Das müssen die Tiere ertragen

Wenn das Leiden der Hunde in den Hintergrund rückt: Das versteht man unter Qualzucht

Was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff Qualzucht?
Was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff Qualzucht?
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02. November 2021 - 12:21 Uhr

Qualzucht: Damit Tiere bestimmte Merkmale erhalten

von Vera Dünnwald

Es geht um zu kurze Nasen, durch die die Tiere keine Luft mehr bekommen, zu kurze Läufe, die die Gelenke beeinträchtigen – mit all dem müssen manche Hunde leben, obwohl es ihnen alles andere als gut tut. Es betrifft Rassen wie die Französischen Bulldoggen und Möpse. Aber auch bei anderen Hunderassen wird eine Gesundheitsgefährdung wissentlich in Kauf genommen, damit der Halter am Ende einen süßen, felligen Begleiter an seiner Seite hat. Aber wann spricht man eigentlich von einer Qualzucht?

Dann spricht man von Qualzucht

Alexander J. Probst, 2. Vorstand des Internationalen Hunde Verbandes e.V. (IHV), weiß, welche Hunderassen besonders leiden und welche Auflagen seriöse Züchter beachten müssen. Der Verband sieht sich als zuchtbuchführender Verein, dem Wohl des Tieres verpflichtet, heißt es auf der Webseite. Im RTL-Interview definiert er den Begriff Qualzucht so: "In dem Moment, wo das Tier, das gezüchtet worden ist, nicht mehr ohne Einschränkungen, die durch die Zucht hervorgerufen wurden, leben kann – dann spricht man von einer Qualzucht." Auch wenn das Tier in ein Schönheitsideal gezüchtet wird, das ihm am Ende nicht gut tut, hat man es mit einer Qualzucht zu tun.

Heißt an einem konkreten Beispiel: Wenn man sich die gekürzten Schnauzen der Möpse anschaut, erkennt man, dass das nicht immer so war. Mit dem Mops, der vor Jahrhunderten gelebt und eine "normal" aussehende Hunde-Schnauze hatte, haben die im Hier und Jetzt lebenden Möpse wenig gemein. Und das ist laut Probst problematisch. "Die Möpse zum Beispiel können durch ihre immer kleiner werdenden Nasen immer schlechter atmen, sie tun sich immer schwerer damit und bekommen insgesamt wenig Luft. Und wer nicht atmen kann, ist nicht belastbar", erklärt Probst.

Und wenn man das willentlich in Kauf nimmt, dass man Tiere züchtet, wo man schon im Voraus weiß, dass sie in ihrem Leben kaum belastbar sein werden, dann fällt auch das unter Qualzucht. Ebenso wie das wissentliche Weiterzüchten mit kranken Tieren.

Eine Illustration von Carl Reichert aus dem 19. Jahrhundert zeigt Mops-Welpen in einem Korb.
Diese Zeichnung stammt etwa aus dem späten 19. Jahrhundert und zeigt ganz deutlich: Die Schnauzen der Möpse waren damals noch nicht so gekürzt, die Nasen noch nicht so platt wie heute.
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Eine Profil- und Seitenansicht eines Mopses mit einer verkürzten Schnauze.
So sieht die Hunderasse der Möpse heute aus, man erkennt deutlich die verkürzte Schnauze.
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Auch diese Aspekte weisen auf eine Qualzucht hin

Was ebenfalls mit Qualzucht zu tun hat, ist, wenn man Hunde größer oder kleiner züchtet, obwohl die Rasse das nicht vorsieht. Man betrachtet meist zuerst das äußerliche Erscheinungsbild, das plötzlich nicht mehr mit dem Standard übereinstimmt. Doch es ist noch viel schlimmer, denn auch im Inneren der Hundekörper decken sich die Proportionen nicht mehr. Und das beeinträchtigt mitunter die Organe der Tiere. "Dadurch werden sie im Endeffekt gequält", wie Probst zusammenfasst.

Alexander Probst erklärt, dass der Grad zur Qualzucht sehr schmal ist und sich meist auf "Trend-Hunde" bezieht: "Vor einigen Jahren war der Deutsche Boxer in, auch ein Hund mit einer extrem kurzen Schnauze. Doch bei ihm sind die Beine das Problem. Im Laufe der Zeit, nach intensivem Züchten, wurden die Hinterläufe der Tiere immer kürzer." Und darunter leiden die Tiere natürlich, denn: Sie müssen ihr Gewicht plötzlich anders verteilen, Gelenkbeschwerden sind keine Seltenheit.

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Wie Hundezucht richtig geht

Rottweiler, große Hunde, die zu den Molossern gehören, zum Beispiel müssen laut Probst unter strengen Auflagen gezüchtet werden. Nur so können sie gesund und alt werden. Das Herz von beiden Hunde-Elternteilen ist dabei von großer Bedeutung, von beiden Partien muss es kerngesund sein. Was ebenfalls so gewährleistet werden kann? Dass die Trächtigkeit für die Hündin keine Belastung darstellt. Die Genetik der Hunde spiele, so Probst, immer eine wichtige Rolle.

Selbstverständlich werde auch außerhalb der Verbände gezüchtet, aber um auf Nummer Sicher zu gehen, dass man am Ende auch wirklich einen gesunden Hund kuschelt, sollte man auf seriöse Hundezüchter achten. Der Internationale Hunde Verband e.V., für den Probst zuständig ist, arbeitet mit solchen zusammen. Zu jedem zur Zucht verwendeten Hund, sei es der Deckrüde oder die Hündin, muss beispielsweise ein genetischer Abstammungsnachweise in einem Labor hinterlegt werden. Die späteren Ahnentafeln der Welpen bestätigen so, dass die Elterntiere gesund sind.

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Aber woran erkennt man seriöse Züchter?

Ein Deutscher Schäferhund liegt mit seinen Welpen auf einer Wiese.
Keine Frage: Welpen sind zuckersüß. Aber sind sie auch gesund?
© sergio_kumer, Kumer Sergii

"Ein guter Züchter ist eingeschrieben in einem Zuchtverband. Das heißt, dass die Tiere dort ihre Ahnentafeln bekommen. Dort ist zum Beispiel auch hinterlegt, wie oft die Hündinnen belegt werden", weiß Alexander Probst. Das sei vor allem deswegen wichtig, um ausschließen zu können, dass es sich um einen so genannten Vermehrer handelt. Diese betreiben eine "andere" Form von Qualzucht: Sie sind auf das schnelle Geld aus, wollen möglichst schnell viele Welpen "produzieren" – egal wie. Der Unterschied ist, dass sie das Aussehen der Tiere dabei nicht verändern wollen.

Außerdem sollte die Zuchtstätte sauber und gepflegt sein. Ist man an einem Hund vom Züchter interessiert, sollte man sich Probst zufolge folgende Fragen stellen:

  • Sind die Welpen stets bei ihrer Mutter?
  • Kann man beide Elterntiere sehen, wenn man zu Besuch ist?
  • Wie ist die Haltung der Tiere? Denn: Gerade Zuchthündinnen müssen ordnungsgemäß gehalten werden.

Generell überhaupt hinfahren zu können, sei ein wichtiger Indikator. Und: "Sie als Interessent – oder vielleicht sogar schon Käufer – sollten in der Lage sein, auch recht spontan hinfahren zu dürfen, ohne sich Wochen im Voraus anzumelden, damit erst einmal alles schön zurecht gemacht werden kann."

Woaruf Sie achten sollten, wenn Sie sich einen Hund zulegen wollen

Alexander Probst hat eine wichtige Message, für all diejenigen, die sich einen Hund zulegen wollen – egal ob vom Züchter oder aus dem Tierheim: "Schauen Sie sich die Rasse, die Sie haben wollen, genau an. Informieren Sie sich, ob die Rasse am Ende auch wirklich zu Ihnen passt und ob Sie der Rasse gerecht werden können." Genau das sei der springende Punkt: Wir müssen dem Hund gerecht werden. "Die wichtigste Aufgabe des Menschen ist es, der Hüter des Hundes zu sein. Wir sind dafür da, um auf den Hund aufzupassen – und nicht umgekehrt."

Google und Hundebücher sollte man immer bei der Auswahl hinzuziehen. Wie man einer Rasse, die möglicherweise einer Qualzucht entstammt und auf ein gewisses Schönheitsideal getrimmt wurde, findet? "Recherchieren Sie und versuchen Sie herauszufinden, wie die Rassen noch vor 30 oder mehr Jahren ausgesehen haben. Sehen Sie heute auch noch so aus – oder komplett anders? Was hat sich verändert? Erkennt man einen deutlichen Unterschied, sollte man sich Gedanken machen, ob man die Qualzucht mit einem Kauf unterstützt."

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