Wer beengt lebt, ist schneller infiziert

Viele Corona-Kranke mit Migrationshintergrund - was ist dran an der These?

03. März 2021 - 18:36 Uhr

Die Tabu-Behauptung

Das lässt aufhorchen: Mitte Februar haben sich laut Bild-Zeitung der Chef des Robert Koch-Institut, Professor Lothar Wieler, und mehrere Chefärzte über überproportional viele schwer kranke Corona-Patienten mit Migrationshintergrund ausgetauscht. Der Anteil soll in einer Klinik 90 Prozent betragen haben. Wieler soll gesagt haben, das habe er auch gehört und es "ist ein Tabu." Aber stimmt das? Im Video erfahren Sie, was Ärzte aus NRW sagen.

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Exakte Zahlen? Fehlanzeige!

Wieler fügte hinzu, man müsse auf bestimmte Menschen zugehen. Damit meinte er Muslime, die man über Imame erreichen könne. Für den RKI-Chef betraf das in der Unterredung insgesamt vier Millionen Menschen und er rechnete vor: "Das entspricht einem Anteil von 4,8 Prozent. Auf den Intensivstationen liegen aber deutlich über 50 Prozent aus dieser Gruppe."

Das Problem ist nur: Diese Zahlen lassen sich nicht bestätigen. Sowohl der Marburger Bund als auch die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft führen keine Statistiken zum ethnischen Hintergrund von Patienten. Der Intensivmediziner Prof. Dr. Uwe Janssens stellte im Gespräch mit RTL nicht nur klar, dass ihm die Diskussion grundsätzlich nicht passte, mehr noch: "Wir Mediziner beharren darauf, dass es hier ein Persönlichkeitsrecht gibt. Und wir behandeln alle Patienten unabhängig von ihrer Herkunft und Hautfarbe."

Kein Tabu, sondern ein sozialer Missstand

Die fehlende statistische Basis bestätigte auch das RKI auf Nachfrage von RTL. Grundsätzlich sei die Unterredung vom Februar ein informelles Expertengespräch gewesen. "Diese Zahlen bezogen sich auf konkrete Berichte von Ärzten dreier Intensivstationen in drei Großstädten in Deutschland. Die Zahlen spiegeln nicht die Situation in ganz Deutschland wider", heißt es in der Stellungnahme.

Auf Wielers Tabu-Behauptung ging das RKI nicht ein. Die zog dafür der nordrhein-westfälische Minister Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, Joachim Stamp (FDP), massiv in Zweifel: "Wir wissen, dass weltweit gerade diejenigen, die eher in sozial schwierigeren Situationen sind, die in beengtem Wohnraum und auch stärker in Familienverbänden leben, stärker von der Pandemie betroffen sind." RTL gegenüber betonte er ausdrücklich, es sei nicht so, "dass die Intensivstationen jetzt ausschließlich mit Menschen mit Einwanderungsgeschichte belegt wären."

Prävention und Aufklärung

Trotzdem stecken große Teile der migrantischen Community in einer verzweifelten Lage. So berichtete etwa Daniel Weber vom DGB Bildungswerk über ein Wohnobjekt in Köln, in dem sich sämtliche Bewohner mit Migrationshintergrund mit Corona infiziert hätten. Wer beengt lebt, steckt sich leichter an. Hinzu kommen laut Weber ausbeuterische und prekäre Arbeitsverhältnisse. Der DGB versucht mit Beratung dagegen zu halten. "Beispielsweise: Was ist Kurzarbeit? Was steht einem an Kurzarbeitergeld zu? Wie kommst du nicht unter den Druck, jede Arbeit annehmen zu müssen? Und diese Hilfestellungen geben wir um, auch um diese sprachlichen Schwierigkeiten auszugleichen", so Weber im Gespräch mit RTL.

Für Martin Hikel, den den Bürgermeister des Berliner Stadtbezirks Neukölln, besteht zudem die Schwierigkeit, mit den Corona-Vorgaben auch alle Communitys in seinem Gebiet zu erreichen. Regeln müssen auch rein vom Inhalt verstanden werden. Neukölln war über Monate einer der Corona-Hotspots in der Hauptstadt. Der Bezirk setzt stark auf Mehrsprachigkeit. "Wir haben von Anfang an unsere Hygienevorschriften und die Hinweise, die wichtigsten Basics auch immer mehrsprachig kommuniziert, also auf Türkisch oder Arabisch, auf Rumänisch und Bulgarisch", so Hikel.