Hilaria Baldwin teilt ihre Sorgen mit ihren Fans

Tabuthema Fehlgeburt - müssen wir damit offener umgehen?

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12. November 2019 - 7:50 Uhr

von Anna Kriller

"Ich möchte mit euch teilen, dass ich höchstwahrscheinlich eine Fehlgeburt durchmache." Mit diesen Worten hat sich Hilaria Baldwin (35), Ehefrau von US-Schauspieler Alec Baldwin (61), an ihre Fans gewandt. Sie hat sich im April schon vor Ablauf der ersten drei Monate entschieden, ihre Schwangerschaft - und damit auch die Möglichkeit, dass ihr Baby es nicht schafft - mit der Öffentlichkeit zu teilen. Gegen den allgemein in der Gesellschaft verbreiteten und oftmals von Ärzten empfohlenen Rat. Wenige Monate später war sie erneut schwanger, doch auch dieses Kind verlor die Yoga-Lehrerin, wie sie jüngst bekannt gab.

Mit ihrer Offenheit möchte sie Fehlgeburten aus ihrer Tabuzone holen. Doch wie ist ihr Schritt aus psychologischer Sicht zu bewerten? RTL.de hat mit der Systemischen Familienberaterin Ruth Marquardt gesprochen.

Was macht es aus psychologischer Sicht mit einer Frau, wenn sie eine Fehlgeburt erleidet?

Ruth Marquardt: Der Schmerz, den eine Frau fühlt, ist im Falle einer Fehlgeburt natürlich sehr individuell. Während man noch vor Jahren dachte, es sei leichter für eine Frau, ein Kind in einem frühen Stadium der Schwangerschaft zu verlieren, weiß man heute, dass dies keineswegs so ist.

Viele Frauen, gerade wenn der Wunsch nach einem Kind sehr hoch war, identifizieren sich bereits früh mit dem neuen Lebewesen in ihrem Bauch. Nicht selten berichten mir werdende Mütter, sie "wussten" schon früher als ein Test, dass sie neues Leben erwarten. Welche Hoffnungen und Erwartungen damit verbunden sind, weiß jede Frau, die schon einmal schwanger war oder sich ein Kind gewünscht hat. Es geht häufig um so viel mehr: Themen wie Geborgenheit einer Familie, etwas weitergeben wollen, Lebenssinn und viele mehr reihen sich um das Thema Schwangerschaft.

Wenn nun durch einen Schwangerschaftsabbruch oder eine Fehlgeburt dieses enge emotionale Band plötzlich zerrissen wird, kann das für die betroffenen Frauen gravierende psychische Folgen haben. In meinen Beratungen höre ich häufig, dass der Schmerz umso schwerer zu verkraften ist, je mehr Frauen ihren Kinderwunsch zuvor unerfüllt sahen - zum Beispiel nach Versuchen künstlicher Befruchtung.

Daher ist es unglaublich wichtig für diese Frauen, trauern zu dürfen, sich selbst auch ein Gefühl von Trauer zu erlauben, über den Verlust sprechen zu dürfen und den Schmerz teilen zu können, idealerweise mit dem eigenen Partner. Mitgefühl der Frauen für sich selbst spielt dabei eine zentrale Rolle, da Frauen sich häufig selbst vorwerfen, "Schuld" zu sein.

Was kann passieren, wenn Frauen nicht über ihre Fehlgeburt sprechen?

Ruth Marquardt: Wenn eine Frau nicht über das sprechen kann, was sie bewegt, wenn sie den Schmerz des Verlustes verdrängt, so ist es, als würde man einen Ball unter Wasser drücken wollen. Der Schmerz verschwindet nicht, er lässt sich vielleicht für eine Zeit verdrängen, der Ball lässt sich mit viel Kraft eine Zeit lang unter Wasser drücken - er sucht jedoch den Weg nach oben. Mit anderen Worten: Frauen, die ihre Trauer nicht konstruktiv ausleben können, werden mit hoher Wahrscheinlichkeit über die Zeit andere Symptome entwickeln. Hierzu können zählen: Niedergeschlagenheit bis hin zur Depression, jedoch auch körperliche Erscheinungen aller Art.

Hilfreich sind zur Trauer-Verarbeitung Übungen in Selbst-Mitgefühl, die Erfahrung von Mitgefühl durch nahestehenden Personen sowie Zeit und Geduld. Trauer will gelebt und durchlebt werden - wie lange das dauert, ist individuell völlig unterschiedlich. Hier hilft es den übrigen Familienmitgliedern, wenn die trauernden Frauen sagen können, was für sie hilfreich ist und was nicht.

Kann es Betroffenen helfen, so offen wie Hilaria mit dem Thema umzugehen - auch vor dem dritten Monat?

Ruth Marquardt: Tatsächlich ist das Warten bis nach dem dritten Monat etwas, was sich über die Angst in unserer Gesellschaft, ein Kind zu verlieren, etabliert hat. So vermeiden Frauen, ihre Angst vor Verlust zu teilen; sie schützen sich. Jedoch teilen sie auch ihre Freude zunächst nur im engen Kreis.

Die Entscheidung, die hier zu treffen ist, sollte jede werdende Mutter für sich selbst finden dürfen. Was es zeigt, ist, wie wir in unserer Gesellschaft mit der Angst vor Verlust umgehen. Wir halten sie versteckt.

Offensichtlich ist es für Hilaria Baldwin wichtig, mit ihren Sorgen an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Frage, inwiefern ein solcher Weg hilfreich sein kann, hängt auch von den Reaktionen der Follower ab. Ich wünsche ihr hier vor allem positive und unterstützende Worte, denn die Situation, ihre aktuelle Ungewissheit, ist schwer genug. Hilaria wirkt wie eine Frau mit einem starken Selbstwertgefühl, die einen guten Stand hat und einen deutlichen Rückhalt aus der Familie erfährt. Wer sich selbst eher als unsicher erlebt, dem rate ich von einem Gang an die Öffentlichkeit mit den unberechenbaren Reaktionen ab.

Zu respektieren ist aus meiner Sicht Hilaria Baldwins innere Haltung, in der sie einen extrem wichtigen Punkt deutlich macht: Sie zeigt sich mit ihren Gefühlen ganz echt - und stellt nicht für die Öffentlichkeit das Bild einer Frau dar, der es gut geht - während es doch innerlich ganz anders in ihr aussieht.

Genau darum geht es auch, wenn wir als Menschen schwere Schicksalsschläge verarbeiten wollen: Es hilft uns, zu den Gefühlen zu stehen, durch die wir gerade gehen. Zu dem stehen zu dürfen, was es schwer macht, ist ein wichtiger Aspekt von Trauer- und Schmerzverarbeitung.

Aus meiner Sicht ist es ein mutiger Schritt von Hilaria Baldwin, sich gerade einer großen Öffentlichkeit gegenüber zu äußern. Sie tut es vielleicht für sich - und sie will anderen Frauen mit diesem Signal Mut machen: Halte nichts zurück, verstelle dich nicht, egal, wie es dir geht. Stehe zu dir, mit allem, was ist.