2008 verschwindet die Kadettin vom MarineschulschiffJenny Böken stürzte von Bord der Gorch Fock! Darum glaubt ihr Vater nicht an einen Unfalltod

Mitten in der Nacht ertönt der Alarm: Mann über Bord!
Am 3. September 2008 hat die damals 18-jährige Jenny Böken Wachdienst. Die junge Frau steht ganz alleine vorne am Bug des Schiffes, muss jede halbe Stunde eine Meldung absetzen, doch dann bleibt diese plötzlich aus. Die Kadettin ist über Bord gegangen! Die Todesursache ist bis heute ungeklärt – die Staatsanwaltschaft Kiel spricht von einem tragischen Unfall, doch daran glaubt der Vater, Uwe Böken, nicht. Er habe in den vergangenen 17 Jahren viele Ungereimtheiten gefunden...
Während der Ausbildungsfahrt bekommen Jennys Eltern eine alarmierende Nachricht

Jenny Böken ist damals 18 Jahre alt, hat gerade das Abitur in der Tasche. Ursprünglich kommt sie aus Geilenkirchen in Nordrhein-Westfalen. Ihr großer Traum: Marineärztin werden. Dafür möchte sie bei der Bundeswehr ein Medizinstudium absolvieren. Jenny tritt also am 1. Juli 2008 den freiwilligen Dienst bei der Marine als Sanitätsoffiziersanwärterin an. Knapp zwei Monate später, am 28. August, läuft sie an Bord der Gorch Fock zu ihrer Ausbildungsfahrt aus.
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Von unterwegs meldet sich Jenny ab und zu bei ihren Eltern und während sie mit der Gorch Fock auf See ist, bekommen diese eines Tages eine alarmierende Nachricht: „Sie hatte ja auch von Bord diese berühmte Mail geschickt, mit dem fettgedruckten „MUSS” nur in Großbuchstaben. Ich muss am Wochenende, wenn ich nach Hause komme, auf jeden Fall zu meinem Gynäkologen. Dieses „MUSS” war mit vier großen Buchstaben geschrieben”, sagt Uwe Böken im Gespräch mit RTL.

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Seeleute finden vor Helgoland eine Leiche
Warum dieser Termin für sie so wichtig gewesen sein muss – die Antwort darauf wird ihre Familie nie bekommen. Kurz nach dieser Mail geht die Kadettin über Bord der Gorch Fock, und zwar in der Nacht vom 3. auf den 4. September 2008. Um 23.43 Uhr heißt es: Mann über Bord, nördlich von Norderney in Niedersachsen. Tagelang wird nach Jenny Böken in der Nordsee gesucht, vergeblich!
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Elf Tage später machen Mitarbeiter eines Schiffes eine grausige Entdeckung. 120 Kilometer nordwestlich von Helgoland in Schleswig-Holstein finden sie eine Leiche. Kurze Zeit später steht fest: Bei dem Leichnam handelt es sich um Jenny Böken. In der Rechtsmedizin in Kiel wird dieser schließlich näher untersucht. Und der Obduktionsbericht zeigt: In Jennys Lunge befindet sich kein Wasser. Dies könnte gegen einen Ertrinkungstod sprechen! „Wir gehen davon aus, dass sie, als sie ins Wasser kam, schon gar nicht mehr in der Lage war, zu atmen”, erzählt Jennys Vater im Gespräch mit RTL. Die Staatsanwaltschaft Kiel kann die genaue Todesursache nicht eindeutig klären. Die Ermittlungsbehörde legt den Fall im Jahr 2009 zu den Akten und spricht von einem tragischen Unglück.
Vater: Jenny wurde ohne Stiefel aufgefunden
Für Uwe Böken ist das Einstellen der Ermittlungen nicht nachvollziehbar. Genau so auch die Version des Unfalls, die die Staatsanwaltschaft sieht. Für ihn ist die Ermittlungsakte nicht schlüssig. So soll Jenny unter anderem ohne Schnürstiefel aufgefunden worden sein: „Wenn Jenny sich die Schnürstiefel im Wasser ausgezogen haben sollte, dann stellt sich erst mal die Frage: Aus welchem Grund? Fällt mir keiner ein”, sagt Uwe Böken. Seiner Meinung nach, sei es eine Herausforderung, diese Schuhe im Wasser nach Luft schnappend auszuziehen. Dazu komme: „Vor allen Dingen: Die Socken saßen bei der Obduktion regelgerecht”, erklärt Böken weiter.
Im Wertfach soll benutzte Unterwäsche gelegen haben
Doch das sei nicht die einzige Ungereimtheit, sagt Uwe Böken. So sei zum Beispiel Jennys Spind auf der Gorch Fock in Anwesenheit der Staatsanwaltschaft geöffnet worden, ihr Wertfach wiederum sei ohne die Staatsanwaltschaft auf See auf Anordnung des Kapitäns geöffnet worden: Und darin habe sich benutzte Unterwäsche befunden! „Eine junge Frau, die ihre benutzten Slips im Wertfach einschließt – die muss dafür mit Sicherheit Gründe gehabt haben. Und nicht nur, dass die auf die nächste Wäsche warten, sondern das muss andere Gründe gehabt haben. Und wenn ich mich jetzt an die eben schon angesprochene E-Mail erinnere – „Ich muss am Wochenende zu meinem Gynäkologen“ –, ja, dann brauche ich eigentlich nur noch eins und eins zu addieren”, beschreibt Uwe Böken weiter.
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RTL hat die Staatsanwaltschaft Kiel auch zu diesem Punkt und weiteren um Stellungnahme gebeten – bis Redaktionsschluss lag jedoch keine Rückmeldung vor.
Noch immer wissen die Eltern nicht, was mit Jenny wirklich passierte

Im Jahr 2013, fünf Jahre nach dem Tod von Jenny, reichen ihre Eltern Klage ein. Für Jennys Eltern ist diese Klage eine Chance, Beteiligte der Marine als Zeugen vor Gericht zu bekommen. Denn bisher sind jegliche Klagen gescheitert – und es ist bis dahin noch nicht zu einer Gerichtsverhandlung gekommen. Doch diese und auch weitere Klagen werden abgeschmettert. Die Ermittlungen werden nicht neu aufgerollt, bis zum Jahr 2019! Denn kurz zuvor meldet sich ein Zeuge, der meint, etwas von einem Mord gehört zu haben. Doch die Staatsanwaltschaft Kiel stellt die neu aufgerollten Ermittlungen schnell ein. Die Angaben des Zeugen würden im Wesentlichen auf Hörensagen beruhen.
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Der Tod von Jenny Böken liegt inzwischen mehr als 17 Jahre zurück – vollständig aufgeklärt wurde er nie. Die Staatsanwaltschaft hält einen Unfall für am wahrscheinlichsten, doch Jennys Familie zweifelt nach wie vor an dieser Begründung. Bis heute bleibt für die Familie vor allem diese eine Frage offen: Was ist in jener Nacht wirklich passiert, in der ihre Tochter auf hoher See ihr Leben verlor?
Verwendete Quelle: RTL-Recherche, dpa



