Explodierende Corona-Zahlen

Lässt die Biontech-Wirkung in Israel schon nach?

Ein Mann erhält in Tel Aviv seine dritte Impfung gegen die Coronavirus-Krankheit Covid-19.
Ein Mann erhält in Tel Aviv seine dritte Impfung gegen die Coronavirus-Krankheit Covid-19.
© REUTERS, AMIR COHEN, NIR

31. August 2021 - 10:08 Uhr

Infektionen und Anzahl Hospitalisierungen steigen kräftig

Bei den meisten von uns hat sich eingeprägt: Israel ist weltweiter Impf-Champion. Schon früh startete das Land seine Impfkampagne gegen das Coronavirus Sars-VoV-2 - jetzt sind über 80 % aller Ü12-Jährigen geimpft. Und schon früh gab es Bilder vom Ende des Lockdowns und feiernden Menschen. Doch jetzt schnellen die Infektionszahlen mit einer Inzidenz von 695 und dementsprechend die Hospitalisierungen wieder in die Höhe: Wirkt die Impfung nicht mehr, oder liegt es am kurzen Impfabstand, der in Israel angewendet wurde - wie ein Experte vermutet?

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Ein Blick nach Israel ist ein Blick in die Zukunft

Deutschland ist auf dem Weg zurück in ein normales Leben - immer noch mit Einschränkungen, mit 2G oder 3G. Und die Masken und die AHA-Regeln werden uns wohl auch in diesem Winter noch begleiten. Aber wie sieht unsere Zukunft aus, was wird diesen Herbst und Winter in unserem Land in Sachen Coronavirus geschehen? Wie gut wirkt die Impfung - vor allem bei denen, die schon früh geimpft wurden? Ist eine Auffrisch-Impfung vonnöten?

Verliert die Biontech-Impfung in Israel an Kraft?

Fragen, bei denen Forscher weltweit einen Blick auf die Länder werfen, die früh und schnell geimpft haben - so wie Israel. Der aktuelle Anstieg der Infektionen dort macht auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbauch Sorge. Bei Twitter teilte er jetzt einen Tweet des US-amerikanischen Kardiologen Eric Topol, der annimmt, dass der derzeitige Anstieg der Corona-Infektionen entweder mit dem in Israel angewendeten kurzen Impfabstand zu tun hat - oder mit einer nachlassenden Wirkung des dort verimpften Biontech-Vakzins.

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Kurzer Impfabstand kann eine Rolle spielen

Wenn dafür auch jetzt konkrete Belege noch fehlen: Für Arzt und Medizinjournalist Dr. Christoph Specht ist es gut möglich, dass die ansteigenden Zahlen auch mit den kurzen Impfabständen und der damit einhergehenden schwächeren Wirkung in Zusammenhang stehen. "Natürlich ist es auch so, dass bei älteren Menschen der Impfschutz nachlässt", sagt er uns. "Ein alter Mensch hat eben ein altes Immunsystem, das nicht mehr so leistungsfähig ist." Israel war eine Kooperation mit Biontech eingegangen und wählte für die Zweitimpfung den kürzesten empfohlenen Abstand von drei Wochen. "Die alten Menschen wird man da sicher als erste wieder nachimpfen müssen." Genau das wird in Israel jetzt auch gemacht.

Impfung schützt vor schwerer Erkrankung - nicht vor Infektion

Der Medizinexperte erinnert in dem Zusammenhang auch daran, dass die Impfung ja nicht vor einer Infektion schütze, sondern eben vor allem gegen eine schwere Erkrankung. "Wir müssen die Infektionszahlen jetzt auch immer differenziert nach Altersgruppen betrachten", sagt er uns im Hinblick auf die sehr junge israelische Gesellschaft. Betrachte man die Melde-Inzidenzen nach Alter, so zeige sich, dass sie eben kräftig bei den Jungen ansteige.

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Biostatistiker analysiert: Impfschutz nach wie vor gut

Auch der US-amerikanische Biostatistik-Professor Jeffrey S. Morris hatte sich die Zahlen aus Israel bereits Mitte August genauer angesehen. Damals hatte eine neue Studie Anlass zur Sorge gegeben, dass es zu viele Impfdurchbrüche gebe - die Impfung funktioniere also nicht, wie viele vorschnell daraus ableiteten. Betrachtet man aber die absoluten Zahlen nach Alterskohorten und Impfstatus und auf 100.000 Menschen gerechnet, ergibt sich klar das Bild, dass der Impfstoff von Biontech nach wie vor schwerer Erkrankung wirkt - in allen Altersgruppen. Morris Erklärung dafür, dass es sehr viele Ungeimpfte gebe, die in Israel ins Krankenhaus müssten, ist dabei logisch: Je mehr Menschen sich gegen Covid-19 impfen lassen, desto mehr Geimpfte, neben den Ungeimpften, können einen Impfdurchbruch erleiden - und müssen deswegen behandelt werden.

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Schaut man sich die Zahlen aus Israel genauer an, ergibt sich in Sachen Wirksamkeit des Impfstoffs gleich ein ganz anderes Bild - wie eine Analyse des Biostatistik-Professors Jeffrey S. Morris  ergibt.
Schaut man sich die Zahlen aus Israel genauer an, ergibt sich in Sachen Wirksamkeit des Impfstoffs gleich ein ganz anderes Bild - wie eine Analyse des Biostatistik-Professors Jeffrey S. Morris ergibt.
© covid-datascience.com, Jeffrey S. Morris/Datascience

Von Anfang an war klar: Impfung nicht zu 100 Prozent wirksam

Dass sich überhaupt geimpfte Menschen infizieren können, ist für Wissenschaftler Carsten Watzl, Immunologe am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung der Technischen Universität Dortmund, keine Überraschung. "Wir wussten von Anfang an, dass die Impfung nicht zu 100 Prozent wirksam ist: Selbst in den Zulassungsstudien hatten sich vollständig Geimpfte infiziert", erklärt er. Deswegen träten nun natürlich mehr und mehr Durchbruchsinfektionen auf, je mehr Menschen immunisiert würden.

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Auch der Infektionsimmunologe Leif Erik Sander von der Berliner Charité betont, dass eine gewisse Zahl solcher Infektionen erwartbar gewesen sei: "Gerade bei einem respiratorischen Erreger, der die oberen Atemwege befällt, sich dort vermehrt und auch von dort weitergegeben wird, ist es schwierig, eine sterile Immunität herzustellen." Von dieser spricht man, wenn sowohl die Ansteckung mit einem Erreger als auch dessen Weitergabe komplett unterbunden werden. (dpa/ija)

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