Sonja, Kristin und Bettina verschwanden in den 90ern

Serienkiller-Theorie im Fall Sonja Engelbrecht: Zwei weitere Frauen in München vermisst

24. November 2021 - 14:21 Uhr

Sonja Engelbrecht wurde vermutlich Opfer eines Gewaltverbrechens

Nach mehr als einem Vierteljahrhundert könnte das Schicksal der vermissten Münchnerin Sonja Engelbrecht doch noch aufgeklärt werden: In einem Wald in Oberbayern hat die Polizei einen Oberschenkelknochen der jungen Frau gefunden. Es wird ein Gewaltverbrechen vermutet. Neue Entwicklungen, die erneut Spekulationen um einen möglichen Serienkiller anheizen, der in den 90ern in München sein Unwesen getrieben haben soll. Die Polizei schloss das 2010 aus, doch zwischen drei Fällen gibt es Parallelen.

Oberschenkelknochen von Sonja Engelbrecht entdeckt

23.11.2021, Bayern, Kipfenberg: Polizisten durchsuchen ein Waldstück. Ein Waldarbeiter hatte dort einen Knochen gefunden - Ermittler fanden nun heraus, dass er von der vermissten Engelbrecht stamme, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums München am
Knochen der seit 1995 vermissten Sonja Engelbrecht gefunden: Polizisten durchsuchen ein Waldstück.
© dpa, Friedrich, sb

Vor 26 Jahren, im April 1995, ist die damals 19-jährige Fachoberschülerin Sonja Engelbrecht in München spurlos verschwunden. In einem Waldstück bei Kipfenberg im oberbayerischen Landkreis Eichstätt hatte ein Forstarbeiter im Sommer 2020 einen Oberschenkelknochen gefunden - Ermittler fanden nun heraus, dass er von der Vermissten stamme, sagte ein Sprecher des Polizeipräsidiums München am Dienstag.

Rund 100 Bereitschaftspolizisten mit Leichensuchhunden suchten den Wald etwa 100 Kilometer nördlich von München nach weiteren sterblichen Überresten der Frau ab – jedoch ohne Erfolg. Die Suche solle in den kommenden Tagen fortgesetzt werden. Über die Todesursache könne man derzeit keine Aussage treffen, so der Polizeisprecher. Man vermute aber, dass Engelbrecht einem Gewaltverbrechen zum Opfer gefallen sei.

München: Weitere Vermisstenfälle in den 90ern

23.11.2021, Bayern, Kipfenberg: Polizisten und Einsatzfahrzeuge stehen in einem Waldstück. Ein Waldarbeiter hatte dort einen Knochen gefunden - Ermittler fanden nun heraus, dass er von der vermissten Engelbrecht stamme, sagte ein Sprecher des Polizei
Sonja Engelbrecht verschwand im April 1995 - 26 Jahre später fand ein Waldarbeiter ihren Oberschenkelknochen.
© dpa, Friedrich, sb

Nach Erkenntnissen der Polizei hatte ihr damaliger Freund sie zuletzt nachts an der Münchner Straßenbahnhaltestelle Stiglmaierplatz lebend gesehen. Danach gab es Spekulationen, die junge Frau könne entführt und getötet oder an Menschenhändler verkauft worden sein. Es ist nicht der einzige unaufgeklärte Vermisstenfall, der München in den 90er Jahren in Atem gehalten hat. Besonders zwei weitere Fälle hat die Polizei im Zusammenhang mit Sonjas Verschwinden überprüft.

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Kristin Harder

Die kanadische Sprachstudentin Kristin Harder ist am 12. Dezember 1991 im Alter von 28 Jahren verschwunden. Der damalige Chefermittler der Mordkommission Josef Wilfling zeigte sich im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" 2010 überzeugt, dass sie ihren mutmaßlichen Mörder in der Kneipe "Frundsberg" in Neuhausen kennen gelernt hat. Zusammen seien sie laut Aussage des Mannes weiter ins Nachtcafé gezogen. Dort wurde die Frau zuletzt lebend gesehen. Ihr Begleiter sagte aus, dass sie später alleine weiter ins "Schumann's" gezogen sei, wo sie eine Verabredung gehabt habe. Doch dort konnte sich niemand an Kristin erinnern. Ob sie jemals in der Bar am Hofgarten ankam, ist ungewiss.

Vier Monate später die grausame Gewissheit: Spaziergänger entdeckten im Bahnhofswald von Neubiberg ein abgetrenntes Bein. Es steckte in einer Plastiktüte, war in Höhe des Knies in zwei Teile zersägt. Im Sommer wurde Kristins abgesägter Arm im Isarkraftwerk Altheim bei Landshut gefunden. Bein und Arm waren vor dem Abtrennen tiefgekühlt worden.

2003 wurde der Fall neu aufgerollt, Zeugen vernommen – auch Kristins letzter Begleiter, der erneut als Verdächtiger in den Fokus der Ermittler geriet. Dem "Stern Crime"-Magazin sagte der neue Chef-Ermittler Richard Thiess, er habe sich bei Vernehmungen in Widersprüche verstrickt, Details falsch wiedergegeben. So habe er behauptet, Neubiberg nicht zu kennen. Später habe sich das als Lüge entpuppt, schreibt die "Abendzeitung". Seine Freundin arbeite keine drei Minuten von dem späteren Beinfundort entfernt, ihr Bruder lebe in der Nähe. Der sei im Tatzeitraum im Urlaub gewesen, als er wiedergekommen sei, habe eine Kettensäge in der Garage gefehlt. Zudem hätten Zeugen ausgesagt, sie hätten gesehen, wie ein Mann einen Müllsack aus einem Kleintransporter in das Wäldchen getragen habe. Über seine Arbeit hätte sich der Verdächtige Zugang zu einem solchen Transporter verschaffen können, gibt das Blatt Thiess' Aussage wieder.

Doch ein DNA-Abgleich bringt keine neuen Erkenntnisse und die Indizien reichen nicht aus, um den Mann in U-Haft zu bringen. Die Ermittlungen wurden eingestellt, die Leiche von Kristin Harder wurde bis heute nicht gefunden.

Bettina Trabhardt

Die Münchner Krankenschwester verließ am Abend des 12. August 1997 gegen 19 Uhr ihr Wohnhaus im Stadtteil Harlaching, "elegant gekleidet und bestens gelaunt" wie eine Nachbarin laut "SZ" aussagte. Die Ermittler gehen davon aus, dass Trabhardt auf dem Weg zu einer Verabredung war, womöglich im Biergarten. Am nächsten Tag erschien sie nicht zur Arbeit, Angehörige meldeten die Frau als vermisst. Seitdem wurde die damals 45-Jährige nicht mehr gesehen, ihre Leiche nie gefunden. Ob sie einem Gewaltverbrechen zum Opfer fiel, oder ob sie sich das Leben nahm, wie Kriminalrat Wilfling 2010 im Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" andeutete, ist ungewiss.

Polizei schloss Serienmörder-Theorie 2010 aus

Im März 2010 ging die Polizei der Theorie nach, der Mord an Kristin Harder 1991, das spurlose Verschwinden von Sonja Engelbrecht 1995 und Bettina Trabhardt 1997 könnten in Verbindung stehen. Zwei Monate später sagte Chefermittler Wilfling der SZ: "Es handelt sich nicht um einen Serienmörder, der in München umgeht." Man habe keine Zusammenhänge zwischen den Fällen finden können. Auf RTL-Anfrage wollte eine Sprecherin der Polizei München derzeit keine Angaben machen. (cwa)