Letzte Chance für BlutkrebspatientenWie Goric Leben retten will – und wie die Stammzellspende am Ziel ankommt

von Antonia Schütter, Niklas Bönsch und Annalena Kirsten

Für einen unbekannten Menschen irgendwo auf der Welt könnten Gorics Stammzellen der Unterschied zwischen Leben und Tod sein. Der 21-Jährige steht in einer Entnahmestation kurz vor seiner ersten Stammzellspende und denkt auf dem Weg dorthin vor allem an eins: die Chance, Leben zu retten.

„Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr gefällt mir das“

Goric kurz vor der Spende noch einmal seine Gedanken. Er sagt, er sei vor allem dankbar, überhaupt die Möglichkeit zu haben, jemandem mit seiner Spende vielleicht das Leben zu retten und genau das wolle er nutzen. Registriert ist er schon länger: Bei einer Aktion an seiner Schule hieß es für ihn „Mund auf, Stäbchen rein, Spender sein“. Damals war ihm noch nicht ganz klar, was genau hinter der Registrierung steckt. Erst später, als er sich eingelesen hat, wuchs die Faszination und der Wunsch, im Ernstfall wirklich helfen zu können. Als nun die Nachricht kam, dass er als Spender in Frage kommt, hat er nicht lange gezögert.

Wie die Stammzellspende abläuft

Viele verbinden Stammzellspende noch mit einer Entnahme aus dem Beckenkamm unter Vollnarkose. Tatsächlich läuft die Spende in den meisten Fällen anders ab. Auch bei Goric kommt das gängigste Verfahren zum Einsatz: In den Tagen vor der Spende bekommt er ein Medikament, das die Bildung von Stammzellen im Blut anregt. Während der eigentlichen Entnahme fließt das Blut aus einer Armvene in ein spezielles Gerät, das die Stammzellen herausfiltert. Das restliche Blut wird über den anderen Arm direkt in den Körper zurückgeleitet. Für den 21-Jährigen fühlt sich das vor allem nach Liegen an: Auf einem Arm ein leichtes Kribbeln, sonst Ruhe. „Es ist wirklich sehr entspannt“, beschreibt er den Moment an der Maschine.

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Lebensretter im Handgepäck – mit der Box um die Welt

Sind die Stammzellen gewonnen, beginnt der nächste kritische Abschnitt: der Transport zur Klinik des Empfängers. Dafür ist unter anderem Spezialkurier Danny Straßburger zuständig, der für das Münchener Unternehmen Life Couriers arbeitet. Dabei handelt es sich um einen Anbieter, der auch in Köln ein Büro hat und auf den Transport von Knochenmark- und Stammzellpräparaten spezialisiert ist. Straßburger hat schon mehr als zweihundert Transporte durchgeführt. Für ihn ist der Job mehr als Logistik: Er spricht von einer Herzensangelegenheit, geprägt durch den Tod seiner Mutter an Krebs. Mit jeder Reise möchte er den Gedanken weitertragen, anderen eine Chance zu geben, die seine Mutter nicht mehr hatte. Pro Woche koordinieren Life Couriers und ihre rund 500 Kuriere etwa 100 Transporte weltweit, jeder unter strengsten Zeit- und Sicherheitsvorgaben.

Sekunden, Temperatur und Sicherheit im Fokus

Vor jedem Einsatz wird der Kurier gebrieft: Je nach Ziel gelten unterschiedliche Regularien, besonders beim Umgang mit den empfindlichen Präparaten. Straßburger erhält eine Transportbox mit Kühlakkus und Thermometer, die Temperatur muss – je nach Vorgabe – in einem engen Bereich bleiben, zum Beispiel zwischen 16 und 22 Grad. Ein Überschreiten kann die Spende unbrauchbar machen. Die Zeit läuft ebenfalls: Nach der Entnahme bleiben meist nur 48 Stunden, bis die Stammzellen beim Patienten transplantiert sein müssen. Der Kurier dokumentiert jeden Schritt, schickt Codes an den Auftraggeber und achtet darauf, dass die Box nie aus seinem Blickfeld gerät. Selbst an der Sicherheitskontrolle darf sie nicht durch das Röntgengerät. Im Flugzeug bleibt sie im Handgepäck in unmittelbarer Nähe. Erst wenn er die Spende in der Zielklinik übergeben hat, fällt die Anspannung ab: Dann ist die Verantwortung wieder bei den Ärzten.

Warum neue Spender so dringend gebraucht werden

Damit solche Transporte überhaupt stattfinden können, braucht es passende Spender. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) bringt Blutkrebspatienten und geeignete Spender zusammen. Mehr als 13 Millionen Menschen sind weltweit über die Organisation registriert. Allein in diesem Jahr scheiden jedoch rund 160.000 Registrierte aus der Datei aus, weil sie das Höchstalter erreicht haben. „Wir brauchen viele neue, die diesen Staffelstab übernehmen“, betont DKMS-Sprecher Joachim Neubauer. Besonders junge Menschen unter 30 kommen überdurchschnittlich häufig als Spender in Frage. Grundsätzlich kann sich jeder gesunde Mensch zwischen 17 und 55 Jahren registrieren lassen.

Info – wie man sich registriert

Wer Stammzellspender werden möchte, kann sich über die Website der DKMS registrieren. Über ein Online-Formular kann ein kostenloses Registrierungsset nach Hause bestellt werden. In dem Set liegen mehrere Wattestäbchen und eine Anleitung: Mit den Stäbchen wird jeweils ein Abstrich der Wangenschleimhaut genommen, anschließend wird die Einwilligungserklärung unterschrieben und alles im Rückumschlag an das DKMS-Labor zurückgeschickt. Dort werden die relevanten Gewebemerkmale analysiert. Anschließend werden die Daten pseudonymisiert in nationale und internationale Register eingespeist, damit Transplantationskliniken weltweit nach passenden Spendern suchen können. Die Registrierung ist für gesunde Menschen mit Wohnsitz in Deutschland im Alter von 17 bis 55 Jahren möglich. Wer nicht online bestellen möchte, kann sich auch bei Registrierungsaktionen vor Ort in die Datei aufnehmen lassen. Diese sind häufig organisiert von Angehörigen oder Initiativen, die auf Blutkrebs aufmerksam machen und Spenden sammeln.

Diversität als Chance – und ein Name, den er vielleicht nie erfährt

Goric bringt als Deutscher mit armenischen Wurzeln einen zusätzlichen Vorteil mit: Je ähnlicher der ethnische Hintergrund von Spender und Empfänger ist, desto höher sind statistisch die Chancen auf ein passendes Match und die Gesellschaft wird immer vielfältiger. Während seine Spende unterwegs ist, hofft er, dass die Person am anderen Ende diese Nachricht als neuen Hoffnungsschimmer erlebt. Einen Namen erfährt er vorerst nicht, denn in Deutschland gilt eine mindestens zweijährige Anonymitätsfrist. Auf Wunsch kann ihm die DKMS aber kurz nach der Spende Alter, Geschlecht und das Land des Empfängers mitteilen. Wenn beide Seiten es möchten, ist später sogar ein Kontakt möglich, anonym vermittelt. Vielleicht erfährt Goric dann, ob seine Stammzellen das geschafft haben, worauf er schon auf der Fahrt zur Entnahme gehofft hat: ein Leben zu retten.