Corona-Maßnahmen sorgen für sprachliche Unklarheiten

Lockdown oder Shutdown: Das bedeuten die Begriffe wirklich

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19. Oktober 2020 - 11:29 Uhr

War Deutschland überhaupt jemals im Lock- oder Shutdown?

Strengere Corona-Maßnahmen und wieder mehr Achtsamkeit – das fordert die Politik von der Bevölkerung. Das Ziel: einen weiteren "Lockdown" oder "Shutdown" wie im Frühjahr zu vermeiden. Immer wieder werden diese Begriffe während der Corona-Krise genannt, aber was steckt eigentlich dahinter? Die gleiche Bedeutung haben sie jedenfalls nicht...

"Lockdown" und "Shutdown" meint nicht das Gleiche

Das Wort ist wieder in aller Munde, Politiker und Vertreter von Wirtschaftsverbänden warnen vor einem zweiten "Lockdown". Wenn es schlecht läuft gar an Weihnachten. Weniger verbreitet, aber auch hier und da zu vernehmen ist der "Shutdown". Was beide Wörter meinen, bleibt oft unklar, denn die Übernahme der englischen Begriffe ist ein Phänomen der vergangenen Monate. Manche Kommentatoren etwa in den sozialen Medien verweisen zudem darauf, dass es in Deutschland noch gar keinen Lockdown gegeben habe, sondern nur Kontaktbeschränkungen.
 
Dennoch fällt die Verbreitung beider Begriffe mit dem Ausbruch der Corona-Krise in Deutschland zusammen. Seit Anfang März findet sich vor allem der Lockdown in deutschsprachigen Artikeln. Er ist mutmaßlich mit Blick auf andere Länder übernommen worden, die schon im März und April zu deutlich drastischeren Maßnahmen gegriffen haben, als sie bislang in Deutschland Anwendung fanden. Dabei werden seither "Lockdown" und "Shutdown" oft synonym benutzt, obwohl sie im englischen Sprachgebrauch Dinge unterschiedliches beschreiben.Angehörigen verschiedener Haushalte in London ist das Zusammenkommen untersagt.

Wenn überhaupt, dann "Lockdown light"

  • Das Wort Lockdown meint die Kontrolle über die Bewegung der Bevölkerung in Gefahrensituationen. 
  • Der Shutdown ist dagegen ursprünglich vor allem das Schließen oder Dichtmachen von Objekten wie beispielsweise Geschäften, Schulen und Unternehmen. Im Zweifel beschreibt der Shutdown also eher das, was im April und Mai in Deutschland galt, als Einzelhändler, Universitäten, Schulen und Kitas geschlossen blieben.

Der Lockdown war in Deutschland - wenn überhaupt - ein "Lockdown light", weil er zum einen nur die Anzahl der direkten Kontakte im öffentlichen Raum regulierte und auch nicht kontrolliert wurde, ob sich jemand zu nicht notwendigen Zwecken auf öffentlichen Plätzen aufhielt. Die damaligen und nun für Risikogebiete wieder eingeführten Regeln sind wohl mit dem Begriff Kontaktbeschränkung am treffendsten beschrieben. Die strengste Regelung galt im Frühjahr in Bayern, wo Menschen nur allein oder mit ihren Mitbewohnern auf die Straße durften."Wir werden überall Lockdowns kriegen."
 
Ein Beherbergungsverbot gab es damals in abgewandelter Form: Hotels durften keine Privatreisenden aufnehmen. Mehrere Bundesländer erlaubten über Ostern keine touristischen Einreisen aus anderen Bundesländern.

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Ein richtiger Lockdown sieht anders aus

Die Kontaktbeschränkung lässt auch sprachlich Luft nach oben, denn weltweit gab es und gibt es sehr wohl "echte" Lockdowns im Kampf gegen die Pandemie. So galten unter anderem in Italien und Spanien über Wochen strikte Verbote, die eigene Wohnung für andere Dinge als Einkäufe, Arbeitswege, Arztbesuche zu verlassen. Mancherorts war nicht einmal Joggen erlaubt. Die Einhaltung wurde von der Polizei streng kontrolliert. Auch in Israel gilt derzeit ein sehr strenger Lockdown - zum zweiten Mal.

In Frankreich galt abseits solcher Aktivitäten ein Bewegungsradius von maximal einem Kilometer und einer Stunde außerhalb der Wohnung pro Tag. Auch die nächtlichen Ausgangssperren, die Präsident Emmanuel Macron am Mittwoch für Paris und weitere Großstädte verhängte, sind ein ein teilweiser Lockdown.
 
Lockdowns im ursprünglichen, englischen Wortsinn erlebt derzeit zudem Madrid, dessen Bewohner die Haupstadtregion nicht verlassen dürfen. Noch härter erwischte es im August die Bewohner der australischen Stadt Melbourne und des umliegenden Bundesstaats Victoria, wo die Menschen bis auf wenige Ausnahmen über Wochen in ihren Wohnungen bleiben mussten und auch den Bundesstaat nicht verlassen konnten. Sie waren "locked down", das aber mit Erfolg: Die zeitweise sehr hohen Ansteckungszahlen hat der Bundesstaat inzwischen wieder im Griff. Nachts gilt aber noch immer eine Ausgangssperre.

Nachbarländer mit strengen Maßnahmen

Auch in anderen deutschen Nachbarländern gelten wieder strengere Regeln:

  • Das derzeit besonders schwer betroffene Tschechien hält Gaststätten und Bars genauso geschlossen wie die Schulen. Menschenansammlungen sind drinnen wie draußen auf sechs Personen beschränkt.
  • In Belgien dürfen sich derzeit nur vier Personen aus unterschiedlichen Hausständen drinnen wie draußen treffen.
  • In den Niederlanden sind seit Donnerstag Bars, Cafés und Restaurants geschlossen; die Rede ist von einem teilweisen Lockdown.Angst vor Kontrollverlust bleibt


In der deutschsprachigen Praxis hat sich der Begriff "Lockdown" tatsächlich von seiner ursprünglichen, englischen Bedeutung gelöst. Er steht inzwischen pauschal für Schließungen und Kontaktbeschränkungen. Ob das hilfreich ist, sei dahingestellt. Zumindest fehlt es Politik und Medien an sprachlichen Mitteln, sich begrifflich zu steigern, wenn es auch in Deutschland einmal so streng kommen könnte wie in Australien und Spanien. Bleibt zu hoffen, dass dieses Problem gar nicht erst zu Tage tritt.

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