Eine der ältesten Marken der Welt stammt vom Niederrhein180 Jahre Underberg - Familie hütet das Rezept wie einen Schatz

von Stefan Efferth

Zum 180. Geburtstag des bekannten deutschen Kräuterschnapses lohnt sich ein Blick auf eine Marke, die wie kaum eine andere für Kontinuität steht.

Idee aus 1846

Am 17. Juni 1846 gründete der 23-jährige Kaufmann Hubert Underberg in Rheinberg (Kreis Wesel) sein Unternehmen. Möglich wurde es durch die Heirat mit der Apothekerstochter Katharina Albrecht. Ihr Vermögen bildete die Basis für den Start. Underberg setzte früh auf ein klares Versprechen: gleichbleibende Qualität. Es war in einer Zeit, in der Kräuterbitter qualitativ stark schwankten, ein Novum. Er kombinierte dies mit einer geschickten Marketingidee. Die Rezeptur bleibt – bis heute - geheim, die Zutaten sollen aus 43 Ländern stammen. Der Firmenname trägt das Motto „Semper idem“, lateinisch für „immer gleich“. Bemerkenswert war auch die Rolle seiner Frau: Sie wurde von Anfang an als Partnerin gesehen. Für das 19. Jahrhundert war es ungewöhnlich.

Familiengeheimnis und globales Geschäft

Inzwischen ist die Semper idem Underberg AG ein international tätiger Spirituosenhersteller. Neben dem Kräuterbitter gehören Marken wie Asbach oder Pitú zum Portfolio. Das Unternehmen beschäftigt rund 1.000 Menschen und erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von etwa 135 Millionen Euro. Im Zentrum steht weiterhin das streng gehütete Rezept. Es kennen nur wenige Familienmitglieder. Aktuell gehört Hubertine Underberg-Ruder dazu, die Ur-Ur-Enkelin des Gründers. Sie reist regelmäßig nach Rheinberg, um die Kräutermischung selbst herzustellen. Selbst enge Mitarbeiter kennen nur Teile des Verfahrens. Das Geheimnis wird sogar institutionell abgesichert. Neben der Familie sind auch Geistliche involviert, die Teilwissen bewahren. Die Idee dahinter: Selbst im Extremfall soll die Rezeptur rekonstruierbar bleiben.

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Kult durch Flasche und Ritual

Den entscheidenden Schritt zur Kultmarke machte Underberg nach dem Zweiten Weltkrieg. 1949 führte das Unternehmen die kleine Portionsflasche ein. Sie garantiert Originalität und schützt vor Fälschungen in der Gastronomie. Gleichzeitig passte sie zur wirtschaftlichen Lage der Zeit: kleine Mengen für wenig Geld. Die Flasche wurde zum Markenzeichen. In den 1970er Jahren gehört der typische „Patronengurt“ in vielen Kneipen und Partykellern zum festen Bild. Bis heute setzt das Unternehmen auf dieses Konzept. Auch Nachhaltigkeit spielt inzwischen eine Rolle. Die Kunststoffkappen können gesammelt und in Prämien eingetauscht werden. So kommen sie zurück und werden recycelt. Underberg ist zugleich Teil von Alltagsritualen geblieben. Prominente wie die Fantastischen Vier berichten, dass sie vor Auftritten gemeinsam ein Fläschchen trinken. Dennoch bleibt das Produkt ein hochprozentiger Alkohol mit 44 Prozent. Das Unternehmen betont deshalb den maßvollen Konsum. Die Portionsgröße von 20 Millilitern ist bewusst gewählt. Nach 180 Jahren steht Underberg damit für eine seltene Mischung aus Tradition, Marketing und Familienkontinuität. Ob der Kräuterbitter tatsächlich wohltuend ist, bleibt Ansichtssache. Unbestritten ist jedoch sein Platz in der deutschen Wirtschaftsgeschichte.