Josef S. (100) muss sich vor Gericht verantworten

Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen: Ehemaliger KZ-Wachmann im Krankenwagen zur Verhandlung

08. Oktober 2021 - 10:48 Uhr

Josef S. soll als SS-Wachmann im KZ Sachsenhausen gearbeitet haben

Beihilfe zum Mord in 3.518 Fällen – mindestens. Das wird dem Angeklagten Josef S. vorgeworfen. Der 100 Jahre alte Mann muss sich nun vor dem Schwurgericht des Landgerichts Neuruppin verantworten. Er soll in den Jahren 1942 bis 1945 als SS-Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen gearbeitet haben. Dort soll er wissentlich und willentlich Hilfe zur grausamen und heimtückischen Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben.

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Mehr als 75 Jahre nach Kriegsende wird dem SS-Wachmann der Prozess gemacht

Josef S. wurde mit einem Krankenwagen zur Verhandlung gebracht. Zum Auftakt des Prozesses ist zunächst nur die Verlesung der Anklage geplant. Das Gericht hat 22 weitere Termine bis Januar 2022 angesetzt. Möglicherweise könnte es aber weitere Anträge der Nebenkläger geben, darunter sind auch Überlebende des KZ. Zeugen sollen erst später aussagen.

Jahrzehntelang lebte Josef S. unbehelligt. Nun – mehr als 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – soll er sich für die Nazi-Verbrechen, die ihm vorgeworfen werden, verantworten. Im KZ Sachsenhausen waren von 1936 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende Häftlinge kamen durch Hunger, Krankheiten, Zwangsarbeit, medizinische Versuche und Misshandlungen ums Leben oder wurden Opfer von systematischen Vernichtungsaktionen der SS. Angeklagt wurde Josef S. nun in 3.518. Die Zahl ist nur eine Mindestangabe der ermittelten Opfer.

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Im Gerichtssaal in Brandenburg gelten strenge Regeln

Der Prozess findet unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Nach der Anordnung des Vorsitzenden Richters sollen Justizwachtmeister mit einer Einsatzreserve den Prozess sichern. Alle Teilnehmer müssen eine Sicherheitsschleuse passieren und werden durchsucht. Die Mitnahme von Computern und Handys in den Sitzungssaal ist für Besucher und Journalisten verboten. Die Verhandlungen wurden aus organisatorischen Gründen nach Brandenburg/Havel verlegt. Das Gericht findet sich dort nun in einer Sporthalle der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel außerhalb des Gefängnisgeländes zusammen.

Der Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther hatte im Vorfeld des Prozesses erklärt, die deutsche Justiz habe die Aufarbeitung der NS-Verbrechen jahrzehntelang vernachlässigt. "Ich halte es für einen großen Fehler der Justiz in den vergangenen Jahrzehnten, dass der Tatbestand der Beihilfe nicht verfolgt wurde", sagte er. Für die Nebenkläger sei das Verfahren ungemein bedeutsam. "Sie werden dort gehört werden und das ist bislang nicht genug geschehen." Inzwischen ist es bei vielen Tätern für eine Strafverfolgung längst zu spät. Viele von ihnen leben nicht mehr. Josef S. ist mit 100 Jahren einer der wenigen Tatverdächtigen, die überhaupt noch vor Gericht gestellt werden können. (dpa/jgr)