Aus purer Not und voller Verzweiflung sieht Familie keinen anderen Ausweg

Familie verkauft Baby für 430 Euro - es soll eines Tages den Sohn des Käufers heiraten

Mütter und Kinder in einer Ernährungsklinik in der Stadt Herat (Symbolfoto)
Mütter und Kinder in einer Ernährungsklinik in der Stadt Herat (Symbolfoto)
© dpa, Marco Di Lauro, tba

27. Oktober 2021 - 16:12 Uhr

BBC-Reporterin berichtet über erschütternden Fall

Das Schicksal eines kleinen afghanischen Mädchens macht fassungslos: Das Kind wurde von seiner hungernden Familie für 430 Euro verkauft, aus purer Not und in größter Verzweiflung. Diese erschütternde Geschichte, wohl alles andere als ein Einzelfall, wurde durch eine Recherche der britischen Journalistin Yogita Limaye für den Sender BBC bekannt.

Die Hälfte des Geldes sofort, die andere, wenn er das Mädchen zu sich holt

Die Journalistin reiste in ein kleines Dorf in der Gegend von Herat im Westen Afghanistans. Dort traf sie eine Mutter, die ihr berichtet, dass sie ihre Tochter verkauft habe. Hätte sie das nicht getan, hätten ihre anderen Kinder verhungern müssen, sagt die Frau.

Der Käufer wolle sich um das Kind kümmern, sobald es laufen könne, so der Bericht. Er habe die Hälfte des Geldes als Anzahlung da gelassen. Den Rest wolle er der Familie geben, wenn er das Mädchen "in ein paar Monaten" zu sich holt. Es soll bei ihm erzogen werden und später seinen Sohn heiraten, heißt es in dem BBC-Beitrag weiter. Die Familie des Mädchens ist verzweifelt, sieht aber in ihrer Not keinen anderen Ausweg mehr.

Die Probleme in Afghanistan haben seit der Machtübernahme der Taliban vor einigen Monaten dramatisch zugenommen. Die Menschen in dem ohnehin armen Land klagen über anhaltende Dürre, Wirtschaftskrise, steigende Lebensmittelpreise und fehlende Hilfen.

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Nahrungsmittelausgabe in Herat
Ein Mitarbeiter des Welternährungsprogramms WFP verteilt Nahrungsmitteln am Stadtrand von Herat. Die Rationen bestehen aus Weizenmehl, Erbsen, Öl und Salz für jede Familie.
© dpa, Marco Di Lauro, tba

Die Hungerkrise spitzt sich zu. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung des Landes wird ab November nicht ausreichend zu essen haben, warnt ein Bericht von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und dem Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen. 22,8 Millionen Menschen in dem Land mit geschätzt 37 Millionen Einwohnern seien akut bedroht.

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Der Bericht zeigt, dass erstmals auch die städtische Bevölkerung in ähnlichem Maße unter Hunger leidet wie ländliche Gebiete. Unter den Gefährdeten seien 3,2 Millionen Kinder unter fünf Jahren, die bis Ende des Jahres an akuter Unterernährung leiden dürften. Die sich zuspitzende Situation führt zu immer größerer Verzweiflung und zu Protestaktionen in dem Land. In einem in sozialen Medien häufig geteilten Video filmt ein Afghane fünf Kinder, die in einem Grab liegen.

Der Mann kommentiert, während eine Person Erde auf die Jungen schaufelt, dass seine Familie seit einer Woche nichts zu essen habe. "Brüder, es gibt keinen Grund mehr, zu leben. Wir trinken seit einer Woche nur Wasser. Wir haben beschlossen, uns lebendig zu begraben." (uvo; dpa)