Im Vergleich zum ersten Lockdown

Wieso sinken die Corona-Zahlen nicht?

Seit dem 2. November ist Deutschland im Teil-Lockdown. Eine wirkliche Besserung der Zahlen merkt man bislang nicht. Woran liegt das?
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28. November 2020 - 10:33 Uhr

Die Zahlen sind stabil, aber warum sinken sie nicht?

Seit dem 2. November ist Deutschland im Teil-Lockdown. Bisher erkennbar ist leider auch nur ein Teil-Erfolg. Denn zwar steigen die Corona-Fälle nicht mehr ganz so rasant an, doch anders als im Frühjahr sinkt die Zahl der Neuinfektionen auch nicht deutlich. Stattdessen stabilisiert sich das Infektionsgeschehen auf hohem Niveau. Aber warum?

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Teil-Ziel erreicht: Exponentielles Wachstum der Pandemie konnte gestoppt werden

Der November neigt sich dem Ende zu - seit fast vier Wochen gilt der Teil-Lockdown in Deutschland. Doch anders als beim ersten Lockdown im Frühjahr ist mit Blick auf ganz Deutschland bisher kein deutlicher Rückgang bei der Zahl der täglich gemeldeten Neuinfektionen zu erkennen. Vielmehr bildet sich seit einigen Wochen ein Seitwärtstrend aus - traurigerweise auf hohem Niveau. So melden die deutschen Gesundheitsämter weiterhin täglich Neuinfektionen im fünfstelligen Bereich.

Immerhin wurde ein wichtiges Ziel erreicht: Das exponentielle Wachstum der Pandemie konnte gestoppt und damit womöglich eine Überlastung des Gesundheitssystems abgewendet werden. Doch um die Pandemie wieder unter Kontrolle zu bringen, sollte auch die 7-Tage-Inzidenz, also die Neuinfektionen je 100.000 Einwohner der vergangenen sieben Tage, deutschlandweit wieder auf 50 sinken, damit die Gesundheitsämter die Kontakte eines jeden Infizierten nachverfolgen können. Doch von der magischen 50 ist Deutschland weit entfernt: Denn zuletzt lag die Kennzahl bei 136,5. Und das ist nicht viel weniger als in den vergangenen Wochen und sogar mehr als zu Beginn des Lockdowns.

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Eine Analyse des Beratungsinstituts IGES verdeutlicht den Unterschied zum ersten Lockdown im Frühjahr: Damals gab es nach neun Tagen einen deutlichen Knick in der Kurve - das wäre am 11. November gewesen. Hätte sich der aktuelle Teil-Lockdown ähnlich deutlich ausgewirkt, müsste die Zahl der täglichen Neuinfektionen bereits unter 10.000 liegen. In den vergangenen sieben Tagen wurden pro Tag im Schnitt immer noch mehr als 16.000 neue Fälle gemeldet. Allerdings betonen die Autoren der IGES-Analyse, dass die aktuellen Beschränkungen weniger stark sind als jene im Frühjahr.

"Diffuses" Infektionsgeschehen sorgt für hohe Corona-Zahlen

Ganz offenbar wirkt der Teil-Lockdown nicht in dem Maße, wie es sich die Politik vorgestellt hat. Dabei sind laut Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung dadurch die Kontakte um 40 Prozent reduziert worden. Das Robert-Koch-Institut (RKI) spricht allerdings weiter von einem "diffusen Geschehen", das die hohen Fallzahlen verursacht. Es komme zu vielen Ansteckungen in "Haushalten, in Gemeinschaftseinrichtungen und Alten- und Pflegeheimen sowie in beruflichen Settings und ausgehend von religiösen Veranstaltungen".

Beim Großteil der Fälle ist nicht klar, wo sich ein Infizierter zuvor angesteckt hat. Das hat verschiedene Gründe. Erstens kommen in manchen Fällen mehrere Situationen als Ort der Ansteckung infrage. Zweitens können etwa in anonymen Menschengruppen wie im öffentlichen Nahverkehr, im Kino oder Theater die Kontaktpersonen nicht mehr ermittelt werden - weil der Betroffene sie schlicht nicht kennt.

Kontaktverfolgung schwer durch Überlastung der Gesundheitsämter

Erschwert wird die Kontaktermittlung zudem durch die aktuelle Überlastung vieler Gesundheitsämter. Aus 60 von rund 400 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten liegen aktuell Meldungen zu Kapazitätsengpässen vor, teilte das RKI auf Anfrage von ntv.de mit. Werden die Kontakte eines Infizierten jedoch nicht vollständig ermittelt, können die Infektionsketten nicht unterbrochen werden.

Das Infektionsgeschehen kann sich so durch nicht erkannte Fälle weiter fortsetzen. Ein weiterer Hinweis auf eine hohe Dunkelziffer an Infizierten ist laut Experten auch die zuletzt hohe Rate positiver Tests - sie ist in den vergangenen Wochen auf fast zehn Prozent angestiegen. Die genannten Faktoren - zusammen betrachtet - erschweren es, die Lage in den Griff zu bekommen.

Verlagerung von West nach Ost

Was zugleich auffällt: Die Pandemie-Entwicklung ist nicht gleichmäßig über die Bundesrepublik verteilt. So ging die 7-Tage-Inzidenz in einigen westlichen Bundesländern seit Beginn des Teil-Lockdowns zurück: etwa in Bremen, Hamburg, dem Saarland oder Schleswig-Holstein. In den meisten anderen westlichen Bundesländern stagnierte sie. In den meisten ostdeutschen Bundesländern hingegen verschlechterte sich seit Beginn der Maßnahmen die Lage.

So hat sich in Thüringen die 7-Tage-Inzidenz seit Teil-Lockdown-Beginn ungefähr verdoppelt und lag zuletzt über dem Deutschland-Schnitt von rund 140. Der Landkreis Hildburghausen im Süden Thüringens erlangte zuletzt traurige Berühmtheit mit einer Rekord-Inzidenz von mehr als 600. Eine mögliche Erklärung für diese Entwicklung lieferte der Bürgermeister der Kreisstadt Hildburghausen, Tilo Kummer: Die Bevölkerung sei leichtfertig in den Herbst gegangen, sagt er. Grund seien auch die Erfahrungen aus dem Frühjahr gewesen, als die Region sehr wenig von der Pandemie betroffen war, so Kummer. Auch die anderen östlichen Bundesländer waren von der ersten Corona-Welle weitgehend verschont geblieben.

Angesichts der anhaltend hohen Neuinfektionen gehen Bund und Länder davon aus, dass nur härtere Maßnahmen die Lage in Deutschland wieder auf ein kontrollierbares Maß zurückbringen können. Neben einer verschärften Fortsetzung des Teil-Lockdowns zählt dazu auch die Vereinbarung, dass die Länder in Hotspots besondere Maßnahmen treffen sollen. Entlastung und Lockerungen soll es jedoch zu Weihnachten und Silvester geben. Forscher befürchten jedoch, dass so die Bemühungen, die Inzidenz wieder auf ein kontrollierbares Maß zu senken, wieder zunichtegemacht werden könnten.

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Quelle: ntv.de/Kai Stoppel