Experte Dr. Zinn erklärt, was in Deutschland richtig gemacht wird

Corona-Sterblichkeit im Ländervergleich: Warum hat Deutschland so wenig Tote?

17. April 2020 - 12:01 Uhr

Laut Dr. Zinn gibt es 3 Gründe

Auf der ganzen Welt steigt die Zahl der Menschen, die sich mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infizieren, von Tag zu Tag an. Schaut man sich die Zahl der Infizierten im Vergleich zu der Zahl der Menschen an, die an den Folgen des Virus sterben, fällt jedoch auf: In Deutschland sterben im Verhältnis zur Zahl der Erkrankten deutlich weniger Menschen als in anderen Ländern. Wie lässt sich die hohe Sterberate in anderen Ländern erklären?

Dies fragten wir Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia. Welche drei Gründe er hauptsächlich für die geringere Sterberate in Deutschland verantwortlich sieht und was wir hierzulande besser machen als andere Länder, erklärt Dr. Zinn im Video.

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Coronavirus dominiert den Alltag der Menschen weltweit

Fast stündlich aktualisierte Fallzahlen und immer neue Maßnahmen, um die Ansteckung mit dem Virus einzudämmen: Das Coronavirus ist omnipräsent und bestimmt gerade den Alltag aller Menschen in der ganzen Welt. Doch woran liegt es, dass in Deutschland vergleichsweise wenige Erkrankte sterben?

Während in Spanien von über 170.000 Infizierten rund 18.500, in Italien von 162.000 gut 21.000 und in Frankreich von 103.000 Erkrankten etwa 15.000 Menschen starben, sind es hierzulande bei rund 130.000 Fällen noch etwa 3.400 Todesfälle.

(Stand 15. April 2020; in der interaktiven Karte sehen Sie ständig aktuelle Zahlen in Europa und in der folgenden Tabelle die meisten Fälle weltweit. Falls Karte und Tabelle nicht angezeigt werden, bitte hier klicken.)

Mengenmäßig ist unser Gesundheitssystem besser aufgestellt

Eine mögliche Erklärung sieht Dr. Georg-Christian Zinn, Direktor Hygienezentrum Bioscientia hierin: "Was wir gut gemacht haben, ist, dass wir sehr früh begonnen haben zu testen und die positiv getesteten Menschen isoliert und in Quarantäne gestellt haben." Auch die Maßnahmen wie Schulschließungen und Kontaktsperren kamen in Deutschland einigermaßen rechtzeitig. 

Doch gerade im Vergleich zu den USA sieht Dr. Zinn einen entscheidenden Vorteil in unserem Gesundheitssystem. Ein Test in den Vereinigten Staaten koste etwa 300 Dollar, die gerade zu Beginn von den Bürgern selbst getragen werden mussten. Dadurch hätten viele Menschen sich gar nicht erst testen lassen. Hier wurden Corona-Tests bei begründetem Verdacht direkt von der Krankenkasse übernommen. Ein weiterer Vorteil in Deutschland ist die hohe Zahl an Intensivbetten. "Nur mal so zum Vergleich, in Deutschland haben wir im Schnitt 33 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner. In Frankreich sind es 11 Intensivbetten und in Italien nur 9", erklärt Dr. Zinn.

Hohe Dunkelziffer bei Corona-Erkrankten

Eines der Hauptprobleme bei der Beantwortung der Frage ist die Dunkelziffer der Erkrankten. Niemand kann genau sagen, wie viele Menschen wirklich erkrankt sind. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) liegt die Zahl der tatsächlichen Fälle nach bisherigen Studien etwa vier- bis elfmal höher als die registrierten. Und wenn es tatsächlich mehr Erkrankte gibt als die, die gemeldet oder bekannt sind, senkt das die Letalität, das heißt den Anteil der Todesfälle unter allen bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus.

Das bedeutet: Sollte es mehr Kranke geben als bekannte Fälle, würde das die Letalität senken – die auf Basis der gemeldeten Infektionen errechnete Rate wäre zu hoch. Doch auch der umgekehrte Fall ist möglich: Wenn Menschen unbemerkt an den Folgen des Coronavirus sterben, ohne dass die Infektion als Ursache nachgewiesen wurde, kann das wiederum die Letalität erhöhen. In dem Fall wäre der tatsächliche Anteil der Todesfälle unter allen bestätigen Infektionen mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 höher als angenommen.

Keine genauen Angaben über die Zahl der durchgeführten Corona-Tests

Grundsätzlich gilt: Je mehr Tests durchgeführt werden, desto mehr Infektionen können festgestellt werden. So kann es sein, dass sich in Deutschland durch den Wissensvorsprung infolge der Entwicklungen und Verläufe in China und Italien vergleichsweise viele Menschen testen lassen. Folglich werden möglicherweise mehr Infektionen festgestellt, worunter aber häufig auch leichte Fälle sind, weil sich auch vermehrt junge Leute testen lassen.

Längere Verbreitungszeit des Virus in Italien möglich

Ein weiterer Grund für die höhere Letalitätsrate in Italien könnte sein, dass sich das Virus dort schon seit längerer Zeit verbreitet als es in Deutschland der Fall ist. Zudem waren in Italien unter den offiziell registrierten Fällen überdurchschnittlich viele ältere Menschen: So lag das durchschnittliche Alter der Erkrankten in Italien bei 63 Jahren.

Dies könnte eine Erklärung sein, warum in Italien bislang in Relation so viel mehr Menschen gestorben sind als in Deutschland. In Italien sind 21,6 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre und älter. Mit einem Durchschnittsalter von 47,3 Jahren (Stand: 2019) zählt Italien zu den drei ältesten Gesellschaften der Welt. Ältere Menschen gelten als besonders gefährdet.

Nicht in falscher Sicherheit wiegen

Nichtsdestotrotz wird die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland vom RKI derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt. Diese Gefährdung variiert dabei aber von Region zu Region. Daher gilt weiterhin und umso dringlicher: Schützen Sie sich und andere und halten Sie sich an die empfohlenen Verhaltensregeln.

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