Prozess um fünf tote Kinder in Solingen

Was sagt der Vater der toten Kinder über seine Noch-Ehefrau Christiane K.?

Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal.
Christiane K. auf der Anklagebank im Gerichtssaal.
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13. Dezember 2021 - 21:34 Uhr

Von Christina Warnat

Was sagt ein Mann über seine Noch-Ehefrau, der vorgeworfen wird, fünf ihrer sechs Kinder umgebracht zu haben? Christiane K. aus Solingen steht in Wuppertal vor Gericht, weil sie Melina (†1), Leonie (†2), Sophie (†3), Timo (†6) und Luca (†8) mit einem Medikamenten-Cocktail ruhiggestellt und in der Badewanne erwürgt, erstickt oder ertränkt haben soll. Die Angeklagte hat die Tat bislang nicht gestanden und auch ihr Noch-Ehemann Pascal K. macht von seinem Zeugenverweigerungsrecht Gebrauch. Doch er hat zugestimmt, dass seine Aussagen, die bei Vernehmungen durch die Ermittler aufgezeichnet worden sind, verlesen werden.

Alkoholprobleme, Depressionen, Trennungen

Kriminalhauptkommissar Sven E. hatte Pascal K. eine Woche nach der Tat mit einer Kollegin vernommen. Er habe seine zukünftige Frau 2012 auf einer Onlineplattform kennengelernt, erzählt dieser am 10. September 2020. Dass sie schon zwei Kinder hatte, habe ihn nicht gestört. Er habe ausgesagt, sie wie seine eigenen angenommen zu haben. 2013 heiratete das Paar, schnell folgten vier Kinder. Doch die Beziehung sei von Anfang an von Streit geprägt gewesen, gibt der Zeuge die Aussage wieder. Demnach sei es immer wieder zu Trennungen gekommen, immer wieder habe er die Familie für einige Tage verlassen, habe nach eigener Aussage ein Alkoholproblem, sei depressiv und hochgradig eifersüchtig.

Während dieser "Auszeiten" habe sie ihm angedroht, etwas "mit anderen Männern" anzufangen oder ihm das Sorgerecht für die Kinder zu entziehen, um ihn so zurückzuholen. Im Laufe der Zeit musste die Polizei zwei Mal anrücken, um eskalierenden Streit der Eheleute zu schlichten. "Er schilderte einen ständigen Druck auf seine Person von Frau K., dass er da sein sollte." Weder seine Frau noch er hätten Freundschaften gepflegt oder Bekannte gehabt. Dies sei eine "bewusste Entscheidung" gewesen, "dass man füreinander da war und das letztlich auch reicht", so der Polizist.

Christiane K. wirkte nie überfordert

Als überfordert habe er seine Frau nie wahrgenommen. Sie sei sehr strukturiert gewesen, Anfang des Monats habe man immer einen Plan mit Einnahmen und Ausgaben aufgestellt. "Er hat dahingehend nichts Negatives über seine Frau gesagt." Auch nach der Trennung, ein Jahr vor der Tat, sei er immer wieder über Wochen in der Wohnung gewesen, habe sich um die Kinder gekümmert. Beiderseitig habe die Hoffnung bestanden, es wieder hinzubekommen, für Oktober sei sogar noch eine Reise geplant gewesen. Sven E. sprach wie Christiane K.s Mutter im Notruf auch von weiteren gemeinsamen Kindern, die laut Pascal K. bei dem Paar im Gespräch gewesen seien. Mitte August hätten die beiden zum letzten Mal miteinander geschlafen.

Die Familie habe Pascal K. alles bedeutet, gibt der Kriminalhauptkommissar dessen Aussage wieder. "Das war auch ein Druckmittel, dass sie ihm gedroht hat, ihm das Sorgerecht zu entziehen, was für ihn nicht tragbar gewesen wäre." Der Polizist schildert einen Moment während des Gesprächs mit dem Vater, den er persönlich sehr bemerkenswert gefunden habe. "Als wir ihn nach den Kleidergrößen fragten und er wie aus der Pistole geschossen sagte: 154, oder 122", so der Beamte. "Ich habe zwei Kinder und wenn mich jemand spontan gefragt hätte, hätte ich erstmal meine Frau gefragt. Insofern blieb mir das in Erinnerung, weil das so spontan und genau war", sagte der Polizist aus.

Den Alltag, den der Vater beschrieben habe, zeichnete das Bild eines gewöhnlichen Familienalltags, wie ihn so oder ähnlich alle Eltern kennen. "Ein strukturierter, normaler und unauffälliger Tagesablauf", so der Kriminalist.

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© dpa, Roberto Pfeil, rp bsc

Den Abend vor der Tat habe Pascal K. bei seiner neuen Freundin verbracht, dort auch zum ersten Mal übernachtet. "Insgesamt kannte er sie wohl seit zwei Jahren, weil sie in direkter Nachbarschaft wohnte", berichtet Sven S. vor der Schwurgerichtskammer. "Man habe sich mal am Briefkasten getroffen, fand sich gut. Zusammengekommen seien sie erst unmittelbar vor der Tat."

An jenem Abend habe seine Ex Christiane in ihrem WhatsApp-Status noch einen vermeintlichen Chatverlauf veröffentlicht. Pascal soll damals vermutet haben, dass sie ihn wieder eifersüchtig machen wolle – und postete als Reaktion das Profilfoto von sich und seiner neuen Liebe.

Am anderen Morgen habe "Chrissi", wie er sie bei der Vernehmung durchgehend genannt habe, zugegeben, dass der Verlauf ein Fake gewesen sei. Sie habe öfter gelogen, Dinge behauptet. Daher habe Pascal K. ihre Nachricht vom Tod der Kinder auch zunächst nicht geglaubt. Erst als er um 13:30 Uhr mit seinem Stiefsohn Marcel telefonierte, habe er begriffen, dass tatsächlich etwas Schlimmes geschehen sein muss. Der Junge habe gesagt, dass die anderen Kinder tot seien, habe geweint, sei aufgelöst gewesen.

Um 13:42 Uhr schrieb Pascal K. seiner Noch-Ehefrau eine WhatsApp-Nachricht: ""Du sch*** Miststück. Was hast du getan?"