Chef rudert nach Shitstorm zurückFür ein Bewerbungsgespräch unter die Nadel? Firma löst mit Tattoo-Aktion Empörung aus

Das Start-up ist vielleicht ein wenig übers Ziel hinausgeschossen.
Erst Bewerbungsgespräch – und vorher bitte lebenslang Werbung auf der eigenen Haut? Ein US‑Start‑up aus der KI‑Branche hat genau das verlangt: Wer sich das Firmenlogo tätowieren lässt, bekommt ein Gespräch. Die Aktion von Lemonlime zeigt, wie kaputt der Jobmarkt inzwischen ist – und wie schamlos manche Gründer die Verzweiflung von Bewerbern ausnutzen.
Jobmarkt im Krisenmodus: Verlangt US‑Start‑up Tattoo fürs Bewerbungsgespräch? – Chef rudert nach Shitstorm zurück
Der Arbeitsmarkt ist aktuell wenig verlockend. Gerade in der IT-Branche ist der Druck durch KI sogar noch größer als in anderen Feldern. Wie verzweifelt die Jobsuche manche Menschen macht, zeigt eine irre Aktion in den USA: Bewerber sollten sich dort Tattoos des Firmenlogos stechen lassen – nur um ein Bewerbungsgespräch zu bekommen. Jetzt muss sich die Firma dafür entschuldigen.
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Dabei war Jordan Zietz, der CEO und Mitgründer des KI-Start-ups Lemonlime, vergangene Woche noch spürbar stolz auf die Aktion. „Sieben Leute haben unsere Networking-Party mit permanenten Tattoos verlassen“, verkündete er beim Karriere-Netzwerk Linkedin. Man habe zum Abschluss einer Start-up-Veranstaltung des Gründerzentrums Y Combinator eine Party im eigenen Büro veranstaltet, „um Ausnahmepersonen zu finden, die genauso verrückt sind wie wir“, so Zietz. „Deshalb haben wir einen Tätowierer eingeladen.“
Tattoo als Eintrittskarte zum Job?
Das Versprechen: „Wer sich ein Tattoo des Firmenlogos stechen lässt, bekommt sofort ein Bewerbungsgespräch.“ Im angehängten Foto ist eine junge Frau zu sehen, die sich gerade den Unterarm tätowieren lässt. Durch die Tattoo-Aktion wolle man zeigen, dass man bereit sei, Risiken einzugehen und Neues zu wagen, so Zietz in dem Post. Er lässt wenig Zweifel daran, ob er die Aktion gut findet. „Wer sich bei uns bewerben möchte, sollte sich Notizen machen.“

Die Reaktion auf den Post fiel allerdings alles andere als positiv aus: Die meisten Menschen sind schlicht entsetzt. „Der Jobmarkt kann doch nicht so kaputt sein, dass sich Kids jetzt für ein Bewerbungsgespräch tätowieren lassen“, staunt einer. „Ein kleiner Start-up-Tipp aus dem Silicon Valley: Für die Chance auf ein Bewerbungsgespräch ein Tattoo zu verlangen, ist vollkommen abartig und fordert Klagen geradezu heraus“, kommentiert ein anderer.
Der Chef rudert nach Shitstorm zurück
Auch bei Lemonlime scheint das angekommen zu sein. In einem Post bei X rudert Zietz zurück. „Ich habe das verkackt“, erklärt er. „Wir dachten, es sei ein spaßiger Weg, neue Leute kennenzulernen. Stattdessen kam es so rüber, als hätten wir ein Jobangebot untrennbar mit einem Tattoo verknüpft. Das zeigt schlechtes Urteilsvermögen unsererseits“, gibt er sich reumütig. „Um das klarzustellen: Wer möchte, bekommt so oder so ein Bewerbungsgespräch“, versucht er sich in Schadensbegrenzung. Auch für die Tattooentfernung werde man aufkommen.
Im „San Francisco Standard“ versucht Zietz, den Effekt kleinzureden. Keiner der Teilnehmenden habe sich das Firmenlogo in Form einer Zitronenscheibe tätowieren lassen, schrieb er der Zeitung per Textnachricht, nachdem er ein verabredetes Interview kurzfristig abgesagt hatte.
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Dem widersprechen allerdings die Teilnehmer. Die im Bild gezeigte junge Frau, Gründerin Dimple Amitha Garuadapuri, betont zwar, selbst kein Firmenlogo, sondern ein anderes Motiv gestochen bekommen zu haben. „Fast alle anderen haben aber das Lemonlime-Logo als Tattoo stechen lassen“, erklärt sie bei X. „Es ist ziemlich wild.“ Zietz wies diese Behauptung gegenüber dem Standard zurück.
Der Arbeitsmarkt ist für Berufseinsteiger besonders schwer
Dass die Geschichte so hohe Wellen schlägt, dürfte auch mit der aktuellen Lage auf dem Jobmarkt zusammenhängen. Gerade für Berufsanfänger ist die Situation sehr schwer, viele Firmen haben Einstellungsjobs verhängt, weil die wirtschaftliche Lage schlecht ist oder darauf gehofft wird, Stellen mit KI einsparen zu können. Ironischerweise sind IT-Entwickler davon besonders betroffen. Weil Chatbots wie Claude mittlerweile sehr schnell programmieren können, werden gerade Berufseinsteiger kaum noch gebraucht. Die IT-Branche hat im vergangenen Jahr hunderttausende Stellen ersatzlos gestrichen. Kein Wunder, dass manche Jobsuchende auch zu verzweifelten Maßnahmen bereit sind.
Verwendete Quelle: Stern.de


