Wolf-Alarm in Elster an der Elbe

Jungwolf läuft morgens auf Grundschule zu - wie gefährlich sind die Tiere?

16. April 2021 - 20:28 Uhr

Wölfe: Eine echte Gefahr oder scheue Raubtiere?

Es sind gruselige Bilder, die in Elster an der Elbe in Sachsen-Anhalt mit dem Handy festgehalten wurden: Ein Jungwolf spaziert in den frühen Morgenstunden entlang des Flusses und steuert auf die Ortsgrundschule zu. Immer häufiger treten Wölfe aus ihrem natürlichen Lebensraum hinaus, hinein in zivilisierte Gegenden. Wie geht man künftig mit dem Wolf um und welche Gefahr geht davon aus? Fragen, über die auch Land und Tierschutz heftig diskutieren. Die Bewohner in Elster jedoch sehen das vorerst gelassen.

"Ich wohn halt hier und seh ganz viele Tiere und hab da nicht solche Angst“

Wölfe sind in Zahna-Elster im Landkreis Wittenberg nicht unbedingt eine Seltenheit. Die Stadt an der Elbe in in Sachsen-Anhalt ist umzingelt von gleich 4 Wolfsrudeln. Marie Stanitz, die mit ihren Eltern und Großeltern direkt am Elbdamm wohnt, hat den Jungwolf vom Fenster aus beobachtet. "Ich kann verstehen, dass manche vielleicht in Städten davor mehr Angst haben. Ich wohn halt hier und seh ganz viele Tiere und hab da nicht solche Angst", sagt die 10-Jährige. Häufiger werden auch Füchse in der Ortschaft gesichtet. Das Leben in der Natur und die tägliche Nähe zu den Tieren führt wohl zu der Gelassenheit, mit der die Menschen in Elster auf ihren Zaungast reagieren.

Grundschulleiterin Heike Bräse war beim Anblick des Wolfvideos zuerst erstaunt, dann aber gelassen. "Ich hatte zunächst eigentlich keine Bedenken, weil so ein Wolf ist ein relativ scheues Tier. Ich glaube, der hat im Moment mehr Angst vor uns, als wir vor dem Wolf." So scheint es auch gewesen zu sein, denn 100 Meter vor der Grundschule kehrte der Wolf um, als er ein Schiff auf der Elbe bemerkte. Aber auch wenn es das Jungtier bis zur Schule geschafft hätte, wäre wahrscheinlich nichts passiert, denn so früh morgens war niemand vor Ort.

128 Rudel leben in Deutschland

Laut den Daten der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DDBW) wurden letztes Jahr 128 Rudel, 35 Paare und zehn Einzeltiere gezählt. Ein Rudel besteht aus zwei erwachsenen Wölfen mit nachgewiesenem Nachwuchs. Vorwiegend leben die Tiere im Norden und Osten des Landes. In Deutschland gehört der Wolf zu den streng geschützten Tierarten. Er ist durch das Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) geschützt. Der Abschuss eines solchen Raubtieres ist eine Straftat und wird bei vorsätzlicher Durchführung mit einer Geld- oder einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet.

"Jeder Wolf ist von Natur aus ein Problemwolf"

Dennoch ist die Diskussion des Wolfabschusses immer wieder Thema. Jäger und Landwirte fordern einen anderen Umgang mit den Tieren, denn Nutztiere werden stetig gerissen.Der CDU-Landtagsabgeordneter und Vizepräsident des Niedersächsischen Landtags, Bernd Buseman, musste das selbst schon erfahren. "Ich hatte in meiner kleinen Herde drei Risse mit insgesamt 20 toten Tieren. Der letzte Riss im Oktober 2020 geschah trotz eines sogenannten wolfssicheren Zauns mit 1,3 Meter Höhe. Der Wolf kann Zäune bis zwei Meter Höhe überspringen, er kann Zäune untergraben, er kann sich über Gewässer nähern", sagt Busemann. Der CDU-Politiker sieht in jedem Wolf einen Problemwolf. Er ist der Meinung, dass "die Wolfspopulation mit Hilfe der Jäger auf eine Mindestmenge reguliert werden" müsse. "Man hat längst den Überblick verloren, wie viele Wölfe bzw. Rudel in Deutschland unterwegs sind. Und alle haben Hunger!".

"Ein Stück weit" könne das Problem gelöst werden, indem man Zäune aufstellt, erklärte der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies. Aber: "Wenn das nicht ausreicht und es trotzdem zu Rissen kommt, gibt es gar keine andere Möglichkeit, als Ausnahmegenehmigungen zu machen", sagte der Politiker. "Dann müssen diese einzelnen Tiere auch getötet werden." Nur so könne verhindert werden, dass das typische Verhalten der Wölfe – das Reißen von Weidetieren – auch noch an die Jungen im Rudel weitergegeben wird.

NABU: Wölfe müssen geschützt werden, die Politik muss handeln

Für den Naturschutzbund NABU ist der Wolfsabschuss keine Lösung. "Es ist aus Nordamerika und europäischen Nachbarländern bekannt, dass Abschüsse von Wölfen durch eine Zerstörung der Rudelstruktur in dem betroffenen oder Nachbargebiet sogar erhöhte Nutztierrisse zur Folge haben können". Den Tierschützern sind die Schwierigkeiten der Weidetierhalter bewusst, so NABU-Pressereferent Matthias Freter. Doch der Abschuss eines verhaltensauffälligen Tieres ist im Einzelfall nur zu genehmigen, wenn folgende drei Punkte gegeben sind:

  1. Der Wolf zeigt ein aggressives Verhalten gegenüber Menschen.
  2. Der Wolf nähert sich mehrmalig einer Personen (dazu zählt nicht nicht ein Objekt, in dem sich eine Person befindet wie ein Gebäude, ein Auto etc.).
  3. Der Wolf überschreitet mehrfach den erweiterten zumutbaren Schutz nachweislich (z.B. 1,20 m hoher Weidezaun mit 5 Litzen in Höhe 20, 40, 60, 90, 120 cm und mit entsprechend funktionierender Bestromung).

Außerdem sieht der NABU die Politik in der Bringschuld. Sie müsse mehr Unterstützung für Herdenschutz und Weidetierhaltung leisten – auch auf finanzieller Ebene. Zeitgleich wird von "allen Akteuren auch mehr Sachlichkeit in der bisher sehr emotional geprägten Diskussion um den Wolf" gefordert. Auf keinen Fall will der NABU, dass der Schutzstatus des Wolfes verringert wird. Der "Herdenschutz ist die mit Abstand beste Lösung gegen die Wiederausrottung", sagt Freter.

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