„Die ruinieren mich“Arzt wollte für seine Patienten nur das Beste – jetzt fordern Krankenkassen 320.000 Euro von ihm
40 Jahre lang operierte Rolf von Kenne. Im Ruhestand wollte der frühere Chirurg vor allem eines: reisen.
Doch dann kam eine Forderung über 320.000 Euro. Der 75-Jährige soll für Wundauflagen zahlen, die er Jahre zuvor seinen Patienten verordnet hatte. Nun fürchtet er um sein Eigenheim.
Die Wundauflagen sollten Amputationen verhindern
Er war Arzt aus Leidenschaft, operierte rund 40.000 Mal und war sechs Jahre lang ärztlicher Leiter des Wundzentrums in Ulm. Rolf von Kenne blickt auf ein langes Berufsleben zurück. Noch mit 70 Jahren stand er im OP, dann verabschiedete er sich in den Ruhestand. Doch statt den Lebensabend mit seiner Frau zu genießen, kämpft der heute 75-Jährige gegen eine Forderung, die seine Altersvorsorge bedroht.
Im Wundzentrum behandelte von Kenne unter anderem Diabetiker und chronisch Kranke mit Wunden, die teilweise seit Jahren nicht heilten. Dafür setzte er spezielle Wundauflagen aus Alginat mit Silberanteilen ein. „Und das hilft bombastisch“, sagt der Mediziner über die Behandlung. 2016 meldeten sich jedoch die gesetzlichen Krankenkassen. Aus ihrer Sicht waren die verwendeten Wundauflagen zu teuer.
Im Video: Arzt wird bestraft, weil er zu viele Patienten behandelt
Von Kenne verteidigt seine damalige Entscheidung bis heute. „Ich bin als Arzt dem hippokratischen Eid verpflichtet und nicht den Kassen zu ihrer Gewinnmaximierung“, sagt er. Für ihn stand die medizinische Versorgung seiner Patienten an erster Stelle. Eine Amputation nur aus Kostengründen kam für ihn nicht infrage. Zumal danach weitere Ausgaben etwa für Prothesen oder Pflege entstehen könnten.
Warum der Arzt die Kosten nicht sehen konnte
Die Forderungen betreffen Behandlungen aus den Jahren 2017 bis 2019. Damals begründete von Kenne gegenüber den Krankenkassen den Einsatz der Verbände. Danach hörte er nach eigener Aussage jahrelang nichts mehr. Ein entscheidendes Problem: Die tatsächlichen Preise der Verbandsstoffe konnte er bei der Verordnung nicht sehen. Genau das bestätigt auch Dr. Karsten Braun von der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg. Anders als bei Medikamenten seien die Kosten von Verbandsstoffen im Verordnungssystem für Ärzte nicht sichtbar.
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Auf die Frage, wie Ärzte dann innerhalb bestimmter Kosten bleiben sollen, antwortet Braun: „Nein, das kann ich nicht erklären.“ Einen „systematischen Fehler“ sieht auch er darin. Grundsätzlich hält Braun Prüfungen des ärztlichen Verordnungsverhaltens allerdings für legitim. Nicht jede medizinisch mögliche Behandlung dürfe zulasten der Krankenkassen verordnet werden. Gleichzeitig räumt er ein, dass die Angst der Ärzte vor Regressforderungen berechtigt sei.
„Die ruinieren mich. Die machen mich fertig“
Während Experten über Milliardenbeträge und die Kosten des Gesundheitssystems diskutieren, geht es für Rolf von Kenne um seine persönliche Existenz. „Sie haben mich acht Jahre lang ignoriert und dann zur Brust genommen, als ich in Rente war, wo ich überhaupt nichts mehr ändern konnte an der ganzen Sache“, sagt der pensionierte Arzt. Auch Braun kritisiert die lange Dauer: „Es kann nicht Sinn des Systems sein, jahrelang Kosten auflaufen zu lassen und anschließend eine Rechnung zu präsentieren.“
Von Kenne verbringt seinen Ruhestand deshalb nicht wie geplant auf Reisen. Stattdessen sitzt er nach eigenen Angaben täglich stundenlang am Schreibtisch, studiert Akten und schreibt Widersprüche. Eine Krankenkasse habe bereits einen Gerichtsvollzieher angekündigt. Seit 26 Jahren lebt der frühere Chirurg mit seiner Frau in seinem Eigenheim. Das Haus war bis zur Rente abbezahlt. Nun könnte genau dieses Zuhause auf dem Spiel stehen.
„Die Gefahr, dass ich das Haus verkaufen muss, ist extrem hoch“, sagt von Kenne. Die 320.000 Euro könne er nicht aufbringen. Seine Sorge fasst er drastisch zusammen: „Die ruinieren mich. Die machen mich fertig.“ Seine damaligen Behandlungen bereut der pensionierte Arzt trotzdem nicht. Nur eines würde er heute anders machen: Die Kostenfrage würde er an seine Patienten weiterreichen.
Verwendete Quelle: eigene RTL-Recherchen


