Logistik-Experte blieb in Kabul, als die Taliban einfielen

Deshalb entschied sich Christoph Klawitter, sich nicht evakuieren zu lassen

Logistik-Experte Christoph Klawitter lebte mehr als 20 Jahre in Afghanistan.
Logistik-Experte Christoph Klawitter lebte mehr als 20 Jahre in Afghanistan.
© Christoph Klawitter

23. Oktober 2021 - 19:44 Uhr

Eine Konstante in Afghanistan

Von Liv von Boetticher

Als Kabul am 15. August in die Hände der Taliban fällt und am Hamid Karzai International Airport das Chaos ausbricht, bleibt ein deutscher Zivilist freiwillig vor Ort und unterstützt die Deutsche Botschaft, die Bundeswehr sowie die US Marines bei den Evakuierungsmaßnahmen. Denn während in den vergangenen 20 Jahren das Personal von Botschaften, Hilfsorganisationen und Militär alle paar Monate ausgetauscht wurde, gab es in Afghanistan eine Konstante: Christoph Klawitter.

Der Logistik-Experte verschiffte für Deutsche und Amerikaner alles, was vor Ort so gebraucht und beschafft werden musste. Von gepanzerten Fahrzeugen bis hin zum Transport von 300 Paar Schuhen einer Botschaftsangehörigen. Der 47-jährige Hamburger spricht fließend die Landessprache Dari, er saß über die Jahre hinweg mit Warlords am Tisch und verhandelte mit korrupten Ministern. Westliche Nachrichtendienste und deutsche Ministerien verlassen sich auf seine Einschätzung, denn vermutlich gibt es wenige Menschen, die mehr über Afghanistan wissen – und vor allem: die ein realistischeres Bild der Lage vor Ort zeichnen können.

Herr Klawitter, warum haben Sie 20 Jahre lang in Afghanistan gelebt?

Ich habe für die NATO-Mitgliedsstaaten den logistischen Aufbau der Camps gemacht, also z.B. gepanzerte Fahrzeuge importiert, Lebensmittel ins Land gebracht, Hilfsgüter organisiert oder auch für Botschaftsmitarbeiter und Hilfsorganisationen die Umzüge ihrer Mitarbeiter koordiniert. Außerdem sollte ich zuletzt ein Sicherheitssystem für die Stadt Kabul mit 1.100 Kameras aufbauen. Das Projekt wurde jetzt aber nicht mehr beendet. Die Taliban haben das Lager mit der Ausrüstung versiegelt und Wachen abgestellt, damit das Equipment nicht gestohlen wird. Das hat mich sehr überrascht. Wenn alles klappt, wie von ihnen angekündigt, kann ich die Sachen irgendwann abholen.

So sieht der Flur des deutschen Koordinationszentrums am Flughafen in Kabul aus.
So sieht der Flur des deutschen Koordinationszentrums am Flughafen in Kabul aus.
© Christoph Klawitter

Wie haben Sie den 15. August, den Fall Kabuls, erlebt?

Die Taliban standen ja schon einige Tage zuvor unmittelbar vor der Stadt, darüber hatte ich auch mit deutschen Kontakten in Kabul gesprochen. Der Morgen des 15. Augusts begann dann noch relativ ruhig, aber gegen Mittag begannen die Menschen die Banken zu stürmen, um ihre Ersparnisse zu retten. Nach Rücksprache mit der Deutschen Botschaft bin ich dann von meinem Camp zum Flughafen gefahren. Eigentlich, um evakuiert zu werden. Dann habe ich mich jedoch beim stellvertretenden Botschafter freiwillig gemeldet, um mit meinen Kontakten, Erfahrungen und Sprachkenntnissen bei der Koordination vor Ort zu helfen.

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Wie genau sah Ihre Unterstützung aus?

Das Militär vor Ort hatte schlicht und einfach in den ersten Tagen keine Übersetzer für die Landessprachen mitgebracht. Ich habe also für die Bundeswehr, die US Marines sowie das französische, italienische und spanische Militär vor Ort übersetzt und geschaut, wer aufs Gelände darf, und wer nicht. Ich bin vor den Toren durch die Menge gelaufen und habe versucht diejenigen zu finden, die tatsächlich berechtigt waren, evakuiert zu werden. Und vor allem: die sich auch ausweisen konnten. Sobald ich eine Gruppe von Menschen zusammen hatte, habe ich sie den Soldaten an den Schleusen übergeben und sie durften dann passieren. Ich bin für insgesamt elf Tage am Flughafen geblieben.

Hier trocknen Einsatzkräfte ihre bunten Socken.
Hier trocknen Einsatzkräfte ihre bunten Socken.
© Christoph Klawitter

Wer waren die Menschen am Flughafen?

Die Taliban überwachten die Menschen am Gate.
Die Taliban überwachten die Menschen am Gate.
© Christoph Klawitter

Man muss es leider so sagen: Es waren zum größten Teil Opportunisten, die diese Evakuierung für ein schnelles "Ticket" für ein besseres Leben benutzen wollten. Die Menschen sagten mir auch immer wieder, dass die westlichen Regierungen doch zugesichert hätten, dass alle Afghanen mitkommen könnten. Das stimmte natürlich nicht. Aber der Ansturm der Opportunisten hat dazu geführt, dass die wirklich Schutzbedürftigen nicht alle an den Toren durchgekommen sind. Ich schätze, es waren jeden Tag bis zu 4.000 Menschen an jedem Tor, darunter Ex-Politiker, Parlamentarier und Minister. Auch Ex-Militärs und Ex-Geheimdienstler waren dabei.

Was bleibt Ihnen von dieser Zeit am Meisten in Erinnerung?

Mir wurden zwei tote Kinder in die Arme gedrückt, ein vollkommen vertrockneter Säugling (es hatte 37 Grad im Schatten und kaum Wasser) sowie ein erdrücktes Kleinkind. An den Toren herrschte ein unvorstellbares Leid. Viele Menschen waren durch den NATO-Stacheldraht schwerverletzt, es gab Knochenbrüche durch das Gedränge. Auch die Geräuschkulisse und der Gestank dieser Tage wird mich wohl für immer begleiten. Der Anschlag am Abbey Gate, an dem ich jeden Tag Stunden verbracht habe, hat mich außerdem schwer getroffen. Das alles werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen können.

Wie haben Sie die Zusammenarbeit zwischen Deutscher Botschaft und Auswärtigem Amt erlebt?

Es schien, dass Berlin nicht immer die Situation in Kabul verstanden hat.

Zwischendurch gönnte sich Christoph Klawitter eine Verschnaufpause mit Oliven der italienischen Kollegen.
Zwischendurch gönnte sich Christoph Klawitter eine Verschnaufpause mit Oliven der italienischen Kollegen.
© Christoph Klawitter

Hätten der Bundesnachrichtendienst sowie das Auswärtige Amt besser auf die Lage in Afghanistan vorbereitet sein müssen?

Uns allen vor Ort war bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis Kabul in die Hände der Taliban fällt. Und ich gehe davon aus, dass diese Einschätzung auch nach Berlin kommuniziert wurde. Die Katastrophe begann mit Ashraf Ghani's Flucht, die alle überrascht hat und zu dem schnellen Kollaps der afghanischen Regierung geführt hat. Aus meiner Sicht war die Flucht nicht mit einer tatsächlichen Bedrohungslage zu rechtfertigen. Die Taliban hatten zu keinem Zeitpunkt angedroht, alle abzuschlachten. Vermutlich wären vor allem Ghani's enge Berater wegen Korruption von den Taliban zur Rechenschaft gezogen worden, für ihn selbst hätte vermutlich eine Amnestie gegolten. Und an dieser Stelle möchte ich betonen: Man hätte diese Menschen zu Recht wegen Korruption zur Rechenschaft ziehen müssen. Sie haben sich in den vergangenen Jahren auf Kosten der NATO-Mitgliedsstaaten in unermesslicher Art und Weise bereichert. Ich habe ihre Paläste mit eigenen Augen gesehen – auch von innen. Ghani selbst soll ja 168 Millionen Dollar in Bar auf seiner Flucht mitgenommen haben. Seine ehemaligen Minister wurden gerade erst in Luxusautos in der Londoner City gesichtet.

Hätte Ashraf Ghani das Chaos hätte verhindern können?

Auf jeden Fall. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: er hat das Chaos absichtlich herbeigeführt. In dem Moment, wo die Gespräche zwischen den Taliban und den USA unter Führung Trumps ohne Beteiligung der afghanischen Regierung begonnen hatten, wendete sich die Stimmung in Kabul abrupt: Ghani's Regierung war natürlich überhaupt nicht erfreut, man fühlte sich von den Amerikanern verkauft. Ich denke, Ghani dachte sich "schaut zu, wie ihr jetzt alleine damit klarkommt".

Wie sind Sie zurück nach Deutschland gekommen und wie geht es mit Ihren Mitarbeitern weiter?

Ich bin zusammen mit dem Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr sowie den deutschen Botschaftsmitarbeitern in der letzten Maschine rausgeflogen. Meine afghanischen Mitarbeiter musste ich zu großen Teilen zurücklassen und stehe mit ihnen täglich in Kontakt. Die wirtschaftliche Lage verschlechtert sich täglich. Die Sicherheitslage wird von meinen Mitarbeitern aber als besser als zuvor beschrieben.

Werden Sie zurückkehren?

Nach so vielen Jahren ist es schwierig sich mit dem Gedanken abzufinden nie wieder nach Afghanistan zu kommen. Ich werde sicherlich wieder zurückkehren