Baerbock im Kanzler-Triell auf Augenhöhe

TV-Triell bei RTL: Laschet kämpft und Scholz macht die Merkel

30. August 2021 - 9:46 Uhr

Die Analyse des RTL-Triells

Zwei Stunden, drei Kandidaten, eine Bundestagswahl: Beim ersten Triell erleben die Zuschauer einen leidenschaftlichen bis aufbrausenden Unionskandidaten, eine selbstbewusste Grünen-Vorsitzende und einen zeitweise unsichtbaren Umfragen-König. Doch ausgerechnet der kommt bei den Zuschauern gut an.

+++ Das ganze Triell zum Nachlesen in unserem Live-Ticker: Alle Aussagen und Backstage-Infos finden Sie hier +++

War das Wahl-Triell ein Befreiungsschlag für Armin Laschet?

Konnte der Unions-Kandidat punkten? Unsere Reporterin in Berlin, Franca Lehfeldt, schätzt das ein.

Afghanistan: Laschet spricht von "Desaster"

Fünf Minuten dauert es, bis die Triell-Zuschauer eine der wichtigsten Fragen dieses Kanzlerkandidaten-Wettstreits beantwortet bekommen: Ja, Armin Laschet will tatsächlich Bundeskanzler werden. Beim für die Union eigentlich so unangenehmen Thema Afghanistan-Einsatz findet ihr Kandidat ein erstes Stichwort, seine Gegner zu attackieren. Der CDU-Chef spricht von einem "Desaster" und fordert: "Wir werden unsere Bundeswehr besser ausstatten müssen." Sozialdemokraten und Grünen wirft Laschet in Fragen von Budget und Aufrüstung der Bundeswehr Zögerlichkeit und Verweigerungshaltung vor.

​Nach dem Zustand der Bundeswehr haben die Moderatoren Pinar Atalay und Peter Kloeppel in dem Moment zwar nicht gefragt, doch Laschet ist von Beginn an sichtlich entschlossen, einen leidenschaftlichen Auftritt zu liefern. In den folgenden 105 Minuten präsentiert sich der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen als der energischste Kandidat, zeigt sich angriffslustig, ungeduldig und wird auch schon einmal laut. Ein Auftreten, das wahlweise auch als aufbrausend wahrgenommen werden kann. Sei's drum: Der Mann, dessen Partei in den Umfragen jäh abgestürzt ist, hat die Flinte noch nicht ins Korn geworfen. Eine wichtige Botschaft an die wahlkämpfende Basis.

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Kann sich Scholz als Merkel-Nachfolger positionieren?

Erbschleicher oder Politprofi?

Dasselbe lässt sich auch bei Annalena Baerbock feststellen, die als in den Umfragen leicht abgeschlagene Dritte ins Triell geht. Die Grünen-Chefin arbeitet sich vor allem an Laschet ab, wenn es ihr um vermeintliche und tatsächliche Fehlleistungen der scheidenden Bundesregierung geht. Laschet ist für die 40-Jährige das Gesicht von gestern, wenn sie Sätze sagt wie: "Sie können die Geschichten, die man vor fünf Jahren erzählt hat, ja gerne weitererzählen, aber die Welt hat sich weitergedreht". Doch nicht Laschet ist der Groko-Vertreter in der Runde, sondern Vize-Kanzler Olaf Scholz. Das verschweigt der Bundesfinanzminister aber weitestgehend, so wie er gefühlt überhaupt am wenigsten sagt an diesem Abend - obwohl am Ende alle bei 27 bis 28 Minuten Redezeit liegen.

Der Sozialdemokrat, dem im politischen Berlin die größte Wunderleistung seit Jesus' Schritten übers Wasser, nachgesagt wird, seit die SPD wieder um den Wahlsieg mitkämpft, ist der zurückhaltendste Kandidat. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier tituliert Scholz schon vor der Sendung im Gespäch mit ntv als "Erbschleicher" Angela Merkels. Die hatte sich in ihren TV-Duellen auch nur selten in Konfrontationen reinziehen lassen. Möglich aber auch, dass Scholz einfach nicht aus seiner Haut eines im Auftreten - selbst für norddeutsche Verhältnisse - extrem kontrollierten Politikprofis herauskann.

Aber Scholz ist an diesem Abend ja auch nicht der Jäger. Er ist der Gejagte, der seine guten Aussichten aufs Kanzleramt vor allem den Fehlern der anderen zu verdanken hat. Sich zurückzulehnen und die beiden weiter streiten zu lassen, kann da durchaus Kalkül sein. Beim Publikum kommt der Finanzminister jedenfalls gut an: Eine Forsa-Umfrage direkt nach dem Triell weist Scholz mit 36 Prozent der Befragten als Gewinner aus. Für 30 Prozent liegt Baerbock vorn und nur 25 Prozent sehen Laschet als Sieger des Triells.

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"Das ist jetzt hier nicht Ihr Ernst, Herr Scholz"

In weniger als zwei Stunden debattieren Baerbock, Laschet und Scholz neben dem Afghanistan-Einsatz die kommenden Pandemie-Monate, die Maßnahmen gegen den Klimawandel, mögliche Steuererhöhungen, Fragen der inneren Sicherheit, das Streitthema Gendern, Ostdeutschland und mögliche Koalitionen. Dieses letzte Thema, das wie so oft von den politischen Inhalten wegführt, dürfte die Parteien und insbesondere die SPD auch in den kommenden Tagen weiter beschäftigen: Weil es Olaf Scholz nicht gelingt, ein Regierungsbündnis mit der Linkspartei partout auszuschließen, und die Union ihre finale Wahlkampagne erkennbar auf einem Schreckensszenario Rot-Grün-Rot aufbaut.

"Das ist jetzt hier nicht ihr Ernst, Herr Scholz", echauffiert sich Laschet über eine erste Antwort des SPD-Kandidaten, der außenpolitische Zuverlässigkeit und ein Bekenntnis zur Nato als Voraussetzung für eine Koalition nennt. "Sie können jetzt nicht spielen wie Angela Merkel und reden wie Saskia Esken", sagt Laschet und verlangt ein klares Statement: "Ich mache es nicht: drei Worte, nein, vier Worte", rechnet Laschet vor. Doch Scholz verweigert. Baerbock will sich ebenfalls nicht ein für alle Mal festlegen, auch wenn beide glaubhaft machen, wie schwer sie sich ein Bündnis mit der Linken vorstellen können.

Schwer vorstellen kann man sich nach diesem Abend aber auch ein Regierungsbündnis zwischen Union und Grünen. Die programmatischen Unterschiede sind eben doch gewaltig: Bei der Klimapolitik wirft Baerbock der Union vor, Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit gegeneinander auszuspielen und am Ende gar nichts für das Erreichen der Pariser Klimaziele zu unternehmen. "Ihre Politik führt dazu, dass Klimaschutz sozial ungerecht ist", klagt Baerbock mit Blick auf die Weigerung der Union, Vermieter den CO2-Preis bei der Gebäudewärme zahlen zu lassen. Laschet dagegen findet die Grünen gefährlich: "Sie legen der Industrie Fesseln an und sagen "Lauf mal schneller!"". Scholz mag bei so viel Leidenschaft nicht mitgehen und beteuert: "Ich bin für einen moderaten Weg."

Franca Lehfeldt: "Annalena Baerbock hat sich berappelt und wirkte angriffslustig"

Baerbock versenkt Elfmeter

Baerbock und Laschet geraten auch bei der Corona-Politik aneinander. Alle drei Teilnehmer lehnen einen erneuten Lockdown für Geimpfte ab, wobei Baerbock als einzige eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen nicht per se ausschließt. "Jedes ​Mal gab es von der Politik das Versprechen vor den Ferien, nach den Ferien sind die Schulen sicher", klagt Baerbock mit Blick auf fehlende Raumluftfilter über das generelle Pandemie-Management. "Das geht nicht, wenn man in Regierungsverantwortung in einem Land steht, und wenn es schlecht läuft, sagt man die Bundesregierung ist schuld", kontert Laschet mit Verweis auf elf Landesregierungen, an denen die Grünen beteiligt sind.

Beim Thema Steuern wird es hitzig: Baerbock berichtet, dass bei der Einschulung ihrer zweiten Tochter vor wenigen Wochen ärmere Schüler sich keinen neuen Schulranzen hätten leisten können. "Das möchte ich ändern mit einer Kindergrundsicherung", sagt Baerbock. Kinder sollen nach Vorstellung der Grünen, aber auch der SPD, ganz rausgenommen werden aus dem Hartz-IV-System. "Den Kindern hilft man, indem man ihnen und besonders den Eltern hilft, aus Hartz IV herauszukommen", hält Laschet dagegen. "Dann sagen Sie: Solange das nicht klappt, haben die Kinder halt Pech gehabt"", verwandelt Baerbock den Elfmeter.​Bei Klimaschutz und Steuerpolitik enden die Gemeinsamkeiten​

Beim Thema Steuern wacht auch Scholz auf, als er sein Vorhaben eines um drei Prozentpunkte höheren Spitzensteuersatzes verteidigt. Steuersenkungen, wie von der Union in Aussicht gestellt, seien bei 400 Milliarden Euro Corona-Schulden "die falsche Botschaft", sagt Scholz. "Geradezu töricht die ganzen Steuerideen", findet Laschet und erklärt: "Entscheidend ist ja nicht die Höhe der Steuersätze, sondern die Höhe der Steuereinnahmen." Die Union wolle lieber durch Entlastungen die Wirtschaft entfesseln.

Scholz rüffelt Laschet auch beim Streit um den Stand des Gesetzes zur Vorratsdatenspeicherung: "Nein, Sie haben sich jetzt verheddert, das können Sie gerne mal zugeben", belehrt ihn da Scholz. In diesen Momenten, wenn Laschet schnaubend zu Boden blickt, scheint es, als müsste sich der CDU-Vorsitzende selbst zur Beherrschung ermahnen. Die Lunte da scheint mitunter kürzer zu sein, als die Zigarillos, die Laschet gerne pafft. Richtig Zoff zwischen Scholz und Baerbock ist dagegen selten. Die beiden stehen einander politisch nun einmal deutlich näher, doch für Rot-Grün reicht es den Umfragen zufolge nicht. Noch nicht: Sollte der kämpfende Laschet nicht gezündet haben in der Bevölkerung, könnte ja selbst das noch passieren.

LESE-TIPP: Konnten die Politiker überzeugen? Darüber debattierten im Triell-Talk mit Frauke Ludowig und Nikolaus Blome Günther Jauch, Louisa Dellert, Micky Beisenherz und Motsi Mabuse

(Text: Sebastian Huld, ntv.de)

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