Box-Legende wird 46 - während der Krieg tobt

Wladimir Klitschko - der sensible Krieger

Kiew, 2022. Wladimir Klitschko. Im Krieg.
Kiew, 2022. Wladimir Klitschko. Im Krieg.
© dpa, Efrem Lukatsky, EL lvb jai

25. März 2022 - 11:29 Uhr

von Martin Armbruster

Wladimir Klitschko regierte das Schwergewicht fast eine Dekade lang mit seinem gnadenlosen Stahlhammer. Und galt doch stets als der "weichere" der Klitschko-Brüder. Der Begriff ist im Boxsport zwar fehl am Platze. Eines aber ist Wladimir Wladimirowitsch Klitschko: ein sensibler Mensch. Und Krieger. Der im Jahr 2022, an seinem 46. Geburtstag, in Kiew an der Seite seines Bruders gegen Russlands Kriegsmaschinerie kämpft.

Begabt, aber zerbrechlich

Zwei Brüder miteinander zu vergleichen, liegt in der Natur der Sache. Erst recht, wenn sie Schwergewichts-Boxer, mehr noch, Schwergewichts-Weltmeister sind. Wie Vitali (geboren 1971) und Wladimir Klitschko (geboren 1976). Gemein war und ist den Zwei-Meter-Hünen aus der Ukraine neben ihrer imposanten Erscheinung vor allem eines: harte, sehr harte Fäuste. Die K.o.-Quote der Klitschkos spricht in dieser Hinsicht Bände. Sie pflegten ihre Gegner mit links zu kontrollieren, um sie mit rechts in die Horizontale zu befördern. Boxten effektiv und risikobewusst, Mätzchen und (dumme) Sprüche überließen sie ihren chancenlosen Herausforderern.

Aber: So dominant die Klitschkos auch agierten, so unterschiedlich war ihr Weg zu dieser Dominanz. Vitali sei "aus Stein", Wladimir dagegen "aus Ton", brachte ihr Jugendtrainer Wladimir Zolotarew die Verschiedenheit der Brüder einmal metaphorisch auf den Punkt. Auf der einen Seite Vitali: Eisenfaust, Eisenkinn, in seiner Profikarriere nicht ein einziges Mal auf dem harten Ringboden. Boxerisch eher ein Grobmotoriker, wenngleich einer, der seine Konkurrenz mit gnadenloser Effektivität, mit Schlägen "aus den Armen" auseinanderschraubte.

Auf der anderen Seite Wladimir. Der Edeltechniker, der faustische Feinmotoriker. Behände, begabter und eleganter als Vitali – aber eben auch zerbrechlicher, in seiner Karriere zwölf Mal am Boden (wenn auch nie klassisch k.o., also bis 10 ausgezählt).

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Wladimir musste erst zum Kämpfer reifen

Grob und fein, Ton und Stein – das spiegelte sich auch in der Psyche der Box-Brüder wider. Vitalis Selbstvertrauen schien von Anfang an grenzenlos. "Dr. Eisenfaust" präsentierte sich stets unerschütterlich, schüchterte viele Gegner mit seiner bloßen Präsenz derart ein, dass er den Kampf praktisch schon vor dem ersten Gong in der Tasche hatte. Trainer-Legende Emanuel Steward nannte Vitali Klitschko bei HBO einmal "the most intimidating fighter since Sonny Liston", also den Boxer mit dem stärksten Angsteinflößungs-Faktor seit eben jenem Sonny Liston, dem Weltmeister der frühen Sechziger, der das Boxen im Zuchthaus gelernt hatte. "Wenn Vitali sich etwas in den Kopf setzt, zieht er es durch", charakterisierte Ehefrau Natalia ihren Mann jüngst bei "stern TV" – komme, was wolle.

Wladimir Klitschko war dagegen – jedenfalls in seinem ersten Karriere-Abschnitt – von Selbstzweifeln befallen. Auch wenn Zuschauer und Gegner das gar nicht bemerkten. "Vitali wurde mit einem Kämpferherz geboren, ich musste erst so werden", beschrieb Wladimir selbst seine Entwicklung zum kompromisslosen Kämpfer.

Nach verheerenden Niederlagen gegen Corrie Sanders (2003) und Lamon Brewster (2004) drehte Wladimir sein gesamtes Boxer-Leben auf links. "Dr. Steelhammer" emanzipierte sich vom großen Bruder, der Zeit ihrer Leben der Aufpasser des "kleinen Wowa" (so Wladimir Spitzname) gewesen war. Verbannte Vitali gar aus dem Trainingslager. Ging ganz in sich, besann sich der eigenen Stärken und arbeitete besessen daran, seine Schwächen zu eliminieren.

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Wladimir Klitschko
Wladimir Klitschko ging in seiner Karriere zwölfmal zu Boden - blieb aber nie liegen.
© Imago Sportfotodienst

Unerhörte Dominanz im Ring

Mit Steward als Trainer-Guru in der Ecke feilte Klitschko vor allem an seiner Beinarbeit und entwickelte einen fast schon einzigartigen Stil. Für einen Mann seiner Maße balancierte der 110-Kilo-Adonis geradezu leichtfüßig durch den Ring. Balancierte, weil seine Beine den Oberkörper in aufrechter Position durch den Ring manövrierten.

Für seine Gegnerschaft war Klitschko dadurch kaum mehr zu treffen. Mit seiner legendären linken Führhand, dem "Steelhammer", kontrollierte er zwischen den Seilen die Distanz. Mit der Rechten oder dem linken Haken knipste er seinen Rivalen verlässlich die Lichter aus.

GER, WBC WM, Wladimir Klitschko vs. Kubrat Pulev 15.11.2010, o2 World, Hamburg, GER, Weltmeisterschaft Schwergewicht, Wladimir Klitschko (GER) vs Kubrat Pulev (BUL), im Bild Wladimir Klitschko boxt mit Kubrat Pulevger WBC World Cup Wladimir Klitschko
Zwischen 2006 und 2015 vermöbelte Klitschko einen Gegner nach dem anderen - hier den bemitleidenswerten Bulgaren Kubrat Puelv.
© imago/nph, imago sportfotodienst

Ab 2006 beherrschte Wladimir Klitschko das Schwergewicht mit unerhörter Dominanz. Seine Herausforderer waren dermaßen chancenlos, die Kämpfe so einseitig, dass der Ukrainer in den USA schnell als Langweiler abgestempelt wurde (ein Schicksal, das er mit Vorgängern wie Larry Holmes oder Lennox Lewis teilte). Klitschko war es egal: Mit jedem Sieg, jedem K.o., jeder Machtdemonstration, wuchs sein Selbstvertrauen. So wurde auch Wladimir zu einem mentalen "Monster", zu einem Meister der "psychologischen Kriegsführung" vor einem Fight.

18 Mal verteidigte Klitschko bis 2015 den Titel, ehe es mit fast 40 Jahren auf dem muskulösen Buckel an einem gebrauchten Novemberabend in Düsseldorf für einen 2,06-Meter-Riesen namens Tyson Fury nach Punkten nicht mehr reichte.

Video: Bernd Bönte sieht in Wladimir den "Außenminister"

Kampf des Lebens

Dass er im Ring gleichwohl tatsächlich ein wahrer Kämpfer, ein Krieger, geworden war, bewies Klitschko 2017 im Wembley-Stadion von London: Als 41-jähriger Herausforderer lieferte er seinem 14 Jahre jüngeren Weltmeister-"Nachkömmling" Anthony Joshua eine epische Schlacht. Klitschko blutete, ging zu Boden, stand wieder auf, schickte Joshua seinerseits auf die Bretter, ehe die Jugend in Runde 11 obsiegte. 90.000 biergeschwängerte Briten feierten den unterlegenen Gast aus der Ukraine mit Ovationen. Es war Klitschkos letzter Kampf.

In einem Sport, bei dem jeder Treffer eine kleine Gehirnerschütterung bedeutet, hat Wladimir Klitschko in mehr als 20 Profi-Jahren 69 Mal sein Leben aufs Spiel gesetzt. Jetzt tut er es im Krieg des russischen Diktators Wladimir Putin gegen seine ukrainische Heimat. In Kiew, an der Seite von Bruder Vitali, dem Bürgermeister der Hauptstadt. Es ist der Kampf im Leben der Klitschkos.

Etwas von der brüderlichen Verschiedenheit ist geblieben. Wenn Vitali und Wladimir zerbombte Wohnviertel in Kiew zeigen, um die Weltgemeinschaft aufzurütteln. Wenn sie auf Deutsch und Englisch Waffenlieferungen fordern, eine Flugverbotszone, um den russischen Bombenterror aus der Luft zu stoppen, oder einen Öl- und Gasboykott gegen Putins Rohstoffreich.

Vitali ist noch immer der eisenharte Koloss. Der große Bruder, für Wladimir und irgendwie gefühlt für alle Ukrainer. Entschlossen. Unerschütterlich. Wladimir ist der gewandtere. Der besser englisch, der besser deutsch spricht. Und so die ukrainische Botschaft in die Welt transportiert. Der langjährige Klitschko-Manager Bernd Bönte nannte Vitali im RTL-Interview den "Mutmacher", Wladimir den "Außenminister" in dieser für die Ukraine so schrecklichen Zeit.

Heute, am 25. März, wird Wladimir Klitschko 46 Jahre alt. Mitten im Krieg. Er wird seinen Ehrentag nicht feiern können. Er wird Kiew mitverteidigen, so wie an jedem Tag seit diesem 24. Februar 2022, als Putin den Krieg befahl. Er tut es wie einst im Boxring: mit Kraft, Sinn und Verstand. Ein sensibler Krieger.

Lang lebe die Ukraine. Lang lebe Wladimir Klitschko.