Experten schätzen einPrägen erfundene Vergewaltigungen ganze Debatten?

Das Phänomen der Falschbeschuldigungen bei Vergewaltigung kommt selten vor. (Symbolbild)
Das Phänomen der Falschbeschuldigungen bei Vergewaltigung kommt selten vor. (Symbolbild)
Marijan Murat/dpa

„Steht in keinem Verhältnis!”
Eine vermeintliche Vergewaltigung in Stuttgart, die Proteste und Debatten über Sicherheit im öffentlichen Raum auslöste, stellte sich Ende Juli als erfunden heraus. Auch in anderen Bundesländern kommt es gelegentlich zu ähnlichen Vorfällen, bei denen Sexualdelikte vorgetäuscht werden. Was lösen solche Geschehnisse in der Öffentlichkeit aus, was richten sie an?

Fälle von erfundenen Vergewaltigungen sind selten

Denn im Verhältnis zu tatsächlicher sexueller Gewalt gegen Frauen sind vorgetäuschte Vergewaltigungen eine Seltenheit. Da sind sich Experten wie die Opferhilfeorganisation Weißer Ring, die Kriminologin Nicole Bögelein oder Tabea Konrad vom Frauenberatungs- und Therapiezentrum Stuttgart einig – ganz abgesehen davon, dass die Dunkelziffer nicht angezeigter Vergewaltigungen sehr hoch sei.

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Bei Vergewaltigungen liege der Anteil nachweislich falscher Anzeigen bei nur 2 bis 3 Prozent aller angezeigten Vergewaltigungen, betont die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes. „Einzelfälle falscher Anzeigen sind real, aber sehr selten.”

Wiederum aber gebe es, wenn man neben Vergewaltigung andere Sexualdelikte dazu nehme, nicht allzu selten Fälle, in denen Personen falsch beschuldigt würden, sagt Borwin Bandelow, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie. In entsprechenden Studien sei der Anteil vorgetäuschter Sexualdelikte mit etwa 9 Prozent angegeben. Kriminologin Bögelein spricht je nach Studie von einem Anteil zwischen 3 und 20 Prozent.

Viele Frauen trauen sich nicht, Vergewaltigungen anzuzeigen

Leider bekomme die öffentliche Wahrnehmung sexueller Gewalt Schlagseite, wenn Falschbeschuldigungen bekannt werden, warnt Gesa Birkmann von Terre des Femmes. „Ihr proportionaler Raum in Debatten steht in keinem Verhältnis zu ihrer tatsächlichen Häufigkeit.” Die extrem seltenen Einzelfälle würden herausgegriffen, übertrieben thematisiert und instrumentalisiert, um ein verzerrtes Bild der Realität zu zeichnen.

Hier findet ihr Hilfe bei sexueller Gewalt

Sexuelle Gewalt ist ein ernstzunehmendes Thema! Solltet ihr auch betroffen sein, findet ihr Hilfe unter der kostenlosen Hotline 08000 – 116 016 oder unter www.hilfetelefon.de.

Falsche Beschuldigungen könnten der Glaubwürdigkeit tatsächlicher Opfer schaden und sie auch davon abhalten, Vergewaltigungen anzuzeigen, warnt auch Bandelow. „Bei jeder Frau, die sich meldet, kommt dann halt Skepsis auf, ob ihr das tatsächlich passiert ist.” Aus Sicht von Konrad vom Frauenberatungs- und Therapiezentrum Stuttgart ist das ein schlimmes Signal. Ohnehin zeigten die wenigsten Frauen an – „weil sie sich sowieso nicht trauen” und überdies die sehr langen Ermittlungen scheuten.

Auch der Weiße Ring warnt: Aus wissenschaftlichen Untersuchungen sei herauszulesen, dass Fälle, in denen zu Unrecht beschuldigt wurde, zu einem Misstrauen gegenüber Opfern etwa bei Justiz, Polizei, Hilfseinrichtungen oder sogar dem Opferschutz führen können

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Personengruppen können in Misskredit geraten

Daneben lauern andere Gefahren, wie Bandelow sagt. So könne es umgekehrt auch sein, dass die Öffentlichkeit nicht glaubt, dass eine Vergewaltigung erfunden worden sei, sondern mutmaßt, die Polizei wolle vertuschen oder habe nicht genug Beweise. Auch könnten bestimmte Personengruppen in Misskredit geraten – etwa wenn angebliche Opfer dem angeblichen Täter ein ausländisches Aussehen zuschreiben.

In den Medien schlagen die Wellen bei dem Thema oft hoch: „Weil es aufgrund der moralischen Schwere Aufmerksamkeit anzieht und weil es auf eine mitunter bereits sehr aufgeheizte politische Debatte trifft”, erläutert Adrian Lüders, Kommunikationswissenschaftler an der Uni Hohenheim. Einerseits kämpften allen voran Frauen darum, dass das Problem sexualisierter Gewalt Aufmerksamkeit erhalte. Andererseits gebe es Menschen, denen der aktuelle Diskurs dazu zu weit gehe. Darüber hinaus gebe es eine „sehr polarisierte Debatte rund um das Thema sexualisierte Gewalt durch spezifische Zuwanderungsgruppen.”

Gründe für vorgetäuschte Sexualdelikte sind vielfältig

Warum Menschen, überwiegend weiblich, andere falsch beschuldigen, ist ein weites Feld. Mögliche Motive sind nach Worten des Experten Bandelow, wenn eine ungewollte Schwangerschaft gerechtfertigt werden soll oder das vermeintliche Opfer eine Erklärung dafür liefern will, das eigene Leben nicht in den Griff zu bekommen. Laut Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg sind Rache oder Vergeltung sowie der Wunsch nach Mitleid und Aufmerksamkeit ebenfalls Motive.

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Psychische Probleme spielten demnach ebenfalls eine Rolle – laut Bandelow vor allem bei Personen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Das heiße aber nicht, dass jede Person, die eine andere fälschlich der Vergewaltigung bezichtigt, auch eine solche Störung habe.

Betroffene sollen unbedingt zur Polizei gehen

Egal, wie selten sie sind – unter den Teppich gekehrt werden sollten solche Fälle nicht, sagt Bandelow. „Das wäre ein fatales Signal.” Wer falsch beschuldige, solle auch wissen, dass er dann gebrandmarkt ist, wenn ihm das nachgewiesen wird. Leben könnten zerstört werden. „Falschbeschuldigungen sind eine Straftat.”

Wer sexuelle Gewalt erlebe, solle ungeachtet dieser Debatten unbedingt zur Polizei gehen, betont der Opferbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, Alexander Schwarz. Keinesfalls sollten sich diese Menschen davon abhalten lassen, Anzeige zu erstatten oder Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Die Strafverfolgungsbehörden prüften jeden angezeigten Sachverhalt sorgfältig. „Es gibt ja doch meist Beweise über DNA-Spuren, Verletzungsspuren etc.”, ergänzt Bandelow. „Niemand sollte sich scheuen, eine solche Tat anzuzeigen.” (fkl/dpa)

Verwendete Quellen: dpa