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Energiepreise explodieren: Benzin, Öl & Co. werden teurer - wie könnten Verbraucher entlastet werden?

Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv)

Energiepreise auf Rekordhoch: So könnte die Politik Verbrauchern helfen

ARCHIV - 31.01.2022, Berlin: Eine Person macht eine Heizung an. (zu dpa «Expertin fordert Fortschritte bei Energiewende im Wärmesektor») Foto: Fabian Sommer/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Heizen wird immer teurer - Deutschland ist vor allem von Gas und Öl aus Russland abhängig.
fgj vco, dpa, Fabian Sommer

von Daniel Bakir

Der Krieg lässt die Energiepreise in neue Dimensionen steigen. Ursula von der Leyen rät zum Energiesparen. Verbraucherschützer fordern von der Politik lieber konkrete Maßnahmen, mit denen Haushalten gezielt geholfen werden kann.

Energiepreise steigen immer weiter: Verbraucherzentrale warnt

Schon vor Ausbruch des Krieges waren die Energiepreise dramatisch gestiegen. Seit der russischen Invasion in der Ukraine drehen sie völlig frei. Gas und Öl verteuern sich massiv, die Folgen sind für Verbraucher vor allem beim Heizen und Tanken zu spüren.

Dabei fließt russisches Öl und Gas ja noch nach Europa. Sollte es doch noch zu einem Importstopp kommen oder der Kreml seinerseits den Hahn zudrehen, eskaliert die Lage erst richtig. Denn insbesondere Deutschland ist abhängig: Ein Drittel der Öl-Einfuhren und die Hälfte der Gas-Importe stammen aus Putins Reich. EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat die Verbraucher schon öffentlich zum Energiesparen aufgerufen. Einfach die Heizung ein Grad runterzudrehen, kann aber wohl kaum die Lösung der Probleme sein.

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Um unabhängiger von russischer Energie zu werden, hat die Bundesregierung gerade 200 Milliarden Euro für den Klimaschutz versprochen – allerdings bis 2026. Kurzfristig hilft das gegen die hohen Preise nicht. Immerhin hat die Regierung im Februar schon ein paar Maßnahmen beschlossen, die die Bürger unmittelbar bei den Energiepreisen entlasten sollen: eine höhere Pendlerpauschale, einen Heizkostenzuschuss für Wohngeldempfänger und die Abschaffung der EEG-Umlage auf der Stromrechnung.

Verbraucherschützer aber glauben, dass das angesichts der aktuellen Dynamik bei weitem nicht ausreicht. Denn noch sei die volle Wucht der jüngsten Entwicklungen gar nicht bei den Haushalten angekommen, warnt Thomas Engelke, Teamleiter Energie und Bauen beim Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv). "Die horrenden Energiepreise, die wir jetzt im Großhandel sehen, werden mit etwas Verzögerung bei den Verbrauchern ankommen", sagt Engelke im Gespräch mit dem stern. Bedeutet: "Die Verbraucherpreise werden in den kommenden Monaten nochmal deutlich steigen. Das Schlimmste steht uns noch bevor." Helfen könnten einige umgehende Sofortmaßnahmen:

Verbraucherschützer fordert mehr Heizkostenzuschuss für Geringverdiener

Die Bundesregierung will zwei Millionen Bürger mit einer Einmalzahlung entlasten. Bafög-Empfänger erhalten 115 Euro, Wohngeld-Empfänger 135 Euro, bei einem Zwei-Personen-Haushalt sind es 175 Euro und für jede weitere Person plus 35 Euro. Das reicht Experten zufolge aber nicht aus, um die gestiegenen Heizkosten zu kompensieren. Schon im Januar hatte der vzbv berechnet, dass mindestens 500 Euro je Haushalt zusätzlich zum Wohngeld nötig seien. Eine Untersuchung des DIW bezifferte die Mehrkosten fürs Heizen für Geringverdiener Anfang Februar in ähnlicher Größenordnung – auf 52 Euro pro Monat.

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Seitdem sind die Energiepreise weiter gestiegen. "Der von der Bundesregierung geplante Heizkostenzuschuss reicht nicht aus", sagt Verbraucherschützer Engelke. "Der Heizkostenzuschuss für Geringverdiener muss auf deutlich über 500 Euro angehoben werden. Diese Personengruppe hat einfach kein Geld über, dass sie an anderer Stelle sparen kann."

Je nachdem, wie stark die Preissituation eskaliert, sei auch eine Ausweitung des Empfängerkreises nötig, sagt Engelke. Die Bundesregierung müsse dafür eine finanzielle Notreserve anlegen. Da die Teuerung auch andere existenzielle Bereiche wie Lebensmittel betrifft, plädiert der Paritätische Wohlfahrtsverband zudem dafür, auch das Wohngeld und die Grundsicherung zu erhöhen.

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Weg von Öl und Gas: Erneuerbare Energien müssen gefördert werden

Auch ein geringerer Verbrauch hilft gegen die steigenden Kosten. Den Gas- und Ölbedarf nachhaltig senken kann eine Heizung mit erneuerbaren Energien in Verbindung mit mehr Energieeffizienz. "Klar ist: Wir müssen beim Heizen weg von Öl und Gas und das möglichst schnell. Die Regierung muss daher den Einbau strombasierter Wärmepumpen mit Hochdruck vorantreiben", sagt Energieexperte Engelke.

Damit die Wärmepumpen nicht zum Fenster rausheizen, sei zugleich eine gute Wärmedämmung nötig. "Maßnahmen für mehr Energieeffizienz sollten daher finanziell noch stärker gefördert werden." Um zu entscheiden, was sinnvoll ist, sollten sich Verbraucher Hilfe von einem Energieberater holen. Erschwerend kommt hinzu, dass man auf Handwerker derzeit lange warten muss.

Klimageld und Abschaffung der Stromsteuer: Diese Maßnahmen könnten Verbrauchern helfen

Neben dem Heizkostenzuschuss gibt es Forderungen nach Maßnahmen, die allen zugutekommen. Der Wegfall der EEG-Umlage auf der Stromrechnung ab Juli könne dabei nur der erste Schritt sein, sagt Verbraucherschützer Engelke. Er fordert auch eine Abschaffung der Stromsteuer. Zudem sollten Ausnahmen für Unternehmen bei der Zahlung von Netzentgelten gestrichen werden, da diese von den Privathaushalten quersubventioniert werden müssen.

Entlastung würde auch die Einführung des Klimageldes schaffen, das die Bundesregierung im Koalitionsvertrag angekündigt hat. Vorgesehen ist ein "sozialer Kompensationsmechanismus" für die Belastungen aus der CO2-Steuer. Doch wie genau das aussehen soll und wann es kommt, ist offen. vzbv-Experte Engelke sagt: "Die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung müssen vollständig an die privaten Haushalte zurückfließen. Die Bundesregierung muss das versprochene Klimageld daher schnellstmöglich auf den Weg bringen."

Verbraucherzentrale spricht sich für Mobilitätsgeld statt Pendlerpauschale aus

Das Thema Spritpreise hatte die Regierung im Februar durch eine Erhöhung der Pendlerpauschale ab 21 Kilometer Wegstrecke vermeintlich abgeräumt. Doch das war, bevor der Ölpreis den Liter Benzin an der Tankstelle auf mehr als zwei Euro trieb. Viele Experten halten die Pendlerpauschale sowieso für das falsche Instrument, da Geringverdiener von ihr kaum bis gar nicht profitieren. Der vzbv spricht sich daher dafür aus, die Pendlerpauschale in ein "einkommensunabhängiges Mobilitätsgeld" umzuwandeln. vzbv-Verkehrsexpertin Marion Jungbluth sprach sich zudem für autofreie Sonntage aus. Der ADAC befürwortet hingegen eine befristete Senkung der Mehrwertsteuer auf Kraftstoffe.

Auch Greenpeace legte am Mittwoch eine Liste mit Vorschlägen vor, um den Sprit-Verbrauch zu senken: Neben autofreien Sonntagen fordern die Umweltschützer unter anderem, ein vorübergehendes Tempolimit einzuführen, zum Beispiel 100 km/h auf der Autobahn und 80 km/h auf der Landstraße. Auch das Beibehalten des Homeoffice und das Einschränken von Freizeitfahrten könnten laut Greenpeace einen Beitrag leisten, um den Ölverbrauch deutlich zu senken.

Hinweis: Dieser Artikel erschien zuerst bei stern.de