Ampel will die Rente grundlegend reformieren

"Zocker-Rente" oder sinnvolle Reform: Ist unsere Rente in Aktien sicherer?

22. Oktober 2021 - 13:28 Uhr

Reform der Rente ist ein großes "Ampel"-Projekt

von Clara Pfeffer

Es soll eines der ganz großen Ampel-Projekte werden: Die Reform des bisherigen Rentensystems. Ein Aspekt, mit dem sich die FDP im Sondierungsprogramm durchsetzen konnte, ist die sogenannte "Aktien-Rente". Aktien? Zocken? Spekulieren? Mit unserer Altersvorsorge?! Diese Sorgen könnte da der ein oder andere jetzt haben.

Wir erklären, was hinter der Idee steckt und warum die Schweden damit schon gute Erfahrungen haben…

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Immer weniger Arbeitnehmer finanzieren mehr Rentner

Martin Werding
„Jetzt ist gerade noch Zeit, um zu handeln“, sagt der Rentenexperte und Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen Martin Werding.
© RTL

Die Rente ist eines dieser Probleme, die sich immer auch später noch lösen lassen. So geht es den meisten Deutschen und so ging es bisher auch den meisten Regierungen in der Bundesrepublik. Nur irgendwann ist es dann wirklich zu spät. "Jetzt ist gerade noch Zeit, um zu handeln", sagt der Rentenexperte und Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen Martin Werding im RTL-Interview. Denn unser aktuelles System funktioniere einfach nicht mehr lang.

Im Moment werden Rentner sozusagen direkt von den aktuellen Arbeitnehmern finanziert. Das nennt sich Umlagesystem. Wer auf seine Gehaltsabrechnung schaut, entdeckt dort schnell den Posten Rentenversicherung.

  • Der Beitragssatz liegt derzeit bei 18,6 Prozent des Bruttolohns. Davon tragen die Arbeitnehmer 9,3 Prozent selbst, 9,3 Prozent trägt der Arbeitgeber.
  • Ein Arbeitnehmer, der 4.000 Euro brutto im Monat verdient, muss davon also 372 Euro an die Rentenkasse abführen.

Dieses Geld geht dann fast ohne Umwege an die Rentner, die ihrerseits als Arbeitnehmer jahrelang eingezahlt haben und die damaligen Rentner damit finanziert haben. So weit so gut. Nur gab es bisher eben immer deutlich mehr Arbeitnehmer als Rentner. Und das ändert sich jetzt dramatisch.

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  • 1992 haben im Schnitt 2,7 Arbeitnehmer einen Rentner finanziert.
  • 2020 waren es nur noch 1,8.
  • 2050 werden es dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung zufolge nur noch 1,3 sein.

Da kommt dann schlicht und einfach nicht genug zusammen, um alle Rentner zu finanzieren.

Höhere Beiträge oder späterer Rentenbeginn – das wären Alternativen

Um das Dilemma zu lösen, gibt es im Grunde zwei Möglichkeiten:

  1. Arbeitnehmer zahlen mehr Geld in die Kasse. Das würde bedeuten, sie müssten einen höheren Beitrag zahlen und länger arbeiten.
  2. Rentner bekommen weniger.

Beides will die Politik nicht antasten. Auch im aktuellen Sondierungspapier steht: "Wir werden daher die gesetzliche Rente stärken und das Mindestrentenniveau von 48 Prozent sichern. Es wird keine Rentenkürzungen und keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters geben."

Und da kommt die dritte Möglichkeit ins Spiel, die aktuell viel diskutiert wird: Statt das Geld, das die Arbeitnehmer einzahlen, direkt und vollständig an die Rentner zu zahlen, könnte man einen Teil davon in Aktien anlegen. So würde über die Zeit aus dem Geld mehr Geld, denn am Aktienmarkt locken höhere Renditen. Und das will eine mögliche Ampel-Koalition jetzt prüfen.

SPD, Grüne und FDP hatten sich auf Drängen der Liberalen darauf geeinigt, dass die Rentenversicherung Geld am Kapitalmarkt anlegen darf. Details dazu müssten in den Koalitionsverhandlungen besprochen werden, so der stellvertretende FDP-Vorsitzende Johannes Vogel im RTL/ntv-Frühstart. "Aber da ist die Tür zu einer enkelfitten Rente aufgestoßen."

Wörtlich heißt es dazu im Papier: "Um diese Zusage generationengerecht abzusichern, werden wir (…) in eine teilweise Kapitaldeckung der Gesetzlichen Rentenversicherung einsteigen. Dazu werden wir in einem ersten Schritt der Deutschen Rentenversicherung im Jahr 2022 aus Haushaltsmitteln einen Kapitalstock von 10 Milliarden Euro zuführen. Wir werden der Deutschen Rentenversicherung auch ermöglichen, ihre Reserven am Kapitalmarkt reguliert anzulegen."

LESE-TIPP: Das 10-Punkte-Programm der Ampel-Sondierer: Das planen SPD, Grüne und FDP

„Schweden haben in den 2000er Jahren vorgemacht, wie es richtig geht“

In Schweden ist die Idee bereits seit mehr als 20 Jahren Realität, und das sehr erfolgreich. "Die Schweden haben in den 2000er Jahren vorgemacht, wie es richtig geht", sagt Martin Werding. Dort muss jeder Rentenversicherte 2,5 Prozent seines Bruttolohns in einen Aktienfonds investieren. Theoretisch kann jeder hier aus zahlreichen Fonds einen wählen. Die meisten aber verlassen sich auf den staatlichen Fonds AP7. Der hat trotz einiger Krisen (Finanzkrise und Corona-Krise hier nur mal beispielhaft genannt), insgesamt immer gute Renditen geliefert.

Im Video erklärt der Chef des schwedischen Staatsfond, Richard Gröttheim, wie das schwedische System funktioniert – und warum er keine Angst vor einem Crash kurz vor Rentenbeginn hat.

"Wenn sie breit streuen und über einen langen Zeitraum anlegen, ist das Risiko minimal", bestätigt der Rentenexperte Werding. Kurzfristig sind Aktien tatsächlich riskant, denn niemand weiß, wie gut sich ein Unternehmen in den kommenden Monaten entwickelt. Langfristig und auf viele verschiedene Unternehmen verteilt, gibt es aber viel zu gewinnen. Denn wenn wir grundsätzlich davon ausgehen, dass die Wirtschaft wächst und Unternehmen größer und profitabler werden, dann können wir über Aktien davon profitieren. Angst vor einer "Zockerrente" sollte also niemand haben.

Damit das rechtzeitig greift, müsse man aber bald anfangen. Denn es braucht ja eine gewisse Zeit, bis die Anlage fruchtet. Und: "Mit einem rein freiwilligen Angebot, erreichen wir nicht genügend Menschen."

Renten-Experte: Modell wäre riesiger Fortschritt

Auf ein verpflichtendes Modell, wie in Schweden, haben sich SPD, Grüne und FDP in ihrem Sondierungspapier allerdings nicht einigen können. Stattdessen wollen sie "das Angebot eines öffentlich verantworteten Fonds mit einem effektiven und kostengünstigen Angebot mit Abwahlmöglichkeit prüfen."

Wenn es sich dabei um eine sogenannte "Opt-out"-Option handelt, könnte das funktionieren, findet Werding. Das würde bedeuten, dass erst mal alle automatisch in so einen Fonds investieren. Es sei denn, sie sprechen sich explizit dagegen aus. Ein solches Modell wäre aus Sicht von Werding schon ein riesiger Fortschritt.