Das sagen die Zahlen wirklich

Gesunkene Inzidenz: Ist das eine Trendwende im Infektionsgeschehen?

Aktuelle Testzahlen helfen bei der Interpretation der gesunkenen Inzidenz.
Aktuelle Testzahlen helfen bei der Interpretation der gesunkenen Inzidenz.
© dpa, Jens Büttner, jbu cul fp sb

31. August 2021 - 13:57 Uhr

Inzidenz sinkt von 75,8 auf 74,8

Auch wenn die Inzidenz nur noch ein Faktor unter mehreren sein soll, um das Infektionsgeschehen zu beurteilen, so ist er doch nach wie vor einer der wichtigsten. Und erst steigt die langsam aber stetig wieder auf 75,8. Jetzt sinkt der Wert, mit dem das Robert-Koch-Institut das Infektionsgeschehen abbildet, aber auf 74,8. Unklar bleibt bislang, ob sich hier tatsächlich eine Trendwende andeutet. Aktuelle Testzahlen helfen bei der Interpretation.

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Erste Rückgang seit Anfang Juli

Die vom Robert-Koch-Institut (RKI) berechnete Sieben-Tage-Inzidenz bei den Corona-Neuinfektionen ist am Dienstag entgegen dem zuvor verzeichneten Trend gesunken. Demnach wurden in den vergangenen sieben Tagen 74,8 neue Fälle pro 100.000 Einwohner an die Bundesbehörde übermittelt. Am Vortag hatte der Wert bei 75,8 gelegen. Es ist der erste Rückgang des politisch umstrittenen Pandemieparameters seit Anfang Juli.

Vorübergehende Erscheinung wegen statistischer Erfassung?

Um zu beurteilen, ob sich hier eine Trendwende im Infektionsgeschehen abzeichnet oder es sich vielmehr um eine vorübergehende Erscheinung handelt, die durch die statistische Erfassung bedingt sein kann, ist es noch zu früh. Die Sieben-Tage-Inzidenz wird generell eher als zu niedrig eingeschätzt, da viele bestätigte Fälle durch Verzögerungen in der Meldekette nicht in der Berechnung erfasst werden. Wochenenden, Feiertage und technische Probleme in den Ämtern können den Wert zusätzlich verzerren.

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Ähnliches Phänomen im vergangenen Sommer

Aktuell scheinen diese Faktoren aber eine untergeordnete Rolle zu spielen - größere Meldeausfälle sind zumindest keine bekannt. Es ist also durchaus denkbar, dass sich die Dynamik im Infektionsgeschehen derzeit abschwächt. Möglicherweise haben viele Bürgerinnen und Bürger ihr Verhalten an die zuletzt gestiegene Bedrohungslage angepasst und sind vorsichtiger geworden. Vergangenes Jahr hatte es zum Ende der Urlaubssaison, mit dem Auslaufen der Reisewelle, ein ähnliches Phänomen gegeben. Doch dann nahm die Herbstwelle an Fahrt auf und ließ sich durch stufenweise verschärfte Maßnahmen erst im Winter wieder bremsen.

Untererfassung des tatsächlichen Infektionsgeschehens

Die Ausgangslage ist in diesem Jahr - auch dank der Impfkampagne - eine andere. Dazu gesellt sich aber ein Strategiewechsel in der Pandemiebekämpfung: Mehrere Bundesländer, darunter Berlin und Nordrhein-Westfalen, haben die Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern stark zurückgefahren. Dadurch entfallen viele Test- und Quarantäneanordnungen für Kontaktpersonen außerhalb des nächsten Umfelds von Infizierten. Das erschwert unter anderem die Entdeckung von sogenannten Superspreading-Events und führt vermutlich zu einer Untererfassung des tatsächlichen Infektionsgeschehens.

Auch die gestiegene Impfquote trägt möglicherweise dazu bei, dass Corona-Infektionen seltener erkannt werden, da die Betroffenen nach der vollständigen Impfung vor symptomatisch verlaufenden und schweren Erkrankungen weitgehend geschützt sind. Geimpfte müssen sich zudem nach den aktuell geltenden Regeln seltener einem Schnelltest unterziehen.

Je höher die Test-Positiv-Rate, desto größer die Dunkelziffer

Einen Hinweis, inwiefern die tagesaktuellen Werte das tatsächliche Infektionsgeschehen widerspiegeln, können beispielsweise die Zahlen zum Testaufkommen in Deutschland liefern. Insbesondere die sogenannte Positivquote, also der Anteil der positiven Ergebnisse an der Gesamtzahl der durchgeführten PCR-Tests, gilt als wichtiger Indikator. Je höher dieser Anteil ausfällt, desto größer dürfte die Dunkelziffer bei den Corona-Infektionen sein.

Laut dem jüngsten Wochenbericht des RKI vom 26. August war die Positivquote seit Anfang August sprunghaft angestiegen von 3,83 auf 7,88 Prozent. Am Dienstagmittag hat der Laborverband ALM, der etwa 90 Prozent des Testaufkommens in Deutschland erfasst, aktuellere Daten veröffentlicht. Demnach ist die Positivrate in der Kalenderwoche 34 (vom 23. bis zum 29. August) im Vergleich zur Vorwoche nur moderat gestiegen - von 8,1 auf 8,65 Prozent. Gleichzeitig wurden mit 748.019 untersuchten Proben deutlich mehr PCR-Tests durchgeführt als noch in der Kalenderwoche 33 (615.950). Die gestiegene Nachfrage könnte mit dem Ende der Ferien und einem verstärkten Testaufkommen im Schulkontext zu tun haben.

Mit fast 9 Prozent ist der Anteil der positiven Testergebnisse immer noch hoch, die Lage scheint sich aber zumindest nicht dramatisch verschärft zu haben. Auf dem Höhepunkt der zweiten und dritten Welle verzeichnete das RKI Positivquoten von zum Teil deutlich mehr als 10 Prozent. Am Donnerstag wird die Behörde ihre eigenen Labordaten vorlegen. (ntv/ija)

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