„Ich hatte das tiefe Gefühl, dass das richtig ist“

Thüringer Linken-Chefin erklärt: Darum warf ich Kemmerich den Blumenstrauß vor die Füße

07. Februar 2020 - 22:09 Uhr

Linken-Landeschefin in Thüringen wollte das Wahlergebnis nicht einfach nur hinnehmen

Wut, Sorge und Enttäuschung: All das kochte in Susanne Hennig-Wellsow, Linke-Landeschefin in Thüringen, hoch, als sie mit einem Blumenstrauß in der Hand auf den frisch gewählten Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich (FDP) zuging. Anstatt dem Mann, der auch mit den Stimmen der AfD-Abgeordneten im Thüringer Landtag gewählt wurde, zu gratulieren, warf sie ihm den Blumenstrauß vor die Füße. Im RTL-Interview in unserem Video erzählt die 42-Jährige nun, warum sie das getan hat.

Ein Zeichen, um anderen Mut zu machen

Mit der Wahl des FDP-Politikers habe niemand in ihrer Partei gerechnet, erklärt sie. "Es war ein Schock, der mir bis in den großen Zeh ging." Für sie sei der größte Vertrauensbruch, dass Kemmerich sich mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten wählen ließ. "Wir haben hier die Höcke-AfD, wir haben die extreme Rechte, wir haben den faschistischen Flügel", erklärt Hennig-Wellsow und spricht von einem "schwarzen Mittwoch".

Dass sich Kemmerich von solchen Leuten habe wählen lassen, konnte die Linken-Landeschefin einfach nicht hinnehmen, sagt sie. "Auf dem Weg zu Kemmerich war mir klar, dass es ein Zeichen braucht, um auch anderen Menschen Mut zu machen." Darum habe sie Kemmerich in dem Moment auch gesagt, dass sie sich für ihn schäme. Die Aktion sei nicht geplant gewesen. "Ich hatte das tiefe Gefühl, dass das richtig ist", so Hennig-Wellsow.

Susanne Hennig-Wellsow hätte am liebsten Türen geknallt vor Wut

 Susanne Hennig-Wellsow im Thüringer Landtag
Susanne Hennig-Wellsow reagierte geschockt, als Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten in Thüringen gewählt wird.
© imago images/STAR-MEDIA, STAR-MEDIA via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Der zweite schwere Moment des Tages wäre dann gewesen, als die Linkenfraktion sich kurz nach der Wahl im Sitzungssaal getroffen habe. In der Situation stand sie plötzlich vor ihren Parteikollegen und musste ihnen Mut machen, obwohl sie am liebsten Türen geknallt hätte. "Ich habe mir viel vorstellen können, aber dass das passiert auch in der Geschlossenheit, das habe ich nicht für möglich gehalten."

Die AfD-Abgeordneten in Erfurt würden gezielt versuchen, Stimmung zu machen, erklärt sie. "Wir als Abgeordnete werden zunehmend auch körperlich bedrängt von der AfD im Parlament." Man werde im Fahrstuhl bedroht, oder die AfD-Leute kämen grinsend unangenehm nah. "Die AfD hier in Thüringen wendet auch einfach Nazi-Methoden an", so die Linken-Politikerin.

RTL NEWS empfiehlt

Anzeigen:

„Ich habe einen kleinen Sohn, den ich schützen will“

Susanne Hennig-Wellsows Blumenstrauß-Wurf
Statt zu gratulieren, warf Susanne Hennig-Wellsow dem frischgewählten Ministerpräsidenten einen Blumenstrauß vor die Füße.
© dpa, Martin Schutt, msc axs

Nach ihrem Blumenstrauß-Wurf könne sie kaum noch durch Erfurt laufen, weil sie fast von jedem auf die Wahl angesprochen werde. Auch ihr E-Mail-Postfach und ihre Accounts in Sozialen Medien quellen über vor Nachrichten, erzählt Hennig-Wellsow. Sie bekomme viele positive Reaktionen, aber auch Morddrohungen.

Leider sei das für sie als Abgeordnete der Linken in Thüringen nichts Neues. Sie habe bereits seit einiger Zeit Auskunftssprerre für ihre Wohnadresse. "Ich habe einen kleinen Sohn, den ich schützen will, und einen Mann, den ich schützen will", erklärt sie. Und eins will die 42-Jährige auf keinen Fall: sich von so etwas beeindrucken oder einschüchtern lassen.