RTL-Nahostkorrespondentin Raschel Blufarb recherchiert in Israel

Erbitterter Familienstreit nach Seilbahn-Katastrophe: Das unwürdige Gezerre um Eitan

Raschel Blufarb ist RTL-Nahostkorrespondentin in Israel.
Raschel Blufarb ist RTL-Nahostkorrespondentin in Israel.

15. September 2021 - 17:16 Uhr

Von Raschel Blufarb

Eitan (6) überlebt als Einziger die Seilbahn-Katastrophe vom Lago Maggiore und verliert dabei seine Mutter, seinen Vater und seinen Bruder. Jetzt ist zwischen den Angehörigen ein erbitterter Familienstreit entbrannt. Sein Großvater soll mit dem Jungen gegen den Willen seiner sorgeberechtigten Tante von Italien nach Israel geflogen sein, die italienischen Behörden ermitteln inzwischen wegen Kindesentführung. Raschel Blufarb ist RTL-Nahostkorrespondentin in Israel und recherchiert vor Ort. Hier schreibt sie ihre Gedanken zu dem speziellen Fall auf.

Eitans Geschichte geht mir nah

Ich bin Mutter einer Tochter, die genau so alt ist wie Eitan. Seine Geschichte geht mir nah. Ich möchte mir das Horrorszenario nicht am eigenen Leib vorstellen. Doch auch als Reporterin bleibt es nicht aus, dass ich meine Gefühlswelt als Mutter mit einbringe. Eitan ist in einem Alter, in dem er viel versteht und emotional verarbeiten muss. Kinder in diesem Alter stellen Fragen über Leben und Tod. Meine Tochter fragt mich: Wo ist man, wenn man tot ist? Warum stirbt man? Eitan kann diese Fragen nicht den Personen stellen, die sein ganzes Universum ausmachen: Seinen Eltern. Sie bieten dem Jungen die größte Sicherheit, die diese Welt zu bieten hat – für Eitan ist sie im Nichts verschwunden. Jetzt muss er auf Basis totaler Unwissenheit versuchen zu verstehen, wo seine Eltern sind und warum sie nicht mehr da sind. Er hat den Kosmos verloren, in dem er lebt.

Für ihn kommt es jetzt darauf an, dass der Rest seiner Familie versucht, ihm Sicherheit zu geben und eine Lebenswelt schafft, in der er sich geliebt fühlt. Man muss keine Psychologin sein, um zu wissen, dass Eitan die Gewissheit braucht, dass von den Menschen um ihn herum niemand mehr stirbt. Dass die Welt um ihn herum in Ordnung ist, so weit dies angesichts der traumatischen Erfahrungen, die er machen musste, möglich ist.

Eitan braucht Stabilität und bekommt Unsicherheit

Eitan (re) mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder (†2).
Eitan (re) mit seinen Eltern und seinem jüngeren Bruder (†2).
© .

Stattdessen erlebe ich, wie sein Umfeld Eitan in eine andere Richtung zieht, ihm die Sicherheit nimmt, die er gerade jetzt so dringend braucht. Aus offenbar egoistischen Motiven heraus versuchen beide Seiten, ihre Interessen durchzusetzen. Ich kenne weder seine Großeltern, noch seine Tante und möchte mir nicht anmaßen zu beurteilen, bei wem der Junge am besten aufgehoben ist. Ich hoffe, dass ihn beide Seiten lieben und nur das Beste für ihn wollen. Bei meiner Tochter merke ich jedoch, dass Kinder ein wahnsinniges Radar für Gefühle haben. Ich kann meine Gefühle nicht eine Sekunde vor ihr verbergen, sie merkt sofort, wenn ich mit den Gedanken abschweife und zum Beispiel an die Arbeit denke.

Auch Eitan wird merken, dass die Familie, die ihm jetzt noch bleibt, angespannt ist und mit der Presse, einer Entschädigung in Millionenhöhe, einem Rechtsstreit und einem Urteil über Kindesentführung beschäftigt ist, die hart bestraft wird. In dieser Unsicherheit kann man einem kleinen Jungen keine Stabilität und Sicherheit geben.

Eitan tut mir leid und ich wünsche ihm, dass seine Verwandten sich über ihr Ego hinwegsetzen können und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden, bei der es nur um eine Sache geht: Das Wohl eines Jungen und sein Weg zurück ins Leben mit einer Familie, die bedingungslos für ihn da ist.

Auch interessant