Warum das kein Grund zur Sorge ist

Biologe erklärt: Wir werden Corona nicht los!

Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl ist Beauftragter für Biologische Sicherheit von Bakterien, Viren und Gen-veränderten Organismen an der LMU München
Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl ist Beauftragter für Biologische Sicherheit von Bakterien, Viren und Gen-veränderten Organismen an der LMU München
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29. April 2021 - 9:54 Uhr

Warum uns eine Herdenimmunität in Deutschland nicht schützen wird

Selbst wenn in Deutschland eine Herdenimmunität gegen Corona herrscht, 80% der Impfwilligen doppelt geimpft sind – selbst dann sind wir das Coronavirus nicht los, erklärt Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl, Beauftragter für Biologische Sicherheit von Bakterien, Viren und Gen-veränderten Organismen an der LMU München im RTL Interview.

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Geimpft, geschützt - und trotzdem infiziert

Die gute Nachricht vorne weg: Doppelt geimpfte Menschen werden an Corona nicht sterben, sollten sie sich erneut infizieren.

Und jetzt die schlechte Nachricht: Ja, selbst doppelt geimpfte Menschen können Virusträger sein, sich also mit Corona infizieren. "Die Viruslast im Blut kann so hoch sein, dass ein PCR-Test positiv anschlägt. Die Antikörper erkennen das Virus allerdings sofort und somit haben die Viren keine Chance, den Patienten mit schwerem Verlauf erkranken zu lassen. Diese Menschen werden nicht auf die Intensivstation müssen, sie werden nicht daran sterben", erklärt Corona-Experte Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl RTL gegenüber.

Wichtig sei also auch für doppelt Geimpfte, Masken zu tragen, so lange es keine Herdenimmunität in Deutschland gebe. Wo wir schon bei der nächsten Problematik wären.

Herdenimmunität ist nicht gleich Herdenimmunität

"Die Pandemie ist nicht vorbei, wenn es in Deutschland eine Herdenimmunität gibt. Das Virus grassiert global", so Reichl.

Diverse Mutanten machen den bisher entwickelten und verimpften Impfstoffen das Leben immer schwerer. Die Mutation B.1.617 zum Beispiel wütet gerade in Indien, über 130.000 Tote täglich melden die Behörden.

"Unsere Corona-Impfstoffe sind für den Corona Wildtypus entwickelt. Würden wir dagegen um die 80% der Impfwilligen impfen, hätten wir das Virus vielleicht ausrotten können. Aber es gibt immer mehr Mutanten. Und es werden noch schlimmere Mutanten kommen. Zwar wirkt unser Impfschutz auch gut gegen die Mutationen, aber wir werden unseren Schutz trotzdem anpassen müssen", erklärt der Biologe im RTL-Interview. Diese Anpassung könne aber in wenigen Wochen erfolgen.

Und auch unser Körper rüstet sich gegen das Virus. Zwar hätten Genesene nach einer Erkrankung mit mildem Verlauf heutigen Erkenntnissen und Schätzungen zufolge nur eine kurze Immunität von etwa drei Monaten. Genesene, die eine schwere Erkrankung hinter sich haben, aber bereits Antikörper, die etwa ein Jahr gegen Corona schützen.

Und: "Unsere T-Zellen haben ein Gedächtnis. Das bedeutet: Wenn sich bereits Genesene später noch einmal infizieren, werden diese Gedächtniszellen wieder angeregt und können das Virus direkt selbst angreifen", erklärt Corona-Experte Prof. Dr. Dr. Franz-Xaver Reichl RTL gegenüber.

Trotzdem sollten Genesene laut Reichl etwa ein halbes Jahr nach der Genesung gegen Corona geimpft werden – und zwar mit nur einer Dosis des Impfstoffs. Das Johnson&Johnson Vakzin fällt damit allerdings für diese Gruppe weg, denn dieser Stoff muss zwar nur einmal gegeben werden, enthält aber quasi die doppelte Menge. "Eine Dosis kann man schlecht halbieren", so Reichl.

Menschen, die das Virus noch nicht hatten, werden üblicherweise zweimal geimpft, im Abstand weniger Wochen.

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Ältere und doppelt Geimpfte müssen noch in sauren Apfel beißen

Den Vorschlag, doppelt geimpften Menschen in Deutschland sofort Lockerungen zu ermöglichen, hält Reichl für nicht fair. "Ich bin ein Gerechtigkeitsanhänger. Erst, wenn ALLE Impfwilligen geimpft sind, sollten diese Menschen Freiheiten und Vorzüge zurück bekommen. Die Jüngeren haben so lange zurückgesteckt, müssen jetzt sogar länger warten, bis sie eine Impfung bekommen können. Letzteres halte ich auch für absolut richtig. Aber meiner Meinung nach müssten die doppelt Geimpften jetzt leider noch so lange in den sauren Apfel beißen, bis wir alle auf dem gleichen Stand sind", so der Biologe zu RTL.

Wenn dann alle Impfwilligen doppelt geimpft seien, sollten wir schnell wieder (fast) zurück zur Normalität gehen. Allein diese Debatte wird wohl weiterhin für Zündstoff sorgen.

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