Tausende Polizisten müssen Aktion absichernCastortransport in NRW – mit Atommüll von Jülich nach Ahaus

Aus Jülich wird Atommüll mit Schwertransportern in Richtung Ahaus transportiert. (Archivbild)
Aus Jülich wird Atommüll mit Schwertransportern in Richtung Ahaus transportiert. (Archivbild)
David Young/dpa
von Julia Westarp, Stefan Efferth und Parviz Khosrawi

Zwischen Jülich und Ahaus stehen die Zeichen wieder auf Castortransport – und auf Konflikt. In den kommenden Monaten sollen 152 Behälter mit hochradioaktivem Atommüll vom Forschungszentrum Jülich ins Zwischenlager Ahaus gebracht werden. Es wären die ersten Castortransporte durch Nordrhein-Westfalen seit fast drei Jahrzehnten – und diesmal nicht auf der Schiene, sondern als Schwertransporte über die Autobahn.

Was in den gelben Behältern steckt

Die sogenannten Castoren – das Kürzel steht für „Cask for Storage and Transport of Radioactive Material“ – sind eine deutsche Spezialentwicklung aus Essen. Es sind tonnenschwere Sicherheitsbehälter aus dickwandigem Gusseisen mit Kugelgraphit, die Stürze, Brände und andere Extrembelastungen aushalten sollen. Jeder der gelben Jülich-Castoren wiegt leer etwa 25 Tonnen, beladen rund 27 Tonnen. Im Inneren liegen etwa 1.900 bis 2.000 tennisballgroße Keramikkugeln – Brennelemente aus einem Thorium-Uran-Mix, eingebettet in Graphit. In ihnen steckt der hochradioaktive Abfall aus dem Versuchsreaktor AVR, der in Jülich von 1967 bis 1988 betrieben wurde. Pro Behälter sind es nur wenige Kilo Schwermetall – aber mit einer Strahlung, die ungeschützt lebensgefährlich wäre. Seit 1993 stehen die 152 Castoren in einer Halle auf dem Gelände in Jülich. Die ursprüngliche Genehmigung für das dortige Zwischenlager ist seit Jahren abgelaufen, der Betrieb wird nur noch per befristeten Anordnungen geduldet. Politisch und rechtlich gilt der Standort deshalb als „Problemfall“: Der Atommüll ist gesichert eingeschlossen, aber er soll von dort weg.

Streit um das richtige Lager

Die naheliegende Lösung – ein neues, erdbebensicheres Zwischenlager direkt in Jülich zu bauen und zu genehmigen – scheiterte. Die NRW-Landesregierung drängte darauf, doch auf Bundesebene gab es dafür keine Zustimmung. Also verfolgt der Bund seit Jahren einen anderen Weg: Die Brennelementekugeln sollen ins bereits bestehende Zwischenlager Ahaus in Westfalen gebracht werden. Auch diese Lösung ist nur ein Provisorium. Die Genehmigung des Zwischenlagers Ahaus läuft in gut zehn Jahren aus. Ein Endlager für hochradioaktiven Müll gibt es in Deutschland nach wie vor nicht. Kritiker sprechen deshalb von einem „Verschieben“ des Problems: vom beengten, rechtlich wackeligen Zwischenlager Jülich in ein größeres, aber ebenfalls zeitlich befristetes Zwischenlager in Ahaus.

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Warum diesmal per Laster?

Bisher wurden Castoren in Deutschland fast ausschließlich per Bahn transportiert – etwa nach Gorleben oder zu anderen Zwischenlagern. Zwischen Jülich und Ahaus gibt es dafür jedoch keine geeignete Schienenverbindung samt Verladeinfrastruktur. Ein Ausbau oder Neubau wäre teuer und technisch aufwendig. Übrig bleibt der Transport auf der Straße: Schwerlastkonvois mit Spezial-Laster, etwa 30 Meter lang, 13 Achsen, Gesamtgewicht um die 130 Tonnen. Vor zweieinhalb Jahren wurde die geplante Route bereits mit einem leeren Prototypen getestet. Auf Bildern ist ein grauer Transportbehälter zu sehen – in ihm steckt ein gelber Castor. Die eigentlichen Transporte sollen nun über Autobahnen und Bundesstraßen quer durch NRW führen. Brisant: Das Bundesverkehrsministerium hat offenbar versehentlich die genaue Trasse angedeutet. Eine per Bekanntmachung veröffentlichte temporäre Flugverbotszone für Drohnen lag exakt über den Autobahnabschnitten zwischen Jülich und Ahaus – und war so für alle im Netz einsehbar.

Im Video: Schalte zu RTL WEST Reporter Parviz Khosrawi in Ahaus

Sicherheitsdebatte und Polizeisorgen

Castortransporte haben in Deutschland eine lange Protestgeschichte. In den 1990er- und 2000er-Jahren kam es entlang der Routen nach Gorleben und Ahaus zu Sitzblockaden, Kletteraktionen und teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstrierenden und Polizei. Besonders in Erinnerung ist ein Transport im März 1998: Damals wurden Castoren aus süddeutschen Atomkraftwerken nach Ahaus gebracht. Der Einsatz gilt bis heute als einer der größten Polizeieinsätze in der NRW-Geschichte. Auch für die anstehenden Transporte von Jülich nach Ahaus rechnen die Behörden mit massiven Protesten. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) warnt vor enormen Belastungen für die Einsatzkräfte. Landeschef Patrick Schlüter kritisiert, dass tausende Beamtinnen und Beamte über Tage hinweg an der Transportstrecke gebunden sein werden – und anderswo fehlen: „Die fehlen dann halt auch bei anderen Aufgaben ein Stück weit. Wir kritisieren diese Aufgabe zu diesem Zeitpunkt ja schon sehr stark. Aus unserer Sicht muss man nicht Atommüll von einem Zwischenlager ins nächste Zwischenlager transportieren, sondern hätte eigentlich schon vor zwölf Jahren die Entscheidung treffen müssen, in Jülich das Zwischenlager zu ertüchtigen.“

Symbol für ein ungelöstes Problem

Die geplanten Jülich-Ahaus-Transporte stehen damit für mehr als nur eine logistische Herausforderung. Sie sind ein Symbol für den ungelösten Umgang mit hochradioaktivem Abfall in Deutschland: Experimentelle Reaktorforschung der Vergangenheit, provisorische Zwischenlager, milliardenschwere Sicherheitsbehälter – und doch keine dauerhafte Lösung. Ob das tonnenschwere „Patent aus Essen“ am Ende nur einen Ortswechsel des Problems markiert oder ein notwendiger Zwischenschritt hin zu einem Endlager ist, wird nicht auf der Autobahn entschieden, sondern in der Energie- und Sicherheitspolitik – und vermutlich noch über Jahrzehnte.