Schwangere stand eine Stunde lang in der Kälte

Ist das jetzt das neue Normal? Warum die Infekt-Sprechstunde viele Patienten wütend macht

Patienten warten vor Praxis
Sind Sie ein Fan der Infekt-Sprechstunde, oder nervt es Sie zum Beispiel draußen zu warten?
picture alliance

von Madeline Jäger

Halb Deutschland ist gerade krank. Für viele Patienten steht damit auch der Gang zum Hausarzt an. Dort gibt es aktuell oft sogar noch die strenge Infektionssprechstunde. Patienten mit Erkältungssymptomen können dann nicht spontan im Wartezimmer Platz nehmen, sondern müssen oft sogar in der Kälte ausharren. Ein Verfahren, das für wütende Patienten und Zündstoff sorgt. Ist die Infektionssprechstunde bald Schnee von gestern, oder bleibt sie als neues Normal bestehen? RTL hat sich bei den Verantwortlichen umgehört.

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Infekt-Sprechstunde: „Sie haben Erkältungssymptome? Dann müssen Sie bitte draußen warten“

„Sie haben Erkältungssymptome? Dann müssen Sie bitte draußen warten – oder später wiederkommen“, erklärt die Praxis-Mitarbeiterin einer kranken Patientin, die daraufhin sichtlich schockiert aus dem angelaufenen Fenster starrt. „Da soll ich warten?“, fragt sie ungläubig. Das Praxisteam nickt und für die Schwangere beginnt ein einstündiges Ausharren in der Kälte.

Viele Patienten befürworten das System der Infektions-Sprechstunde, um sich nicht im Wartezimmer mit Corona oder ähnlichem anzustecken. Doch gleichzeitig sorgt sie aktuell immer wieder auch für Unmut, wenn Patienten draußen warten müssen.

Ihre Meinung ist uns wichtig: Befürworten Sie die Infekt-Sprechstunde weiterhin?

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Ausharren in der Kälte: „Wäre es mir schlechter gegangen, hätte ich das gar nicht gepackt“

„Mein Corona-Selbsttest war negativ und ich brauchte nur eine Krankmeldung. Trotzdem musste ich in der Kälte warten“, sagt eine Schwangere (29) über ihre Sprechstunden-Erfahrung im RTL-Gespräch. Sie ist stinksauer. Eine weitere Patientin schildert gegenüber RTL ihren Unmut.

„Bei mir hieß es, dass ich nur zwischen 12 Uhr und halb eins kommen kann. Dann musste ich mich draußen in eine lange Schlange anstellen und war froh, dass es mir zu dem Zeitpunkt nicht noch schlechter ging. Sonst hätte ich das mit meiner dicken Erkältung und Husten gar nicht gepackt“, so die Patientin (28) aus Köln. Eine Trennung von unterschiedlichen Patienten hält sie zwar für richtig, doch das Warten in der Kälte zieht sie durchaus in Zweifel.

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Infekt-Sprechstunde: Wenn kranke Patienten draußen warten, wie sinnvoll ist dieses Verfahren?

RTL hat bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) nachgefragt, wie sinnvoll das noch ist. „Die ‚Sinnhaftigkeit‘ oder der Pragmatismus von Durchführungswegen einer Infektionssprechstunde lassen sich aus der Distanz nicht pauschal bewerten. Hierüber entscheidet zum einen etwa die jeweilige praxisindividuelle Raumsituation, zum anderen sicher auch die zur Wahrung des Infektionsschutzes – sowohl für andere Patienten als auch für das Praxispersonal. Dass Praxen gerade in diesen Wochen, mit dem zu versorgenden hohem Infektions- und Erkrankungsgeschehen, allgemein eher Vorsicht walten lassen – auch zum Schutz und Fortbestand des Praxisbetriebes – ist grundsätzlich nachvollziehbar“, erklärt Pressesprecher Christopher Schneider.

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Infekt-Sprechstunde beim Kinderarzt: Weggeschickt zur Kinderklinik

Der hohe Personal-Krankenstand im Gesundheitswesen sorgt gerade nicht nur bei den Erwachsenen für Probleme. RTL haben Informationen erreicht, dass Kinder mit kleinen Infekten immer wieder an die Notfallambulanzen von Kinderklinken verwiesen werden. Beispielweise wohl, weil die Infektionssprechstunde der Kinderarztpraxis erst wieder am nächsten Vormittag sei. Doch wie kann das sein, wo doch die Kinderklinken aktuell doch aus allen Nähten platzen? RTL hat nachgefragt, warum einige Kinderarztpraxen so verfahren.

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„Das ist eine klare Auswirkung der Überlastung“, sagt Jakob Maske, Bundessprecher vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. dazu. Bei ihm in der Praxis seien meist bis zu 200 kleine Patienten am Tag und alle müssten behandelt werden. Eine tägliche Herausforderung für ihn und sein Praxisteam. „Wenn wir schon absehen können, dass wir sie nicht mehr behandeln können, müssen wir die Patienten auch schon mal nach Hause schicken“, erklärt Maske. Wie bei den Kinderkliniken auch, seien nämlich die meisten Kinderarztpraxen genauso überlastet.
Denn nicht nur bei Patientinnen und Patienten, auch unter dem Praxispersonal sei der Krankenstand derzeit allgemein hoch. Praxisschließungen durch Ausfall des Personals sollten daher verhindert werden.

Im Video: "Hoffe, dass wir einfach gesund bleiben" Angespannte Lage in den Kinderkliniken

"Hoffe, dass wir einfach gesund bleiben" Angespannte Lage in den Kinderkliniken
01:42 min
Angespannte Lage in den Kinderkliniken
"Hoffe, dass wir einfach gesund bleiben"

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Hunderte Patienten am Tag: Auch Kinderarztpraxen völlig überlastet

Eigentlich sollten Eltern mit ihren kranken Kindern nicht weggeschickt werden, sondern höchstens in andere Praxen, so Maske. Doch dies sei wohl flächendeckend erst wieder möglich, wenn der Ausnahmezustand sowohl ambulant als auch in den Kliniken beendet sei.

Grundsätzlich seien die Infekt-Sprechstunden in den Kinderarztpraxen in der Regel nicht erst eine Erfindung seit Corona, sondern schon vorher häufig angeboten worden, schildert der BVKJ-Sprecher weiter. Somit gehe er davon aus, dass die meisten Kinderarztpraxen auch zukünftig an den Infekt-Sprechstunden festhalten werden.

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Infekt-Sprechstunde: Sind sie das neue Normal, oder bald Schnee von gestern?

Und wie steht es um den Fortbestand der Infektions-Sprechstunden generell – werden Sie als Überbleibsel der Pandemie-Hochphase bald verschwinden, oder haben sie sich auch für die Zukunft bewährt?

„In Zukunft wird jede Praxis abwägen, in welcher Form die sicherste und effizienteste Versorgung der Patientinnen und Patienten sichergestellt werden kann“, sagt Vincent Jörres vom Deutschen Hausärzteverband e.V..