Sekunden entscheiden über Leben und TodSie haben einen Blitzschlag überlebt – wenn 40 Millionen Volt einen Menschen treffen
Es passiert in Sekunden.
Eben noch wirkt der Himmel harmlos, kurz darauf entlädt sich eine Kraft, die kaum vorstellbar ist. Vor allem jetzt in den Sommermonaten ist das Gewitterrisiko in Deutschland am höchsten. Uns haben Betroffene, die einen direkten Blitzschlag überlebt haben, ihre ganz persönlichen Schicksalsgeschichten erzählt. Im Video klären zudem Experten auf, welche Fehler Menschen bei Gewitter machen – und wie ihr euch wirklich schützt.
Ein scheinbar harmloser Spaziergang mit tödlichen Folgen
„Hätten wir uns nicht getroffen, dann wäre das nicht passiert.“ Dieser Gedanke lässt Dieter Hesse bis heute nicht los. Vor zwölf Jahren geht er mit seinem guten Freund Daniel Hoberg auf einem Feldweg in Attendorn spazieren. Erst scheint noch die Sonne, dann verdunkelt sich der Himmel. Kurz darauf trifft sie ein Blitz. Daniel stirbt, Dieter Hesse überlebt schwer verletzt. An den Moment des Einschlags selbst erinnert sich der Überlebende kaum. Er beschreibt ihn als etwas, das völlig außerhalb seiner Kontrolle passiert. Dann wird alles schwarz. Als er wieder zu sich kommt, kann er nur noch seinen Kopf und den rechten Arm bewegen. Der Rest seines Körpers ist wie gelähmt. „Ich habe meinen Körper nicht gespürt, ich konnte mich nicht bewegen. Es war wie abgeschaltet”, erinnert sich Dieter Hesse im Interview mit „stern TV am Sonntag” zurück.

Trotzdem schafft er es, mit dem Handy den Notruf zu wählen. Erst im Gespräch mit der Rettungsleitstelle merkt er, wie dramatisch die Lage ist. Er ruft nach seinem Freund. Keine Antwort. Dann sieht er dessen T-Shirt und begreift, dass er offenbar auf ihm liegt. Bewegung spürt er nicht. 45 Minuten später treffen Rettungskräfte und Notarzt ein. Dieter Hesse erinnert sich bis heute an einen Satz des Arztes: „Wir brauchen nur eine Trage.“ In diesem Moment weiß er, dass sein Freund nicht mehr lebt.
Für Dieter Hesse ist nach dem Blitzschlag nichts mehr wie früher
Dass ein Mensch einen Blitzschlag überlebt, klingt fast unmöglich. Neurologe Professor Berthold Schalke vom Universitätsklinikum Regensburg behandelt seit vielen Jahren Blitzopfer und erklärt, warum es trotzdem passieren kann. Die Einwirkzeit sei extrem kurz. Genau das könne Leben retten. Gefährlich bleibt es trotzdem. „Es gibt zwei häufige Todesursachen. Die eine ist, dass man direkt am Kopf getroffen wird, weil einfach das Gehirn darunter leidet und zerstört wird. Die zweite ist die noch häufigere. Das ist der Herzstillstand”, so der Experte.
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Bei Dieter Hesse hinterlässt der Einschlag schwere Spuren. 30 Prozent seiner Körperfläche sind verbrannt. An seinem Oberkörper zeichnet sich eine Verletzung ab, die wie ein Schnitt von einem Messer aussieht. Einer seiner Schuhe ist völlig zerfetzt. Dort soll der Blitz den Körper wieder verlassen haben. Bis heute hat er mit den Folgen des Blitzschlags zu kämpfen. Seinen Beruf als Stuckateur und seine eigene Firma mit zehn Mitarbeitern musste er aufgeben. Körperlich schwere Arbeit schafft er nicht mehr.
Auch psychisch trifft ihn der Unfall hart. Er berichtet von Angstzuständen und Burn-out-Erscheinungen. Seine Beine fühlen sich versteift an. Dazu kommt eine nachlassende Sehstärke, die Ärzte als mögliche Spätfolge des Blitzschlags sehen.
Warum manche Menschen einen direkten Einschlag überleben
Matthias Steinhuber erlebt Ähnliches auf einer Reise in den USA. Nach dem Uniabschluss wandert er mit seiner Freundin Katrin auf dem Pacific Crest Trail in Kalifornien. Auf einem Gipfel macht er Fotos mit dem Smartphone. Dann bauen sich über ihm gewaltige elektrische Ladungen auf. Kurz darauf schlägt der Blitz ein.
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Seine Freundin steht rund 100 Meter entfernt. Sie denkt sofort, Matthias sei tot. Doch als der Rettungshelikopter eintrifft, lebt er. Im Krankenhaus stellen Ärzte schwere Verbrennungen an Rücken, Füßen und Kopf fest. Matthias beschreibt die Schmerzen später als Brennen, Stechen und das Gefühl, als würden alle Knochen brechen. Schließlich trafen ihn 40 Millionen Volt – das ist das 100-fache einer deutschen Höchstspannungsleitung.
Professor Christian Paul von der Universität der Bundeswehr München macht bei „stern TV am Sonntag” deutlich, welche Kräfte dahinterstecken. Ein Blitz kann etwa 35.000 Grad heiß werden. Der Strom ist so stark, dass er massive Metallstrukturen verformen kann. Dass Matthias Steinhuber überlebt, hängt auch mit einem physikalischen Effekt zusammen. Wird ein Mensch vom Blitz getroffen, kann der Strom außen über die Haut laufen, statt durch den Körper zu gehen. Diese sogenannte Gleitentladung verursacht schwere Verbrennungen, kann aber eine Überlebenschance erhöhen.
So schützt ihr euch bei Gewitter
Gerade bei heftigen Sommergewittern zählt jede Minute. Eine einfache Faustregel hilft bei der Einschätzung der Gefahr. Liegen weniger als 30 Sekunden zwischen Blitz und Donner, ist das Gewitter bereits gefährlich. Ab zehn Sekunden besteht Lebensgefahr.
Wer draußen von einem Gewitter überrascht wird, sollte sich klein machen und die Füße eng zusammenstellen. So lässt sich die sogenannte Schrittspannung reduzieren. Wichtig ist auch, nicht der höchste Punkt im Gelände zu sein. Also weg von freien Flächen, Waldrändern, Baumgruppen und HolzhüttenAuf keinen Fall sollte man sich flach auf den Boden legen. In Gruppen gilt außerdem, Abstand zueinander zu halten. Denn ein Einschlag kann mehrere Menschen gleichzeitig verletzen.
Verwendete Quellen: stern TV am Sonntag


