter anderem: „Im Internet werden Menschen dazu verleitet, Dinge zu tun, die sie im echten Leben niemals tun würden. (...) Sind Sie sich wirklich sicher, was Ihr Kind tut, wenn es allein im Internet und in den sozialen Medien unterwegs ist?”

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Nebenklage ist fassungslos

Die Aussagen der Verteidigung treffen bei Opferanwalt Steffen Hörning auf völliges Unverständnis. „Die macht mich ehrlich gesagt sprachlos und auch wütend”, so der Jurist. Hörning vertritt die bisher einzige Nebenklägerin: Ein 14-jähriges finnisches Mädchen. Er ist der Meinung, die Verteidigung wolle vom Angeklagten ablenken – „White Tiger” vielleicht sogar als Opfer darstellen. Dabei gehe es seiner Mandantin sehr schlecht. Sie werde „behandelt von Psychiatern und Psychotherapeuten, muss sich teilweise in stationäre Behandlung begeben.”

„White Tiger” werden mehr als 200 Straftaten vorgeworfen

Der 21-jährige Angeklagte soll Kinder und Jugendliche im Internet dazu gebracht haben, sich selbst zu verletzen – bis hin zum Suizid. „White Tiger“ soll dabei der Kopf einer Gruppe von Cyberkriminellen gewesen sein, die aus sexueller Motivation heraus Kinder im Alter von elf bis 15 Jahren im Internet zu Gewalt gegen sich selbst gezwungen haben. Für die Verhandlung sind bis Ende des Jahres 82 Verhandlungstermine angesetzt.

Verwendete Quellen: eigene RTL-Recherchen und dpa