Ein Spiel gegen jede Euphorie

Männer, das war eine EM-Frechheit!

24. Juni 2021 - 10:03 Uhr

Joachim Löws entrückter Optimismus

von Tobias Nordmann

Das war richtig knapp: Nur dank Leon Goretzka erreicht die Nationalmannschaft in einem nervenzerfetzenden Spiel das Achtelfinale der EM (die Highlights vom 2:2 gegen Ungarn oben im Video). Überraschend: Bundestrainer Joachim Löw, dessen DFB-Karriere beinahe mit einem neuerlichen Debakel geendet wäre, ist total entspannt.

Fast-Blamage gegen Ungarn

Joachim Löw lächelte. Ja, er lächelte tatsächlich. Fast so, als wäre nichts gewesen. Nicht ein Zitterspiel, das das ganze Land verrückt gemacht hatte. Worüber der Bundestrainer lächelte? Nun, über eine Szene von Leroy Sané. Löw erwähnte den Namen seines Außenspielers nicht. Das war sehr höflich von ihm.

Denn der 61-Jährige haute damit nicht auch noch auf seinen Dribbler drauf. Der wurde nicht nur im Stadion, sondern auch in den hiesigen Einzelkritiken und diversen Kanälen der digitalen Kommunikation zum Symbol der Fast-Blamage gegen Ungarn im finalen Gruppenduell (2:2) erkoren.

Sané hatte kurz vor dem Ende, bei einem Angriff einen ganz schwachen Ball in die Mitte geflankt. Eigentlich flankte er den Ball sogar gnadenlos über die Mitte hinweg (torpediert wäre treffender). Dort waren zwei Kollegen der Nationalmannschaft frei. Ein flacheres Zuspiel auf die eingewechselten Timo Werner und Kevin Volland – und womöglich hätte Deutschland gewonnen, wäre Gruppenerster gewesen.

Sané geht im Starkregen unter

Tja, der Ball von Sané ging mit reichlich Zug über die Seitenlinie. Irgendwo zwischen Anstoßkreis und dem Strafraum der Ungarn. Die Folge: Deutschland ist nun eben nicht Erster, spielt nicht gegen die Schweiz, sondern ist Zweiter und trifft im legendären Wembley-Stadion auf England. Klingt nicht so super, ist aber schon auch eine gute Nachricht: Denn Deutschland hätte auch Dritter werden können, dann wäre es gegen Belgien gegangen.

Und nach der Leistung gegen die leidenschaftlichen Ungarn möchte man sich eher nicht vorstellen, wie die Mannschaft von Löw von den gierigen Kevin de Bruyne und Romelo Lukaku sowie deren spielfreudigen Kumpels vermöbelt werden würde. Wobei das ja immer so eine Sache ist. Neues Spiel, anderer Gegner. Und Gegner, die nicht so tief stehen, die liegen dem DFB-Team ja. So sagt man. Und tatsächlich finden sich Beweise für diese These. Das 4:2 gegen Portugal liefert zahlreiche. Mehr als vier.

Aber taugt der Trost, dass nun wieder alles besser wird, wirklich, um die zarte Euphorie am Leben zu Halten. Puh, das muss man wirklich wollen. Auch wenn Spiele gegen England immer ein Grund zur Euphorie sind. Und kleiner Mutmacher on top: Sooo gut waren die "Three Lions" bisher auch noch nicht, wenngleich sie immer wieder andeuten, wie schnell und fantastisch sie dieses Fußballspielen beherrschen. Der Versuch, die Euphorie zu retten, fühlt sich dennoch eher an, wie die glimmende Kohle am Grill auf freier Wiese vor einem Starkregen zu schützen. Über die Tauglichkeitschancen des Unterfangens möchten wir lieber nicht weiter reden.

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Kein Spiel für eine neue Legende

Starkregen ist übrigens ein sehr guter Punkt, um zurück zum Spiel gegen die Ungarn zu kommen. Puh, was war dat schäbig in München zwischenzeitlich. Kühl, windig bis stürmisch und Wassermassen von oben. Sie sprachen bereits von Fritz-Walter-Wetter, wie einst 1954. Starke Niederschläge, so die immer noch gültige Legende, verhalfen Deutschland beim "Wunder von Bern" gegen Ungarn (3:2) zum ersten WM-Titel.

Sollte nun jemand tatsächlich auf die Idee kommen, eine Legende aus dem "Fast-Debakel von München" zu stricken, dann geht sie wohl so: Selbst Starkregen kann diese Mannschaft mit ihren Helden nicht aufhalten. Dauert halt ein paar Jahrzehnte, aber dann wirkt diese Legende vom 23. Juni 2021 vielleicht glaubhaft. Vielleicht auch nicht.

Es tut einem wirklich fast weh, nun wieder gegen die Stimmung anzuschreiben, die sich nach dem Spektakel gegen Portugal breitgemacht hatte. Auf einem glücklichen Weg zur kollektiven "Verschlandung" war die Republik unterwegs. Über ein Sommermärchen wurde ganz vorsichtig gesprochen. Und als die Jungens im "Campo Herzo" plötzlich zur Klampfe griffen, da wirkte alles so schön, so vertraut. Hach ja. Deutschland, deine Helden. Nix mehr mit dunklen Wolken, mit Hochglanzvideo-Peinlichkeiten. Das wirkte so authentisch. Wie viel PR-Berater-Schmalz dahinter steckte, das ist nun wirklich mal egal. Es war schön. Einfach schön. Lagerfeuer-Romantik, gute Vibes, das braucht das Land nach den anstrengenden und zehrenden Corona-Monaten.

Es kam ja fast ein bisschen mit Ansage, dass es gegen die mauernden und konternden Ungarn einen Dämpfer geben könnte. Dass der aber so krachend ausfällt, das war doch überraschend. Dass Löw noch Bundestrainer ist, das war reichlich glücklich. Erst in der 84. Minute hatte der eingewechselte Leon Goretzka zum 2:2 getroffen. Es war das Tor, das nicht nur Deutschland vorerst das Turnier rettete (weil das Parallelspiel zwischen Frankreich und Portugal 2:2 endete), sondern eben auch Löw im Amt hielt.

Für den nach der EM nach 17 Jahren beim DFB (zwei Jahre davon als Assistent von Jürgen Klinsmann) scheidenden Bundestrainer ist die Lage jetzt nämlich so - und das war sie auch schon gegen Ungarn übrigens: Jedes Spiel könnte sein letztes sein. Und man ey, war das knapp nun.

Überraschende Erkenntnisse von Löw

Ziemlich überraschend befand er: "Es war eines der schwierigsten Spiele überhaupt, das muss man sagen. Wenn man gegen so einen Gegner zweimal in Rückstand gerät, wird es immens schwierig. Wir haben fast keine Räume gefunden oder geöffnet. Aber die Kampfkraft der Mannschaft hat mir gefallen. Wir hatten draußen immer das Gefühl, dass wir in der Lage sind, ein Tor zu machen."

Kurzer Einschub: Dieses Gefühl hatten wirklich nicht viele Menschen im Land (Quellen: Twitter, Whatsapp, Telegram). Aber gut, der Bundestrainer ist ja der Experte. Die andere Zuschauer nur Bundestrainer im Nebenfach. "Ich habe der Mannschaft gesagt, sie soll nicht die Nerven verlieren und unstrukturiert werden. Aber ich hatte das Gefühl, sie will das biegen und diese schwere Hinrunde mit aller Gewalt überstehen."

Und ja, es war Gewalt, die Schussgewalt von Goretzka, die das möglich machte. Eingeleitet übrigens von Jamal Musiala. Der ist 18 Jahre alt, saß zweimal nur auf der Tribüne und kam jetzt ins Spiel. Mit Mut, mit Freude am Duell. Ohne seine Vorarbeit wäre das 2:2 nicht gefallen. Zumindest nicht so.

Musiala, der 18-Jährige, was für eine Geschichte. Zweimal saß er nur auf der Tribüne, nun kam er rein und ist auch ein bisschen ein Matchwinner. Neben seinem Teamkollegen vom FC Bayern, dessen Anspannung sich in einem Herzchen-Jubel Richtung ungarische Kurve entlud. Eine kleine Botschaft an einem Abend, der voller Botschaften hätte sein sollen. Aber nicht war, weil die UEFA nicht wollte. Man kennt die Geschichte. Ein paar bunte Fahnen waren im Stadion zu sehen, im Land leuchteten mehrere Objekte in Regenbogenfarben. Noch ein Wort zu Musiala. Diese Unbekümmertheit seiner Aktionen würde man auch Sané wünschen, der nach galliger Anfangsphase immer mehr verkrampfte. Die Flanke am Ende war nur der Tiefpunkt dieses bitteren Schauspiels.

System funktioniert nicht, Gosens nicht anwesend

Nun war Sané freilich längst nicht der einzige, der einen fürchterlichen Abend erwischte. So ein richtiges Lob möchte man ja eigentlich niemandem aussprechen. Weder die Abwehr wirkte stabil, noch war das Mittelfeld in der Lage, die Dinge zu kontrollieren. Und ja, in der Offensive fehlte Thomas Müller. Dessen Knie machte nicht mit. Seine Einwechslung in der 68. Minute war nur ein Beleg der Verzweiflung des Bundestrainers, dessen 3-4-3-System dieses Mal überhaupt nicht aufging. Weil die Ungarn die Außen gut zustellten.

Der gegen Portugal gefeierte Robin Gosens wirkte nicht anwesend. Klar, die Interpretation der Aufgaben, die Löw für wichtiger hält als die Frage nach dem System, funktionierte auch nicht. Also nicht nur das System. Es war alles zäh, pomadig, uninspiriert, ohne Leidenschaft, ohne Mut. Einfach schlecht. Nun, auch 2014, als am Ende der WM-Titel stand, gab es ein schlimmes Spiel. Das gegen Algerien. Die Geburt von Manu, dem Libero. Aber damals tat das Spiel der Euphorie nicht weh. Anders als nun.

Der Optimismus des Bundestrainers, er wirkt irgendwie entrückt. Entrückt, kein gutes Wort! Kennt man von der WM in Russland. Und sein Lächeln, auch das schaffte an diesem Mittwochabend ein komisches Bild.

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