Nach Drogenrazzia in Rio de Janeiro mit 25 Toten

Amnesty International verurteilt den Polizeieinsatz als "Massaker"

07. Mai 2021 - 19:51 Uhr

Feuergefecht zwischen Polizei und Drogenbande in Favela von Rio endet in Blutbad

Amnesty International verurteilt das Vorgehen der Polizei bei der Drogenrazzia in einer Favela, einem Armenviertel in Rio de Janeiro. Sie bezeichnen den Einsatz als "Massaker". Die brasilianische Polizei hingegen verteidigt ihr Vorgehen auf der Pressekonferenz, wie Sie im Video oben sehen können.

Tödlichster Polizeieinsatz in der Geschichte Rio de Janeiros

Mindestens 25 Menschen sind bei einem Polizeieinsatz in einem Armenviertel im Stadtteil Jacarezinho in Rio de Janeiro ums Leben gekommen, berichtet das Nachrichtenportal "G1". Bei den Opfern handelt es sich um 24 mutmaßliche Mitglieder einer Drogenbande und einem Beamten der Anti-Drogeneinheit. Nach Angaben von "G1" und der App "Fogo Cruzado" (Kreuzfeuer), die Daten über bewaffnete Gewalt auswertet, sind bei dieser Operation so viele Menschen gestorben wie noch nie zuvor in einem Polizeieinsatz in der Geschichte Rio de Janeiros.

Amnesty International: Es war ein Massaker in einem Armenviertel

Menschrechtsaktivisten stellen das heftige Vorgehen der Zivilpolizei in Frage. Sie werfen der staatlichen Behörde vor, mit übertriebener Härte vorgegangen zu sein. Jurema Werneck, Vorstandsmitglied von Amnesty International Brasilien, spricht in einer Mitteilung sogar von einem wiederholten "Massaker", das "ungerechtfertigt und nicht vertretbar" sei. Er fordert: "Die Staatsanwaltschaft von Rio de Janeiro muss eine zeitnahe, erschöpfende, unabhängige und wirksame Untersuchung zu diesen Gräueltaten einleiten, gefolgt von internationalen Standards, sodass die Vertreter des Staates, die dieses Massaker angeordnet, begangen und durchgeführt haben zur Rechenschaft gezogen und vor Gericht gestellt werden". Und weiter: "Es ist völlig inakzeptabel, dass Sicherheitskräfte immer wieder schwere Menschrechtsverletzungen begehen, wie die heute in Jacarezinho gegen die Bewohner der Favelas, die überwiegend schwarz sind und in Armut leben".

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Anwohner berichten von brutalen Szenen

Wie "G1" berichtet, ist bislang nicht bekannt, unter welchen Umständen die Kriminellen getötet wurden. Viele Anwohner der Favela zogen nach der Tat demonstrativ und lautstark durch die Straßen. "Das ist falsch! Sie haben meinen Freund umgebracht", brüllt eine Frau. "Wir wollen Gerechtigkeit", riefen andere. Aufnahmen zeigen, wie die 43-jährige Flavia Luciana in ihrem blutverschmierten Flur steht und einem Journalisten von dem Moment berichtet, als die Polizei in ihr Zuhause einbrach. "Um acht Uhr am Morgen kam ein Krimineller in mein Haus. Ich hatte keine Chance ihn wegzuschicken, weil ich in der Favela lebe. Er hatte eine Schusswunde und dann kam die Polizei und hat mich gefragt, ob ich ein Gang-Mitglied gesehen hätte. Ich nickte, weil ich meine Familie nicht in Gefahr bringen wollte. So kam die Polizei rein und hat den Jungen in dem Zimmer meiner Tochter ermordet".

Brasiliens Bundesgerichthof untersagt Polizeieinsätze in Rios Favelas

Erst im Sommer letzten Jahres hat Brasiliens höchster Gerichtshof (STF) festgesetzt, dass während der Pandemie Polizeieinsätze in den Armenvierteln von Rio auszusetzen sind. Nur in den "absoluten Ausnahmefällen" seien sie erlaubt. Rios Polizei verteidigt ihren Einsatz auf der Pressekonferenz. "Alle Auflagen vom höchsten Gerichtshof waren erfüllt, ausnahmslos", beteuert Polizeichef Rodrigo Oliveira.

SJU