Bundeskanzlerin nimmt Stellung

Angela Merkel über Afghanistan-Desaster: "Bitter, dramatisch und furchtbar"

17. August 2021 - 9:24 Uhr

Nach Statement in CDU-Präsidium: Merkel hält Pressekonferenz ab

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt über die prekäre Lage in Afghanistan gesprochen. Die unkontrollierbare Machtübernahme der Taliban in Kabul sei "bitter, dramatisch und furchtbar" und würde zu einer Erkenntnis führen: "Wir haben alle – und da übernehme ich auch die Verantwortung – die Entwicklung falsch eingeschätzt!"

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Merkel will schnelle Rettung von Landsleuten

Im Rahmen der Pressekonferenz hat Angela Merkel zugegeben, Fehler gemacht und die "atemberaubende Geschwindigkeit" der Taliban unterschätzt zu haben. Heute sieht sie ein: "Das ist eine bittere Entwicklung. Bitter, dramatisch und furchtbar ist die Entwicklung für die Menschen in Afghanistan, das Land, das in seiner Geschichte immer so geschunden wurde. Furchtbar für die Millionen Afghanen, die alles für Demokratie und Frauenrechte getan haben. Die Entwicklung ist aber auch bitter für Deutschland und die anderen verbündeten Nationen, die 20 Jahre lang gegen den Terrorismus und für Freiheit gekämpft haben."

Für die Kanzlerin stehe jetzt eine Sache im Vordergrund: "Unser Hauptziel ist es, denen die uns direkt geholfen haben, eine Perspektive zu bieten. Ob wir die umsetzen können, hängt von den Gegebenheiten in Kabul ab. (...) Wir setzen jetzt alles daran, unsere Landsleute in Sicherheit zu bringen." Derzeit würden sich deutsche militärische A400M-Transportflugzeuge im Anflug auf Kabul befinden. Man hoffe, dass diese bald landen können und man Mitarbeiter der deutschen Botschaft, Menschen aus der Entwicklungshilfe und Co. außer Landes holen kann. "Niemals dürfen wir die Menschen vergessen, die den Einsatz mit ihrem Leben oder mit Narben an Leib und Seele bezahlt haben", so Merkel.

Merkel: "Wir evakuieren nun in Zusammenarbeit mit den USA die Menschen"

Am Montagmorgen hatte sich die Kanzlerin nach Angaben von Teilnehmern bereits im CDU-Präsidium zur Lage in Afghanistan geäußert und von "bitteren Stunden" gesprochen. Demnach habe die Entscheidung zum US-Rückzug aus dem Land eine Kettenreaktion ausgelöst. Die Machtübernahme der Taliban sei gerade für die bitter, die an Demokratie und Freiheit geglaubt hätten, sowie für Frauen.

Man müsse nun mit einer Flüchtlingsbewegung rechnen und Hilfe in den Nachbarländern organisieren. Zuvor hatte CDU-Chef Armin Laschet mit Blick auf die Entwicklung in Syrien und die Flüchtlingsbewegungen dort gewarnt, 2015 dürfe sich nicht wiederholen.

Merkel umriss im CDU-Bundesvorstand nach Angaben von Teilnehmern auch die Dimension der Evakuierungsmission der Bundeswehr. Sie sprach demnach von rund 10.000 Personen, die Deutschland aus Afghanistan evakuieren wolle. Die Bundesregierung habe vor Monaten bereits 2500 Ortskräfte identifiziert. Bei 600 wisse man derzeit nicht, ob sie bereits in Drittstaaten seien, habe Merkel gesagt. Weitere 2000 Menschen wie Menschenrechtler und Anwälte sollten auch ausreisen. Insgesamt handele es sich inklusive der Familien um rund 10.000 Menschen. "Wir evakuieren nun in Zusammenarbeit mit den USA die Menschen. Ohne die Hilfe der Amerikaner könnten wir so einen Einsatz nicht machen", wurde die Kanzlerin zitiert. (dpa/lwe)

CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak im RTL-/ntv-"Frühstart" zur Situation in Afghanistan.