Gynäkologe klärt auf

Relikt der 60er: Warum die Pillenpause überflüssig ist

In Ländern wie den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass Frauen die Pille ohne Pause einnehmen.
In Ländern wie den USA ist es nicht ungewöhnlich, dass Frauen die Pille ohne Pause einnehmen.
© iStockphoto, nensuria

27. August 2021 - 14:39 Uhr

Laut Studien: Die Pillenpause bringt keinen medizinischen Vorteil

Alle 21 Tage legen Frauen, die mit der Antibabypille verhüten, eine siebentägige Einnahmepause ein. Doch die ist gar nicht notwendig, sagen Experten. So kamen britische Wissenschaftler der Faculty of the Royal College of the Obstetricians and Gynaecologists (FSRH) in einer Studie aus dem Jahr 2019 zu dem Schluss: Die Pillenpause bringt keinen gesundheitlichen Vorteil. Doch warum ist das so? Und warum weisen Frauenärzte bei der Beratung meist nicht darauf hin? Wir fragen den Gynäkologen Markos Botsaris.

Warum die Einnahmepause nicht notwendig ist

"Prinzipiell kann man die Pille im Langzyklus einnehmen", erklärt uns der Düsseldorfer Gynäkologe Markos Botsaris. "Das ist zum Beispiel in den USA Gang und Gäbe." Die Pille ohne Pause einzunehmen, sei für den Körper gemeinhin nicht schädlich, bestätigt uns der Arzt. Das könne man sich auch gut vor Augen führen, indem man einige Frauen-Generationen zurückschaue.

In den Generationen unserer Omas, Uromas und der Frauen vor ihnen, sei es nicht ungewöhnlich gewesen, über lange Strecken hinweg keine Menstruation zu haben - auch ohne Einnahme der Antibabypille. Denn damals bekamen Frauen oft schon in jungem Alter Kinder. "Dann waren sie 40 Wochen schwanger, haben dann ein bis zwei Jahre gestillt - in der Stillzeit kommt ja auch keine Periode", so Botsaris. Ohne Verhütung seien die Frauen dann nach der Stillzeit dann bald wieder schwanger geworden.

Für heutige Frauen könne es zudem einige Vorteile bieten, die Pille ohne Pause einzunehmen. "Viele Frauen empfinden es als angenehm, nicht zu bluten und keine Einschränkungen zu haben, was Sport oder Schwimmen angeht. Auch Binden und Tampons nicht benutzen zu müssen – das alles hat ja letztendlich etwas mit Lebensqualität zu tun", so der Gynäkologe.

Kann man die Pause permanent ausfallen lassen?

In der Wissenschaft sei man sich nicht ganz einig, ob und wann Frauen zwischendurch trotzdem mal eine Einnahmepause machen sollten, erklärt uns Markos Botsaris. "Es gibt Empfehlungen, wo gesagt wird, dass man nach drei oder sechs Monaten eine Pause einlegen soll. Es gibt genauso Empfehlungen, dass man sie kontinuierlich nehmen oder erst nach einem Jahr eine Pause machen kann."

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Hat das Weglassen der Pause denn gar keine Nachteile?

Auch wenn das Auslassen der Einnahmepause nicht im Verdacht steht, gesundheitliche Probleme zu bereiten: "Man muss sich darüber bewusst sein, dass bereits die Pille an sich Nebenwirkungen hat", mahnt Markos Botsaris. "Vom Thrombose-Risiko angefangen, über Veränderungen an Haut, Depressionen, Stimmungsveränderungen, Libido-Verlust."

Zudem müsse man immer individuell schauen, ob man den Langzyklus ohne Pause vertrage. "Es gibt Frauen, die im Langzyklus Zwischenblutungen zeigen", gibt der Gynäkologe zu bedenken. Prinzipiell sei das zwar nicht schlimm, doch für die Frau sei es wenig komfortabel, nicht zu wissen, wann eine Zwischenblutung auftauchen könnte. "Dann ist es vielleicht sogar besser zu wissen, wann die Periode kommt. So kann man sich wenigstens darauf einstellen."

Was Frauen auch bedenken sollten: Durch das Ausbleiben der Menstruation könnten sie eine ungeplante Schwangerschaft gegebenenfalls erst spät bemerken. Die Pille dann trotz der Schwangerschaft weiterzunehmen, könne im schlimmsten Fall sogar Folgen für das ungeborene Kind haben, erklärt uns Allgemeinmediziner Dr. Christoph Specht. "Das könnte Entwicklungstörungen geben", so der Mediziner.

Wer sich davor sorgt – oder vielleicht sogar hofft - im späteren Alter durch die Dauereinnahme der Pille den Eintritt in Menopause nicht zu bemerken, den kann Dr. Specht beruhigen. "Die hormonelle Umstellung findet ja trotzdem statt."

Warum wissen die meisten Frauen nicht darüber Bescheid?

Doch wenn das Auslassen Einnahmepause wirklich unbedenklich ist und für Frauen sogar Vorteile bietet, warum weisen in Deutschland viele Gynäkologen bei der Beratung nicht darauf hin? Das liege schlicht daran, erklärt uns Gynäkologe Markos Botsaris, dass die Einnahme im Langzyklus bei den meisten Antibabypillen in Deutschland nicht explizit vom Hersteller empfohlen wird. "Der Frauenarzt kann natürlich nicht sagen: Nehmen Sie die Pille so, wie es NICHT in der Packungsbeilage steht." Das sei letzendlich ein haftungsrechtliches Problem.

Denn in Deutschland haben nur wenige Antibabypillen eine Zulassung für die Einnahme im Langzyklus. Markos Botsaris glaubt: Das liegt daran, dass es sich für die Pharmafirmen im Nachgang einfach nicht lohnt, diese zu beantragen. "Zulassungsstudien sind teuer und die Firmen werden deshalb nicht für ein bestehendes Präparat so etwas neu beantragen."

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