RTL News>Gesundheit>

Drei Affenpocken-Fälle in Deutschland: „Situation ist ungewöhnlich dynamisch“

Pocken-Experte sieht keine Gefahr für neue Pandemie

Drei Affenpocken-Fälle in Deutschland: „Situation ist ungewöhnlich dynamisch“

Affenpocken
Diese elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt reife, ovale Affenpockenviren (l) und kugelförmige unreife Virionen (r), die aus einer menschlichen Hautprobe stammt. Foto: Cynthia S. Goldsmith/Russell Regner/CDC/AP/dpa
deutsche presse agentur

Nach den ersten in Deutschland nachgewiesenen Fällen von Affenpocken in München und Berlin rechnen Experten mit weiteren Infektionen. Der Berliner Infektiologe Leif Sander sprach von einer „ungewöhnlichen“ Dynamik. Eine große Ansteckungswelle ist hierzulande aber nicht zu erwarten. Davon gehen sowohl die behandelnden Ärzte des Patienten in München als auch die Behörden in Berlin aus. Das bestätigt auch ein renommierter Pockenviren-Experte. Derweil melden weitere Länder erste Infektionsnachweise, wie Israel und die Schweiz.

IM VIDEO: Drei Fälle in Deutschland bestätigt

Fälle in Berlin: Genaue Virus-Variante wird noch ermittelt

Am Samstag berichtete die Senatsverwaltung für Gesundheit in Berlin von zwei Fällen der seltenen Infektion in der Hauptstadt. Es ist noch nicht bekannt, mit welcher der beiden bekannten Virus-Varianten sich die Betroffenen angesteckt haben. Eine entsprechende Genanalyse dazu laufe. Der Zustand der Patienten sei stabil, hieß es.

Am Freitag war bereits ein erster Fall von Affenpocken in München bekannt geworden. Der 26 Jahre alte Mann stammt aus Brasilien und leidet an der westafrikanischen, der milderen der zwei bekannten Virusvarianten. Ihm geht es nach Angaben seines behandelnden Arztes gut. Der Mann war von Portugal über Spanien nach München gereist und hatte sich zuvor in Düsseldorf und Frankfurt am Main aufgehalten.

Anzeige:

Empfehlungen unserer Partner

Mit weiteren Fällen ist zu rechnen

„Ich bin überzeugt, dass es insgesamt noch weitere Fälle in Deutschland geben wird“, sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der infektiologischen Klinik des Schwabinger Krankenhauses auf Anfrage. Dort ist der Münchner Patient in einem Einzelzimmer mit vorgeschalteter Schleuse untergebracht. Dem Patienten geht es nach Angaben des Krankenhauses relativ gut. Der junge Mann habe sich „sehr verantwortungsbewusst direkt nach Symptombeginn in medizinische Betreuung begeben, um andere vor einer Infektion zu schützen“, sagte Wendtner.

Auch der Charité-Infektiologe Leif Sander sieht mit den inzwischen deutlich über 100 Fällen weltweit, in denen der Verdacht auf Affenpocken vorliege oder bereits bestätigt sei, eine „ungewöhnlich dynamische“ Situation. „Bei der langen Inkubationszeit rechne ich mit einer weiteren deutlichen Zunahme der Fälle“, schrieb er bei Twitter. Zu beachten sei dabei, dass Affenpocken nicht so ansteckend seien, dass mit einer breitflächigen Ausbreitung wie bei Corona zu rechnen sei. „Es ist sehr ernst zu nehmen, aber wir sind vorbereitet.“

Empfohlener redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen relevanten Inhalt der externen Plattformtwitter, der den Artikel ergänzt. Sie können sich den Inhalt einfach mit einem Klick anzeigen lassen und auch wieder ausblenden. Weitere Einstellungenkönnen Sie imPrivacy Centervornehmen.

Pocken-Experte sieht keine Gefahr für eine neue Pandemie

Auch andere Experten äußerten sich in dem sozialen Netzwerk zu den Affenpocken-Fällen. Corona-Spezialist Christian Drosten beispielsweise teilte einen Beitrag von Pockenvirologe Gerd Sutter. Der sagte im Interview mit „Die Zeit“: „Eine neue Pandemie haben wir nicht zu befürchten. Affenpockenviren sind seit Jahrzehnten bekannt, in Zentral- und Westafrika heimisch, dort werden regelmäßig Ausbrüche in Menschen beobachtet, aber die sind relativ klein.“ Da wir kaum mehr Immunität gegen die klassischen, seit über 40 Jahren in der Natur ausgerotteten Pockenviren hätten, würden sie die Affenpocken immer mal wieder ausbreiten, aber lediglich punktuell, so Sutter weiter. „Das machen sie bei Weitem nicht so effizient wie die Grippe oder Sars-CoV-2.“

Lese-Tipp: Unheimliche Parallele zu Corona? Das sagt der Medizin-Experte

Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen

Clemens Wendtner betont: „Allgemein geht man davon aus, dass die westafrikanischen Affenpocken eine Sterblichkeit von insgesamt einem Prozent haben, das betrifft vor allem Kinder unter 16 Jahren.“ Man müsse aber bedenken, dass diese Daten aus Afrika nicht zwingend übertragbar auf das Gesundheitswesen in Europa oder den USA seien. „Bei uns wäre die Sterblichkeit eher niedriger anzusetzen. Das ist eine Erkrankung, die meines Erachtens nicht das Potenzial hat, die Bevölkerung massiv zu gefährden.“ Infizierte Patienten seien etwa drei bis vier Wochen ansteckend.

Übertragungswege, Inkubationszeit und Symptome bei Affenpocken
Übertragungswege, Inkubationszeit und Symptome bei Affenpocken
dpa-infografik, picture alliance, dpa

Risikogruppen mit Impfung schützen?

Vorsicht sei bei immunsupprimierten Patientengruppen geboten, also solchen mit nur schwachen Abwehrkräften. "Dazu gehören beispielsweise HIV-Patienten ohne ausreichende medikamentöse Krankheitskontrolle, aber zum Beispiel auch Tumorpatienten mit schwerer Immunsuppression etwa nach Stammzelltherapie", sagte Wendtner. Es werde diskutiert, ob man diese Risikogruppen mit einer Impfung schütze. Seit 2013 ist in der EU demnach der Impfstoff Imvanex zugelassen.

Lese-Tipp: Affenpocken-Fälle in Deutschland – Wie wird die Krankheit übertragen und wie schütze ich mich?

"Wir gehen davon aus, dass die ältere Generation, die vor 1980 noch gegen die klassischen Pocken geimpft wurde, einen sehr hohen Schutz auch gegen Affenpocken hat, diese Menschen sind sehr wenig bis gar nicht gefährdet." Mit dem Medikament Tecovirimat gibt es zudem eine in der EU zugelassene Therapiemöglichkeit für die Affenpocken-Erkrankung.

Infektionen derzeit hauptsächlich bei homosexuellen Männern

Derweil steigt die Zahl der Länder, die Nachweise der seltenen Infektionskrankheit melden. Am Samstag teilte der Kanton Bern mit, dass in der Schweiz ein erster Fall nachgewiesen wurde. Auch in Israel ist ein Test nach Angaben des Gesundheitsministeriums positiv ausgefallen. In Australien, Kanada und den USA wurden ebenfalls in den vergangenen Tagen Fälle bestätigt - und damit in weiteren Weltregionen außerhalb Afrikas, von wo das Virus stammt.

Lese-Tipp: Affenpocken in Deutschland – NRW geht Hinweisen auf mögliche Kontakte nach

Die meisten Fälle, die derzeit untersucht werden, verlaufen mild, wie am Freitag der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, mitteilte. Die kürzlich nachgewiesenen Infektionen seien atypisch, weil die meisten Betroffenen nicht nach West- oder Zentralafrika gereist seien, wo die Krankheit endemisch sei, heißt es in dem Statement Kluges. Auffällig sei auch, dass die meisten zunächst entdeckten Infektionen bei homosexuellen Männern nachgewiesen wurden. Dass die Fälle über Europa verteilt festgestellt werden, lege nahe, dass das Virus schon eine Weile weitergegeben werde. (dpa/ija)