Das erlebte Audry Nafziger in Dr. Tyndalls Praxis

Frauenarzt soll Hunderte Studentinnen missbraucht haben: „Er war das Raubtier und ich war seine Beute“

Frauenarzt soll Hunderte Studentinnen missbraucht haben
Frauenarzt soll Hunderte Studentinnen missbraucht haben
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04. Mai 2021 - 14:04 Uhr

Wer an der University of Southern California Verhütungsmittel wollte, musste zu Dr. Tyndall

Audry Nafziger hatte noch nicht viele Frauenarztpraxen von innen gesehen, als sie mit 23 Jahren anfing, an der University of Southern California (USC) Jura zu studieren. Weil sie damals in ihrer ersten richtigen Beziehung war, wollte sie sich Verhütungsmittel verschreiben lassen. Sie machte einen Termin beim Campus-Gynäkologen George Tyndall. Was sie in seiner Praxis erlebte, verfolgt sie bis heute. Im RTL-Interview erzählt die 54-Jährige, wie der Arzt sie missbrauchte und wie sie herausfand, dass sie nicht sein einziges Opfer ist.

US-Frauenarzt schloss ab und machte Fotos von nackter Studentin

Nafziger wusste damals nicht, wie eine normale Untersuchung beim Frauenarzt abläuft. Trotzdem merkte sie im Behandlungszimmer schnell, dass etwas nicht stimmte. "Er hat die Tür abgeschlossen", erinnert sie ich im Interview. "Das kam mir komisch vor." Doch das war nicht das einzige, was die junge Frau stutzig machte. "Er hat keine Handschuhe angezogen", sagt Nafziger. Sie habe seine bloßen Hände auf ihren nackten Oberschenkeln gespürt. Er habe mehrere seiner Finger in sie eingeführt und ihr dann erzählt, sie habe HPV und er müsse sie behandeln.

Der Arzt habe ihr dann auch erklärt, er würde nun Fotos von ihr machen und sie würde an einer Studie teilnehmen. "Ich hatte das Gefühl, dass ich keine Wahl hatte, weil ich noch nicht behandelt worden war", erzählt die Frau. Der Arzt habe dann das Licht gedimmt und sich in den hinteren Teil des Raumes gestellt, dass sie ihn im Halbdunkeln nicht mehr sehen konnte, erinnert sich Nafziger.

Nafziger glaubte dem Frauenarzt, dass sie sich mit HP-Viren angesteckt hatte

Dann habe er ihr von einem Erlebnis erzählt, das er auf den Philippinen gehabt haben will. In einer Bar sei dort eine Frau gewesen, die sich von mehreren Männern oral befriedigen ließ. Nafziger, die entblößt auf dem Untersuchungsstuhl saß, habe plötzlich schreckliche Angst bekommen. Bis heute fragt sie sich, was der Arzt dort im hinteren Teil des Raumes getan hat.

Nafziger erzählte niemandem, was in Dr. Tyndalls Untersuchungszimmer passierte. Sie habe sich schmutzig gefühlt und sich geschämt, sagt sie. "Wem sage ich das? Wer glaubt mir das?", habe sie sich damals gefragt und geschwiegen. Sie musste danach noch einmal zu dem Arzt gehen, um ihre "HPV-Behandlung" abzuschließen. Er hatte ihr gedroht, dass sie sonst Krebs bekommen würde. Bei der zweiten Untersuchung war eine Krankenschwester mit im Raum. Der Arzt habe sich dann an ihrem Gebärmutterhals zu schaffen gemacht. Sie habe lange nach der Untersuchung noch Schmerzen gehabt.

Audry Nafziger
Audry Nafziger dachte jahrelang, sie hätte sich mit HP-Viren infiziert, weil Dr. Tyndall sie deswegen "behandelte".
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Hunderte Frauen berichten von Missbrauch in der Frauenarztpraxis

2018 kam plötzlich ans Licht, dass der Arzt an Hunderten Studentinnen in Kalifornien vergangen haben soll. Die Vorwürfe reichen von unangenehmen Berührungen bis hin zu Vergewaltigung. "Sie haben bergeweise Fotos bei ihm gefunden", sagt Nafziger im Interview. Als sie das Gesicht des Gynäkologen plötzlich in den Nachrichten sah, kamen auch bei Nafziger die Erinnerungen an den Horrorbesuch bei Dr. Tyndall wieder hoch. Sie entschloss sich, endlich über das Erlebte zu sprechen und warf einen Blick in ihre medizinischen Unterlagen von damals. In dem Untersuchungsbericht entdeckte sie dann, dass sie nie positiv auf HP-Viren getestet worden war. Der Arzt hatte die ahnungslose junge Frau angelogen. "Das war kein Zufall", ist sie heute überzeugt. "Er war das Raubtier und ich war seine Beute."

Die US-Hochschule soll von den Vorwürfen gegen den Arzt gewusst haben – trotzdem konnte Dr. Tyndall offenbar jahrelang weiter ungehindert auf dem Campus der USC praktizieren. Die Uni muss darum nun Schmerzensgeld zahlen. In einer Sammelklage hatte die Hochschule 2018 bereits eine Entschädigung von 215 Millionen Dollar zugesagt. Für mehr als 700 betroffenen Frauen sollen nun weitere 852 Millionen Dollar Schmerzensgeld fließen.

George Tyndall
Der ehemalige Campus-Gynäkologe George Tyndall ist noch nicht verurteilt.
© AP, Richard Vogel, RV DD ER RS DD

Verfahren gegen Dr. Tyndall läuft noch

Für die Opfer ist der Kampf damit aber noch nicht zu Ende. Das Verfahren gegen den Gynäkologen ist noch nicht abgeschlossen. "Er läuft immer noch frei herum", kritisiert Nafziger. Sie kann nicht verstehen, warum es überhaupt so lange gedauert habe, bis Anklage gegen den Mann erhoben wurde. Die ehemalige Studentin der USC kritisiert außerdem, dass bisher keine Ermittlungen gegen die Universität eingeleitet wurden. "Niemand, der das geschehen ließ, wurde zur Rechenschaft gezogen", klagt sie.

Nafziger ist heute Anwältin und setzt sich in ihrem beruflichen Alltag für Opfer von sexueller Gewalt ein. Auch das ist für sie im Nachhinein betrachtet kein Zufall. Dass sie für andere, die missbraucht wurden, kämpfen kann, hilft ihr, mit den eigenen Erlebnissen zurecht zu kommen.

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