Vorräte für möglichen Atomunfall

Deutschland kauft 190 Millionen Jodtabletten

22. August 2019 - 21:24 Uhr

Müssen wir Angst vor einem Reaktor-Unfall haben?

Obwohl Deutschland 2022 aus der Atomkraft aussteigen wird, will die Bundesregierung den Vorrat an Jodtabletten erheblich aufstocken – für den Fall eines schweren Reaktorunfalls. Nach WDR-Recherchen hat das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bei einem Hersteller in Österreich 190 Millionen dieser Tabletten bestellt. Diese sollen an die Bevölkerung verteilt werden, wenn irgendwo radioaktive Stoffe freigesetzt werden sollten. Im Video erklärt Strahlenbiologe Wolfgang-Ulrich Müller, ob diese Maßnahme sinnvoll oder reine Panikmache ist.

Jodtabletten-Vorrat wird erheblich aufgestockt

Jodtabletten für den Fall einer Atomkatastrophe
Im Falle eines Reaktorunfalls, sollen Jodtabletten verhindern, dass sich radioaktives Jod im Körper aufgenommen wird.
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Bisher war es so, dass nur Jodtabletten für die Menschen bereitgehalten wurden, die weniger als 20 Kilometer von einem Kernkraftwerk entfernt leben, erklärte eine Sprecherin des Bundesamtes für Strahlenschutz in Salzgitter. Im Umkreis von 100 Kilometern sollten zusätzlich Kinder und Jugendliche sowie Schwangere versorgt werden.

Nun soll die gesamte Bevölkerung im Katastrophenfall im Umkreis von 100 Kilometern Jodtabletten erhalten; Schwangere, Kinder und Jugendliche sogar im ganzen Bundesgebiet. Die hoch dosierten Jodtabletten sollen verhindern, dass die Schilddrüse nach einem Reaktorunfall radioaktives, gesundheitsschädliches Jod aufnimmt.

Für wen sind die Jodtabletten bestimmt?

Mit der Neuanschaffung der Tabletten folgt die Behörde einer Empfehlung der Strahlenschutzkommission. Hintergrund war eine Überprüfung des Notfallschutzes nach den Erfahrungen der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima.

Im Fall eines schweren Unfalles sollen 13- bis 45-Jährige zwei Jodtabletten einnehmen, jüngere Kinder weniger. Grundsätzlich genüge eine einmalige Einnahme der Dosis, mehr sei nur nötig, wenn es in Abhängigkeit von der radiologischen Lage empfohlen werde. "Erwachsene älter als 45 Jahre sollten keine Jodtabletten einnehmen - mit steigendem Alter treten häufiger Stoffwechselstörungen der Schilddrüse auf", erklärte das Bundesamt für Strahlenschutz.

Die Kosten für die Tabletten von 8,4 Millionen Euro werden vom Bund getragen. Die Jodtabletten sollen dezentral gelagert werden, um sie schneller im ganzen Land verteilen zu können. Sowohl die Verteilung als auch die Lagerung der Medikamente soll in der Verantwortung der Länder liegen, teilte das Bundesamt zu Recherchen des WDR mit.