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Unvergessen: Der Kampf meiner Großeltern gegen ein Leben in der DDR

Warum meine Oma und mein Opa auch heute noch weinen müssen, wenn sie ihre Geschichte erzählen

Unvergessen: Der Kampf meiner Großeltern gegen ein Leben in der DDR

Der Kampf meiner Großeltern gegen ein Leben in der DDR 30 Jahre Wiedervereinigung
06:14 min
30 Jahre Wiedervereinigung
Der Kampf meiner Großeltern gegen ein Leben in der DDR

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Ein Gespräch mit meinen Großeltern zum Tag der Deutschen Einheit - von Pauline Rosa Maier

40 Jahre lang war Deutschland geteilt. Diese Teilung bestimmte das Schicksal vieler Menschen, so auch das meiner Großeltern. In einem ganz persönlichen Interview haben sie mir jetzt von ihrer Zeit in der DDR, ihrer Ausreise und ihrer Rückkehr erzählt. Und auch wenn das alles schon lange her ist, rührt es sie auch heute noch zu Tränen.

Das Leben in der DDR

Im Jahr 1945 wurde mein Opa Hans-Peter Hirschmann in Leipzig, im damaligen Deutschen Reich, geboren. Drei Jahre später wurde meine Oma Marion Hirschmann in Markranstädt, einem kleinen Ort bei Leipzig, ebenfalls im Deutschen Reich geboren. Nur ein Jahr später wurde dieses Gebiet, zusammen mit einem grossen Teil Ostdeutschlands zur Deutschen Demokratischen Republik, kurz DDR. Was das nicht nur für meine Großeltern, sondern auch für viele weitere Millionen Menschen bedeuten würde, war damals schwer zu erahnen.

Ich: „Wann habt ihr das erste Mal realisiert, dass ihr in einem geteilten Deutschland aufwachst? Und wie habt ihr darüber gedacht?“

Mein Opa: „In der Schule hat man gemerkt und gehört, dass es noch ein anderes Deutschland gibt, ein Westdeutschland. Wir haben mitgekriegt, dass wir eingesperrt leben müssen, es gab fast nichts zu kaufen. Wir mussten nicht hungern, es gab die Grundnahrungsmittel, aber wenn man eine Waschmaschine, einen Kühlschrank oder Lebensmittel kaufen wollte, musstest du dich anmelden. Geld hatten alle, aber nur die, die Beziehungen hatten konnten leben.“

Meine Oma: „So lange man noch Ziele hatte, die zwar auch sehr eingegrenzt waren, war das noch einigermaßen in Ordnung. Aber es wurde immer schwieriger, je mehr man erreicht hat und dann gemerkt hat, man kommt nicht mehr vorwärts. Man hat es dann fast nicht mehr ausgehalten.“

Einschränkungen haben das Leben in der DDR geprägt. Von den verfügbaren Lebensmitteln und Möbeln, Über die Berufswahl und die Wohnungssuche bis hin zum Reisen. Das hat bei meinen Großeltern den Wunsch erweckt, die DDR zu verlassen und auszureisen.

Der Kampf um die Ausreise

Ausreise genehmigt. Für diesen Eintrag im Fremdenpass mussten Marion und Hans-Peter drei Jahre lang kämpfen.
Marion und Hans-Peter Hirschmann blättern in ihren Fremdenpässen aus der DDR
Pauline Rosa Maier, rtl.de

Ich: „Wann habt ihr das erste Mal über die Ausreise nachgedacht?“

Mein Opa: „Ich hatte damals einen Motorroller und bin immer wieder zur Autobahn gependelt und habe mich da auf den Parkplatz gestellt. Eines Tages hatte ich Kontakt zu einem Reisebus aus Westberlin, mit dem ich mich unterhalten habe. Er hat gesagt, wenn ich genau wüsste, dass ich rüber will, könnte er mich eventuell unter dem Bus in Hohlräumen mitnehmen. Ein halbes Jahr später hatten wir den Termin und ich bin wieder mit meinem Motorroller zur Autobahn gefahren, aber der Mann kam nie, er war ein paar Wochen vorher verunglückt.“

Meine Oma: „Bei mir kam das ungefähr mit 16, als ich in der Lehre war. Ich habe immer davon geträumt, hätte es alleine aber nie gemacht. Als ich dann aber Hans-Peter kennengelernt habe und wir einen gemeinsamen Sohn hatten, der dann zum Militär sollte, haben wir beschlossen, jetzt ist Schluss.“

Gemeinsam haben sich meine Großeltern und mein Vater dann gewagt. Sie haben all ihren Mut zusammengenommen und im Jahr 1981 die Ausreise nach Österreich erstmalig beantragt. Doch alle ihre Hoffnungen und Erwartungen wurden schnell zunichte gemacht. Nur eine Woche später wurde meine Familie vorgeladen und ihnen wurde klar gemacht, dass ihr Vorhaben rechtswidrig ist und niemals funktionieren wird. Doch der Wunsch nach Freiheit war so groß, dass sie es weiter versuchten. 3 Jahre lang stellten sie insgesamt fünf Anträge auf Ausreise.

Ich: „Wie habt ihr den Kampf um die Ausreise erlebt?“

Mein Opa: „Irgendwann bin ich zusammen mit einem Kollegen, der auch Ausreiseantragssteller war, nach Berlin gefahren um zur Sprechstunde zum Staatsratsvorsitzenden, Erich Honecker, zu gehen. Wir kamen in das Gebäude und wurden in einen Warteraum geleitet. Da kam ein Herr zu uns und fragte uns worum es denn geht. Wir haben ihm erzählt, dass wir wegen der Ausreise hier sind. Zwei Minuten später erschienen zwei Offiziere, die uns in die Mitte genommen und vor das Gebäude gebracht haben. Dort sagten sie uns, wir sollen verschwinden und nicht wieder kommen. Wir haben nicht aufgegeben und sind weitergefahren ins Ministerium des Inneren wo wir in ein Büro zu einer Beamtin gebracht wurden. Als wir ihr erzählten worum es ging, haute sie auf den Tisch und sagte: ‚Herr Hirschmann, überlegen Sie mal, wie viele Länder auf der Welt die Menschenrechte missachten. Warum sollten wir uns daran halten? Und wenn Sie jetzt nicht aufhören mit Ihrer Polemik, dann lasse ich Sie verschwinden.‘ Da haben wir beide uns angeschaut und sind sofort raus.“

Ich: „Welche Gefühle haben euch zu der Zeit begleitet?“

Meine Oma: „Angst, ganz viel Angst.“

Mein Opa: „Wir haben Angst gehabt, das ist klar.“

Meine Oma: „Die drei Jahre in denen wir um die Ausreise gekämpft haben waren ein Stillstand. Es waren verlorene drei Jahre. Man hatte für nichts mehr Interesse.“

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Die Genehmigung der Ausreise

Im Jahr 1984 kam plötzlich die erhoffte Nachricht. Die Ausreise nach Österreich wird genehmigt. Meine Großeltern hatten Bekannte in Wien, die über alles Bescheid wussten und ihnen vor Ort Wohnung und Arbeit organisieren wollten. Doch als es tatsächlich so weit war, bekamen auch diese Angst sich mit dem DDR-Regime anzulegen. Die Bekannte rief meine Oma an und sagte ihr am Telefon sie solle doch einfach direkt nach Westdeutschland gehen, da wolle sie ja sowieso hin, und nicht erst zu ihnen nach Österreich kommen. Es machte Klick in der Leitung. Die Staatssicherheit, die Geheimpolizei der DDR, hatte das Telefonat abgehört. Sie wussten nun, dass meine Familie keine Ausreise nach Österreich beabsichtigte, sondern nach Westdeutschland in die BRD wollte, der Staatsfeind Nummer 1 der DDR. In der Stasiakte meines Opas steht handschriftlich vermerkt, er, meine Oma und mein Vater wollten die DDR hintergehen.

Ich: „Wie ging es dann weiter?“

Mein Opa:„Fürs Erste war unsere Ausreise dann erledigt. Da die DDR dem Österreichischen Bundespräsidenten unsere Ausreise aber schon zugesagt hatte, mussten wir rausgelassen werden. Nach 5 Monaten wurden wir dann wieder einbestellt, uns wurde die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt und wir mussten die DDR innerhalb von zwei Tagen verlassen.“

In diesen 5 Monaten lebten die drei in einer leeren Wohnung, alles war schon in Koffer gepackt, bereit für diesen Moment. Jeden Tag warteten sie auf die Post oder auf das Klingeln des Telefons um endlich gehen zu dürfen. Als dieser Tag am 20.1.1984 gekommen war, zogen sie los. All ihr Hab und Gut verstauten sie in acht Koffern. Geld durften sie nicht mitnehmen, stattdessen kauften sie sich Meißner Porzellan, das alleine schon zwei Koffer füllte, in der Hoffnung es im Westen wieder verkaufen zu können. Von Leipzig fuhren sie mit dem Taxi nach Dresden. Dort ging es in den Zug und über Prag nach Wien. In Wien angekommen wartete niemand auf sie, die Wiener Freunde waren nicht gekommen. Stattdessen organisierte die deutsche Botschaft in Wien ihnen ein Zimmer in einer Pension und ein bisschen Geld. Einige Tage später ging es mit dem Zug in die BRD, nach Giessen.

Die Ankunft im Westen

Reporterin Pauline im Gespräch mit ihren Großeltern
Reporterin Pauline besucht mit ihren Großeltern die Wohnung, aus der sie 1984 geflohen sind
Pauline Rosa Maier, rtl.de

Ich: „Was war der erste Gedanke, als ihr es endlich raus aus der DDR geschafft habt?“

Meine Oma: „Das Schlimmste war, dass wir unsere Eltern dalassen mussten. Aber man dachte sich, man hat seine eigene Familie.“

Mein Opa: „Teilweise haben die Eltern auch selbst gesagt, wir sollen gehen und es versuchen. Wir mussten ja unsere Familie, unsere Freunde, unsere Heimat zurücklassen“.

Ich: „Was war euer erster Eindruck vom Westen?“

Meine Oma: „Wir waren in Giessen mal in einem Kaufhaus. Dort konnte ich nur 10 Minuten bleiben, dann wurde mir schlecht. Diese vielen Eindrücke, die Farben, die Gerüche. Ich musste immer raus. Das hat bestimmt ein Vierteljahr angedauert.“

Mein Opa: „Ich war überrascht von den freundlichen, entspannten Gesichtern. Wenn ich mich an die DDR erinnere, da hatte jeder das Gesicht zur Faust geballt. Da drüben haben wir nur gestaunt. Was im Supermarkt alles geboten wurde, das konnte man sich nicht vorstellen.“

Meine Oma: „Ich war sofort angekommen. Alle waren so nett und so lieb, ich kann nur positives berichten.“

Angekommen in Giessen lebte meine Familie erstmal in einem Flüchtlingslager. Später ging es weiter nach Bayern, dort hatten sie Verwandtschaft. Mit den Monaten fanden sie hier Arbeit, eine eigene Wohnung und sozialen Anschluss. Dann kamen die Jahre 1989 und 1990. Jahre, die die deutsche Geschichte maßgeblich geprägt haben.

Der Mauerfall und die Wiedervereinigung

Ich: „Wie habt ihr den Mauerfall und die Wiedervereinigung erlebt“

Mein Opa: „Wir haben in der Tagesschau die Montagsdemo verfolgt. Wir dachten uns, dass sie die 100.000 Menschen ja nicht einsperren können. Die können sie höchstens zusammenschießen. Und der Gedanke war ja da. Die russische Armee stand schon vor den Toren der Stadt. Irgendwann saß ich im Büro und mein Kollege rief mich an und sagte, ich solle mal schnell zu ihm rüber kommen vor den Fernseher. Die Mauer fällt. Ich dachte, er macht Spaß. Aber dann habe ich die Bilder gesehen vom Fall der Mauer. Hätte mir das jemand vor sechs Jahren gesagt, als wir ausgereist sind, hätte ich gedacht, der ist krank, der spinnt. Sowas wird es nie geben. Das war für uns Euphorie pur.“

Meine Oma: „Kurz danach sind wir zu unseren Freunden ins Vogtland gefahren und als wir in die ehemalige DDR reinfuhren standen die Leute am Straßenrand und haben uns gewunken und gefeiert.“

Meine Familie lebte dann viele Jahre in Bayern, mein Vater lernte dort meine Mutter kennen und mein Bruder und ich kamen auf die Welt. Im Jahr 2008 zogen meine Eltern, mein Bruder und ich nach Leipzig. Sechs Jahre später, 2014, kehrten auch meine Großeltern zurück. In eine Welt, die für sie einst Angst und Schrecken bedeutete.

Die Rückkehr

Ich: „Warum seid ihr zurück gekehrt?“

Mein Opa: „Leipzig ist meine Geburtsstadt und die letzte Etappe meines Lebens. Jetzt bin ich der glücklichste Mensch wieder hier zu sein.“

Marion: „Ich habe sechs Jahre gekämpft um nicht zurück zu müssen, aber es hat nicht funktioniert, weil Hans-Peter krank wurde vor Heimweh. Da musste ich mit – oder mich trennen. Das war die Option. Aber ich wäre immer dort geblieben. Ich komme mir durch die Rückkehr vor als wäre alles umsonst gewesen.“

Die Meinungen spalten sich. Für meinen Opa ist es eine Rückkehr in seine Heimat. Er hat sich im Westen immer wie ein Zugereister gefühlt. Für meine Oma ist der Westen längst zu einer neuen Heimat geworden. Doch in einem sind sie sich einig. Den Schritt zu gehen und die DDR im Jahr 1984 zu verlassen war die beste Entscheidung ihres Lebens.